Das Wort zum SonntagDie Kirche muss sich endlich der virulenten Frage nach Gott stellen

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Bensheim: Jesus (Julian Lux) hängt während der Karfreitagsprozession am Kreuz

Bensheim: Jesus (Julian Lux) hängt während der Karfreitagsprozession am Kreuz

Hartmut Kriege von der katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus in Bonn macht sich zum Tag des Herrn Gedanken.

Unter allen Gesetzen „gibt es keines, das den Fürsten günstiger wäre als das christliche. Denn es unterwirft ihnen nicht nur die Leiber und Güter der Untertanen (…), sondern auch die Seelen und die Gewissen und bindet nicht nur die Hände, sondern auch die Gefühle und die Gedanken“. Autor dieser klarsichtigen These ist der Jesuit Giovanni Botero (1540-1617), der zeitweise als Sekretär des Mailänders Erzbischofs Carlo Borromeo amtierte.

Als nach dem Konzil von Trient der katholische Widerstand gegen die reformatorischen Ideen Luthers und Calvins Fahrt aufnahm, brauchte es den engen Schulterschluss zwischen (katholischem) Thron und (römischem) Altar. Doch dieser endete letztlich in der Unterwerfung der Kirche unter die Interessen des (absolutistischen) Staates, wie Bismarck es noch im „Kulturkampf“ versuchte. Die in Weimar (1919) verfassungsgemäß geregelte Trennung von Staat und Kirche in Deutschland gelang nicht, sondern mauserte sich zu einem (weiter aktiven) kooperativen Bündnis von Thron und Altar (hinkende Trennung). Nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft hatte die Kirche als (selbsterklärte) „Siegerin in Trümmern“ geglaubt, Deutschland und Europa ins Christliche Abendland zurückholen zu können. Dass sie damit selbst in der restaurativen Ära Adenauer scheiterte, markiert den breiten Graben zwischen den Gesellschaftsvorstellungen einer weiter von neuscholatischer Theologie geprägten Institution und den neuen, real-existierenden Verhältnissen. Auch das letzte Konzil scheiterte in dieser Frage.

Der Missbrauchsskandal, der gerade die Katholische Konfession so nachhaltig erschüttert, ist Teil einer Erosion, welche die „Santa Omerta“, die heilige Verschwiegenheit der Kirche zu einer so noch nie gekannten aufklärenden Rede zwingt. Die Kirche dürfte sich von dem Schlag kaum mehr erholen. Ob sie in der Folge eine andere, eine „unreine“, eine menschlich verletzbare Ecclesia wird, bemisst sich daran, ob sie sich endlich der virulenten Frage nach Gott stellt: einem Gott, dessen schier quälende Unbegreiflichkeit mehr Menschen der Kirche entfremdet als basiszerstörende Skandale.

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