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Polizei erklärtSo handeln Eltern richtig, wenn ihr Kind verschwunden ist

Lesezeit 4 Minuten
Verschwindet ein Kind, beginnen für die Eltern quälende Stunden.

Verschwindet ein Kind, beginnen für die Eltern quälende Stunden.

Mehr als 100 000 Kinder und Jugendliche im Jahr werden in Deutschland als vermisst gemeldet, so die Angaben der „Initiative Vermisste Kinder“. Am 25. Mai, dem Tag der vermissten Kinder, wird jährlich an sie erinnert. Viele Vermisstenfälle klären sich schnell wieder auf, laut Bundeskriminalamt innerhalb der ersten Woche. Nach einem Monat sind 80 Prozent gelöst. Nur etwa drei Prozent der Vermissten sind auch nach einem Jahr noch verschwunden. Bundesweit gelten derzeit (Stand Mai 2017) 1886 Kinder bis 13 Jahren und 7688 Jugendliche als vermisst.

Für Eltern ist es wohl die größte Horrorvorstellung, wenn das eigene Kind auf einmal verschwindet. Was können sie tun, wenn ihr eigenes Kind betroffen ist?

Bleiben Sie ruhig

Rufen Sie Freunde, andere Eltern und Nachbarn an. Einfach jeden, der wissen könnte, wo ihr Kind steckt. Sorgen Sie dafür, dass die Suche nach ihrem Kind weitergetragen wird. Es muss immer jemand in der Nähe des Telefons sein. Falls Sie das nicht selbst können, bitten Sie jemanden, ihr Telefon zu überwachen.

Informieren Sie die Polizei!

Zögern Sie nicht lange, die 110 anzurufen und erstatten Sie eine Vermisstenanzeige. Es könnte kostbare Zeit verstreichen. Geht ein Kind verloren, taucht es in 99 Prozent aller Fälle schnell wieder auf. Beschreiben Sie der Polizei ihr Kind, welche Kleidung es trägt und ob es eine Zahnspange oder Brille trägt. Erklären Sie außerdem, wo es zuletzt war und wohin es wollte. Jede Information kann helfen.

Umgebung gründlich absuchen

Holen Sie sich Hilfe. Lassen Sie Freunde, Bekannte oder Nachbarn die Umgebung gründlich absuchen. Es sollten alle Orte abgesucht werden, an denen sich Ihr Kind aufhalten könnte (Schulweg, Spielplatz, sonstige Lieblingsplätze). Versuchen Sie möglichst genau (zusammen mit Angehörigen und Freunden) die Familiensituation und die letzten Tage (inklusive aller Aktivitäten) zu rekonstruieren. Ein Streit oder eine Strafe könnten hinter dem Verschwinden stecken.

Jemand muss zuhause sein

Sorgen Sie dafür, dass immer jemand zu Hause ist. Sorgen Sie dafür, dass immer jemand ans Telefon geht.

Weitere Such-Initiativen

Schalten Sie die Presse oder soziale Netzwerke wie Facebook erst nach Rücksprache mit der Polizei ein. Die Polizeit hat Spezialisten für Vermisstenfälle. Informieren Sie die Polizei über alle Aktivitäten.

Vermissten-Notrufnummer 116 000

Es gibt eine europäische Vermissten-Notrufnummer. Egal, ob ihr Kind im Sommerurlaub in Frankreich oder zu Hause in Deutschland vermisst wird, rufen Sie die 116 000 an. Dort erhalten Sie Hilfe. Mehr Informationen zur Notrufnummer finden Sie auf der Seite http://missingchildreneurope.eu/116000hotline

Prävention: Stärken Sie Ihre Kinder

Die Polzei Nordrhein-Westfalen hat eine Handlungshilfe für Eltern herausgegeben. Was können Eltern tun, um zu verhindern, dass ihr Kind mit Fremden mitgeht.

Auf der Seite der Initiative Vermisste Kinder finden sich weitere Informationen.

Warum verschwinden Kinder? Und kann man sie davor schützen?

Der Jurist Lars Bruhns ist der Vorstand der Initiative Vermisste Kinder. Der 34-Jährige arbeitet seit 17 Jahren in dem Hamburger Verein mit, der einst von seiner Mutter gegründet wurde.

Wie kann es sein, dass ein Kind so spurlos verschwindet? Lars Bruhns: Es gibt vielfältige Gründe für das Verschwinden eines Kindes. In diesem Fall können wir uns bisher nur im Bereich der Spekulationen bewegen, was nur in die Arbeit der Polizei eingreifen würde. Grundsätzlich ist es aber auch in Deutschland möglich, spurlos zu verschwinden. Im Falle eines Kindes, das über mehrere Tage verschwunden ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer Fremdeinwirkung oder eines Unfalls sehr hoch.

Hier, wie auch in anderen Fällen, beteiligen sich neben der Polizei auch viele Helfer an der Suche, auch über Facebook. Ist das hilfreich, oder kann das auch kontraproduktiv sein?

Bruhns: Grundsätzlich ist es sehr positiv, wenn sich sehr viele Menschen an der Suche beteiligen. Die enorme Beteiligung im Fall Elias ist etwas, auf das die Menschen schon mit Stolz drauf blicken können. Wir würden uns aber wünschen, dass eine solche Beteiligung gerade im digitalen Bereich kanalisierter abläuft, im Idealfall mit der Polizei als direktem Absender. Also, dass die Polizei eine digitale Suchseite betreibt, integriert in soziale Medien, über die ein offizieller Aufruf geteilt und Informationen gegeben werden können. Derzeit haben wir eine Vielzahl an sehr unterschiedlichen Kanälen, was im Zweifel Unruhe auslösen und Gerüchte forcieren kann.

Viele Eltern fragen sich, wie sie ihr Kind schützen können. Was raten Sie?

Bruhns: So furchtbar Fälle wie die von Elias und Inga sind, so sehr müssen wir auch sehen, dass es sich hier um seltene Einzelfälle handelt und es keine grundsätzliche Bedrohungslage für Kinder in Deutschland gibt. Die Gratwanderung zwischen dem Schutz und ebenso auch Schutzbedürfnis des Kindes gegenüber der benötigten Freiheit und Selbstständigkeit in der Entwicklung ist äußerst schmal. Wir dürfen Angst nicht zu einem Faktor der Kindeserziehung machen und Kinder sollten eben auch Kinder sein dürfen. Der beste Schutz gegen Verbrechen sind starke, selbstbewusste Kinder.

Die Erfahrungswerte über die Jahre im In- und Ausland haben gezeigt, dass Kinder, die sich wehren, die laut sind, die selbstbewusst sind, oftmals ein Verbrechen abwehren konnten. Auch eine Trillerpfeife kann - nach Anleitung und Einweisung der Eltern - als Hilfsmittel, um so in möglichen Notsituationen auf sich aufmerksam machen zu können, mitgeführt werden. (dpa)

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