Film „Embrace“Warum Frauen immer noch ihren Körper hassen

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Emanzipiert, aber trotzdem mit dem eigenen Körper unzufrieden: So geht es vielen Frauen.

Wir leiten Konzerne, wir fliegen ins All, wir führen Kriege und retten die Welt. Wir sind schließlich emanzipierte Frauen. Vor allem lieben wir heute, wen wir wollen. Nur nicht uns selbst.

Ganz egal, wie selbstbewusst Frauen sich nach außen geben, das Hadern mit dem eigenen Körper haben die meisten seit ihrer Kindheit tief verinnerlicht. Im Trailer des neuen Films „Embrace“ heißt es: „91 Prozent aller Frauen hassen ihren Körper.“

Nora Tschirner ist Produzentin des Films

Der Film zeigt sehr eindrücklich, wie sehr Frauen an ihrem Äußeren gemessen werden, und immer wieder unter dem Druck leiden, perfekt aussehen zu müssen. Schauspielerin Nora Tschirner hat die australische Dokumentation, die am 11. Mai einmalig in deutschen Kinos zu sehen ist, produziert.

Die Dokumentation dreht sich um die Australierin Taryn Brumfitt, die mit Posts von den gegenübergestellten Fotos ihres vermeintlich perfekt trainierten Körpers und ihres vermeintlich nicht perfekten Körpers 2013 weltweit für Furore sorgte und auf etlichen Titeln internationaler Medien landete.

Brumfitt beleuchtet als Regisseurin und Protagonistin des durch Fundraising finanzierten Films ihr Ringen um ein gesundes Körperbewusstsein: Die Australierin hat drei Kinder bekommen – und ist unglücklich mit ihrem Körper. Dann hungert sie, treibt exzessiv Sport, entspricht schließlich dem gängigen Schönheitsideal – und ist unglücklich mit ihrem Körper.

Selbstliebe ist heute vielleicht so schwer wie nie zuvor

Das zeigt: Man kann die Hülle noch so sehr formen, und dem vermeintlichen Idealbild anpassen – die ständigen Zweifel werden bleiben. Nur wer mit sich im Reinen ist, seinen Körper liebt und umarmt, wie der Film suggeriert, wird sie vertreiben können. Dabei ist das heute vielleicht so schwer wie noch nie zuvor.

Das verdeutlichen auch die zahlreiche Reaktionen auf die Ankündigung des Films in den sozialen Netzwerken.  Nora Tschirners Facebook-Hinweis auf den Film inklusive Trailer von Sonntag wurde schon von fast 40.000 Usern mit „Gefällt mir“ markiert, rund 20.000 Mal geteilt und fast 2000 Mal kommentiert.

„Es betrifft fast jede Frau“

„Der Trailer spricht mir aus der Seele“, erklärt etwa eine Userin. „Es betrifft fast jede Frau in der einen oder anderen Form“, schreibt eine andere Nutzerin. Und eine Mutter erklärt: „Ich finde dieses Projekt fantastisch. Meine älteste Tochter ist gerade in der Pubertät und mit Erschrecken stelle ich fest, dass ihre Mitschüler alle irgendwie etwas an ihrem Körper auszusetzen haben.“

Früher konnte man sich noch sagen: Naja, die Supermodels, die da oben, die machen ja den ganzen Tag nichts anderes, als für den perfekten Körper zu leben. Ist ja auch irgendwie ihr Job. Das Problem heute ist, dass auch die Claudia von nebenan aussieht wie die Schiffer. Zumindest scheint es so.

Keine Supermodels mehr, dafür überall Models

Es gibt keine Supermodels mehr, weil wir umzingelt sind von Models: Nicht nur die böse Modebranche, nicht nur die schlimmen Medien, nicht nur Heidi Klum und ihre „Meedchen“ donnerstags um 20.15, nicht nur die ätzende Almased-Werbung vor der Tagesschau vermitteln uns diesen Eindruck.

Wir werden überflutet von perfekten Bildern: von unseren Klassenkameradinnen, unseren Kolleginnen, unseren Freundinnen. Dank Instagram, dank Tinder, dank Photoshop. Der Feind lauert in unserer Facebook-Timeline. Und lächelt.

Und am Ende lächeln wir zurück mit einem retuschierten Bild und setzen andere Frauen damit unter Druck. Es ist ein Teufelskreis.

Es ist nicht normal, unretuschierte Bilder zu posten

Dass es nicht normal und alltäglich ist, unretuschierte Bilder zu posten, zeigt allein schon die Aufregung, die um jedes „mutige“ Bild eines ungeschminkten Stars gemacht wird. Dass „authentische“ Bilder eines Frauenkörpers nach der Geburt etliche Artikel wert sind.  Dass es überhaupt ein Thema ist, wie Frauen nach der Geburt aussehen (Stichwort:  „After-Baby-Body“). Oder während der Schwangerschaft („süße Kugel“). Oder während der Wechseljahre („reife Schönheit“). Oder während der Pubertät („schlaksiges It-Girl“). In jedweder Lebensphase werden sie danach bewertet.

