„Ein Campus für Visionäre aus aller Welt“Sabriye Tenberken beschreibt Gründung des kanthari-Institus im südindischen Kerala

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Ihren Partner Paul Kronenberg hatte Sabriye Tenberken zur Buchvorstellung mitgebracht. Beide stellten ihr Projekt in Südindien vor. (Foto: Kehrein)

Swisttal-Morgenhoven – Wie es ist, ein Außenseiter zu sein und ausgegrenzt zu werden, hat sicher jeder schon einmal auf die eine oder andere Weise erlebt. Auch die Morenhovenerin Sabriye Tenberken, deren Eltern in den 1970er Jahren die inzwischen weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannte Kreativitätsschule gründeten, weiß, was es heißt, wenn jemandem wegen einer Behinderung wenig zugetraut wird. In der „Krea“ stellte die 45-jährige Autorin und Gründerin der Organisation „Braille ohne Grenzen“ denn auch ihr aktuelles Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala. Die Welt verändern das kann man lernen“ vor.

Durch eine graduelle Erblindung ab dem neunten Lebensjahr erlebte die studierte Tibetologin bereits als Kind Diskriminierungen aus ihrem Umfeld. „Blinde Kuh“ und „Blindschleiche“ seien nur nur einige der ihr gegenüber von Mitschülern verwendeten Namen gewesen, die bei ihr die Vorstellung geweckt hätten, sich nicht mehr auf ihre Augen verlassen zu können, nicht mehr dazuzugehören, blind zu werden. „Blind zu werden war für mich eine Horrorvorstellung“, erzählte Tenberken. Aber sie hat sich freigeschwommen.

„Ein Campus für Visionäre aus aller Welt“

In ihrem neuen, 288 Seiten umfassenden Werk beschreibt Tenberken die Gründung des kanthari-Institus im südindischen Kerala, „ein Campus für soziale Visionäre aus aller Welt, die selbst einer gesellschaftlichen Randgruppe angehören“. Gemeinsam mit ihrem Partner Paul Kronenberg zeigte Tenberken Fotos vom Campus und den innovativen Gebäuden, bei deren Errichtung auf klimaschonende, effiziente Lösungen für nachhaltige Energieversorgung Wert gelegt wurde. Genutzt wird Solar- und Windenergie, es gibt Ameisenkanäle, Flaschenlampen und vieles mehr.

So erfindungsreich wie die Gebäude, so kreativ sind die Lehrmethoden und Ziele von Sabriye Tenberken, deren auf Spenden angewiesene Projekte inzwischen vielfach ausgezeichnet worden sind. Die Erfolge der in Tibet gegründeten Blindenschule hätten sie darin ermutigt, in Indien das kanthari-Institut mitzugründen. „Es ist eine globale Traumwerkstatt“, so Tenberken, in dem Erwachsene ab 22 Jahren „alles lernen, was man braucht, um Visionen von einer sozialeren, gerechteren und friedlicheren Welt zu realisieren“. Sabriye Tenberken berichtete den Besuchern von erfolgreichen kanthari-Projekten in Afrika, zeichnete ihren eigenen Weg zur Unabhängigkeit nach und schilderte die abenteuerlichen Anfänge und das Campusleben in Kerala.

Publikumspreis für Film „Blindsight“

„Durch meine Blindheit wurde ich gezwungen, meine eigenen Vorstellungen so bunt wie möglich zu entwickeln“, erklärte die sportliche Frau, die vor einigen Jahren mit einer Gruppe von sechs blinden Schülern auf dem Lhakpa Ri, das ist einer der kleineren Berge um den Mount Everest auf der tibetischen Seite, eine Bergtour unternommen hatte. Über das Unternehmen wurde der Film „Blindsight“ gedreht, der 2007 mit dem Publikumspreis der Berlinale ausgezeichnet wurde. Inzwischen fühlt sich Sabrye Terberken durch ihre Blindheit nicht mehr als Außenseiterin – und das merkt man ihr an.

Die Welt sei bunter und schöner geworden, weil sie sich die Dinge in ihrer Vorstellung ausmalt, sagt sie lächelnd und berichtet mit großem Enthusiasmus von einigen der 117 Absolventen des von ihr 2009 mitbegründeten indischen Ausbildungszentrums. Die Menschen, die dort ausgebildet würden, hätten meist viel durchgemacht und kämen überwiegend aus Entwicklungsländern, so Tenberken. Im Institut erhielten sie Konzepte zur sozialen Veränderung und würden dadurch in die Lage versetzt, ihre eigenen Projekte zu starten und zu leiten: „Kanthari möchte durch einen Multiplikatoreffekt dazu beitragen, dass weltweit mehr benachteiligte Menschen Lösungen für Ausgrenzung und Hunger, Armut und Umweltprobleme entwickeln.“

„kanthari“ stammt von im südindischen Kerala wachsender Chili-Art

Tenberken und Kronenberg sind davon überzeugt: „Blinde können fast alles, was Sehende auch können. Alles ist nur eine Frage der Methoden und Techniken.“ Kanthari-Absolvent Nicholas Kimuyu aus Kenya etwa lege in der von ihm gegründeten Vorschule für Kinder mit und ohne Behinderung viel Wert auf die Stärkung und das Training des Selbstvertrauens. Nach einiger Zeit seien die von ihm unterrichteten Kinder in der Lage, eine Regelschule zu besuchen, erfahren die Besucher.

Der Name „kanthari“ stammt übrigens von einer im südindischen Kerala wild wachsenden Chili-Art. Die Schoten, die Tenberken am Abend mitgebracht hatte, seien das perfekte Symbol für einen besonderen Menschentyp: im Abseits zu finden und allen Widrigkeiten trotzend.

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