„Ich war nicht groß genug, ich war nicht dünn genug, ich war nicht blond genug – ich war einfach nie genug“

„Ich war nicht groß genug, ich war nicht dünn genug, ich war nicht blond genug – ich war einfach nie genug“, erklärt eine andere befragte Protagonistin in dem Film, für den Brumfitt zwei Jahre lang auf der ganzen Welt Interviews geführt hat. Nicht kurvig genug, nicht sportlich genug, nicht jung genug, nicht hübsch genug. Man könnte diese Liste ewig fortsetzen.

Natürlich könnte man den vermeintlich so emanzipierten Frauen jetzt zurufen: Lasst Euch doch davon nicht beeindrucken. Dass das nur sehr schwer möglich ist, zeigt auch ein Untersuchung der Harvard University: Vor der Einführung des Fernsehens waren Essstörungen auf den Fidschi-Inseln kaum bekannt, erst nach dem Sendestart 1995 verbreiteten sie sich rasant.

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen

Heute dürfte dieser Effekt ungleich größer sein, schließlich gibt es kaum ein Entkommen vor den perfekten Bildern: Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen, teilte die Krankenversicherung Barmer GEK kürzlich mit. Die Zahl der Betroffenen sei bundesweit zwischen 2011 und 2015 um etwa 13 Prozent gestiegen.

„Niemand sollte sich zu Tode hungern, nur um so auszusehen wie Frauen in Magazinen“, sagt eine magersüchtige Frau in Embrace. Auch wenn immer häufiger auch Jungen und Männer betroffen sind, und dem perfekten Körper nachrennen, so beginnt die gesellschaftliche Körper-Konditionierung von Mädchen und Frauen doch schon in ihrer frühen Kindheit. Schließlich bekommen Mädchen erwiesenermaßen schon früh mehr Komplimente für ihr Aussehen, während Jungen für Ihre Leistung gelobt werden. „Jahrelang hat die Gesellschaft Frauen eingeredet, dass sie schön sein müssen“, heißt es in dem Film. „Als wäre das das Wichtigste, was sie sein können.“

Die Zweifel vererben sich von Generation zu Generation

Wichtigstes Vorbild für Mädchen ist die Mutter, wie eine israelische Studie verdeutlicht: Ist sie mit ihrem Körper zufrieden, ist es auch die Tochter. Heißt: Mütter dürfen ihren Töchtern nicht vorleben, dass sie heute nicht das enge Top anziehen, weil sie „so einen Blähbauch“ haben oder dass es sie nervt, dass sie nicht in „ihre Lieblingsjeans“ passen. Mädchen merken sich das.

„Ich will nicht, dass es meiner Tochter genauso geht“

Die Zweifel vererben sich von Generation zu Generation. Regisseurin Brumfitt sagt: „Ich will nicht, dass es meiner Tochter genauso geht wie mir.“ Ihr Film und ihre Initiative „Body Image Movement“ könnten einiges dazu beitragen, dass diese gefühlt ewig währende Kettenreaktion unterbrochen wird.

Genauso wie die Gegenbewegung, die sich seit einiger Zeit im Netz formiert, die diese Blase der perfekten Bilder immer wieder empfindlich sticht, und sie mit ihren Posts vielleicht doch hin und wieder zerplatzen lässt. Unter Hashtags wie #EffYourBeautyStandards und #curvy posten Frauen Fotos ihrer vermeintlich unperfekten Körper.

Unter  #ThighReading sind authentische Bilder weiblicher Oberschenkel zu sehen, unter #LoveYourLines zeigen Userinnen Fotos ihrer Dehnungs- und Schwangerschaftstreifen, die schon fast an Kunstwerke erinnern.

„So bekommt man eine Bikini-Figur: Zieh einen Bikini an!“

Nachdem in London vor zwei Jahren unzählige Werbe-Plakate für ein Abnehm-Produkt mit extrem bearbeiteten Fotos eines Models fragten: „Are you beachbody ready?“ (etwa „Hast Du schon eine Bikinifigur?), gingen Frauen in den sozialen Medien auf die Barrikaden: Unter dem Hashtag #EveryBodysReady hieße es etwa: „So bekommt man einen Bikini-Body: Zieh einfach einen Bikini an!“

Bis Frauen aber tatsächlich, so wie Taryn Brumfitt es in ihrem Film fordert, „keinen einzigen Tag“ damit verschwenden, ihren Körper zu „bekriegen“, ist es noch ein langer Weg. Das zeigt auch die Antwort einer Protagonistin des Films auf die Frage, wie es für sie wäre, wenn sie ein Leben führen würde, ohne sich ständig Gedanken, über ihr Gewicht und ihren Körper machen zu müssen. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich das anfühlen würde“, so abwegig ist der Gedanke für sie. Sie hätte auch sagen können: Klingt nach der perfekten Welt.

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