50 Jahre Kommunale NeugliederungEin Eifelkreis hätte es nicht leicht gehabt

Lesezeit 7 Minuten
Neuer Inhalt

Von Hellenthal bis Roetgen: Im Westen grenzt der Eifelkreis an Belgien.

Kreis Euskirchen/Monschau – Es war der größte Wunsch vieler Bürger in den Altkreisen Schleiden und Monschau: eine zusammenhängende Nordeifel. Das Land entschied sich dagegen. Die Nordeifel wurde zwischen den Kreisen Aachen, Düren und Euskirchen aufgeteilt. Die Sorge in Düsseldorf war damals, dass der arme Eifelkreis nicht überlebensfähig sein könnte – weder allein noch gemeinsam. Wie aber hätte ein Eifelkreis Schleiden-Monschau abschneiden können? Hätte sich die Nordeifel aus Mangel an Arbeitsplätzen entvölkert? Hätte die Region wirtschaftlich brachgelegen? Und wie wären die Nordeifeler mit Corona-Pandemie und Flutkatastrophe umgegangen? Ein theoretischer Rückblick.

Totgesagte leben länger. Der Eifelkreis feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag – und trotzte damit allen Warnungen und Prognosen der Landesregierung. Für die Eifeler war die Zeit seit der Kommunalen Neugliederung 1972 allerdings nicht immer leicht. Die Ausgangslage in der Nordeifel war denkbar schlecht. Das Land wollte während der Kommunalen Neuordnung Kreise mit einer Größe von mindestens 150.000 Einwohnern schaffen. Das vereinigte Schleiden-Monschau kam auf gerade mal 120.000 Menschen, die sich auf unzählige kleine Dörfer verteilten.

Schwache Wirtschaft, kaum Infrastruktur

Ein großes Mittelzentrum wie im damaligen Nachbarkreis Euskirchen gab und gibt es bis heute nicht. Stattdessen ist das Verwaltungszentrum des Kreises auf die Orte Schleiden, Gemünd und Kall aufgeteilt. Wirtschaftswissenschaftler und Politik prophezeiten der Region daher ein schweres Schicksal – das sich schneller als erwartet bewahrheitete. Mehr als 1000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft fielen allein bis Anfang der 1980er-Jahre weg. Die schlecht ausgebaute Infrastruktur des Kreises war wenig attraktiv für die Industrie, die wenigen Handwerksbetriebe meist so klein, dass sie nicht konkurrenzfähig waren.

Neuer Inhalt

Schwere Zeiten waren die 1970er für viele landwirtschaftliche Betriebe in der Nordeifel.

Von den Hiobsbotschaften zeigte sich der neue Kreis aber unbeeindruckt. Er hatte prominente Befürworter wie NRW-Innenminister Willi Weyer und Hubert Schmitt-Degenhardt, den Präsidenten der Bezirksregierung Aachen, hinter sich. Ihnen war schon in den 60ern klar, was die Stärke des Eifelkreises ist. Dem eigenen Kreistag erläuterte die Kreisverwaltung von Schleiden 1967: Die Nordeifel sei ein geografisch zusammengehöriges, in seiner Struktur und seinen Entwicklungstendenzen gleich ausgerichtetes Gebiet. Oder vereinfacht gesagt: Die Wirtschaft der Region lässt sich als Ganzes entwickeln.

Tourismus-Boom in der Nordeifel

Kleine Industriezentren bildeten sich in Roetgen-Lammersdorf, im Schleidener Tal, in Blankenheim und Mechernich heraus. Arbeitskräfte gab es genug, meist aus der brachliegenden Landwirtschaft. Weil Schleiden nicht mit dem wirtschaftlich starken Euskirchen zusammengelegt wurde, flossen auch die Fördergelder der Landesregierung weiter in die strukturschwache Region.

Der Bund investierte in den Lückenschluss der A1 – zu groß war die Angst, dass die Nordeifel wirtschaftlich abgehängt wird. Die Landesregierungen in Düsseldorf und Mainz einigten sich deshalb schnell auf den Ausbau. Die Nachfrage nach großen Industriebetrieben blieb allerdings aus. Doch Schleiden-Monschau profitierte von einem anderen Wirtschaftszweig: dem Tourismus.

Die Serie

Kommunale Neugliederung

Mit dem Aachen-Gesetz, das am 1. Januar 1972 in Kraft trat, wurde das Gebiet des Regierungsbezirks Aachen und des Kreises Euskirchen neu gegliedert. Für die Menschen in den Altkreisen Euskirchen und Schleiden war die Zusammenlegung ein einschneidendes Erlebnis.

Wirtschaft, Natur, Entwicklungsstand – in fast jeder Hinsicht unterschieden sich Nord- und Südkreis damals. Im neuen Kreis trafen zwei Mentalitäten aufeinander, die kaum verschiedener sein könnten. Konflikte zwischen Nordeifelern und Flachlandbewohnern waren programmiert.

Mittlerweile sind 50 Jahre vergangen. Viele Hoffnungen der damaligen Politik haben sich erfüllt, aber auch die Kritiker sollten Recht behalten. In dieser Serie beleuchtet die Redaktion die Neugliederung – immer mit der Zukunft im Blick. Wir haben mit Zeitzeugen und Entscheidern von heute gesprochen, in Archiven und historischen Sammlungen recherchiert.

Im Mittelpunkt der Serie stehen Fragen wie: Sind alte Rivalitäten noch immer ein Thema? Welche unsichtbaren Grenzen gibt es zwischen den Altkreisen? Wie stünde ein theoretischer Eifelkreis Schleiden-Monschau heute da? (maf)

Mehrere Varianten

Schon vor der Kommunalen Neugliederung diskutierten die Kreise Schleiden und Monschau über einen freiwilligen Zusammenschluss. Im Südosten von Nordrhein-Westfalen strebten sie einen Kreis an, der das geografische Gebiet der Nordeifel umfasst.

Wie groß der Eifelkreis geworden wäre, hätte von der gewählten Variante abgehangen. Diskutiert wurden verschiedene Grenzen – Regionalplaner Gerhard Isbary etwa schlug eine Variante  ohne Roetgen und Vossenack vor, das heute Teil von Hürtgenwald ist. Mitglieder der Kreisverwaltung von Schleiden sprachen sich für eine Variante mit beiden Orten aus. Schleiden-Monschau hätte also sowohl größer als auch kleiner als der heutige Kreis Euskirchen sein können. In jedem Fall wäre die Bevölkerungsdichte geringer.

Stoff für Konflikte mit den Nachbarkreisen hätte  es trotz Eifelkreis gegeben. Aus dem Altkreis Euskirchen hätte der Eifelkreis die Gemeinden Veytal und Bad Münstereifel integriert, aus dem Kreis Düren Nideggen und Abenden. Die Stadt Heimbach, heute Teil von Düren, wäre im Kreis verblieben.

Auch die Kommunen hätten die Regionalplaner bei einer Zusammenlegung neu ordnen müssen. Ansonsten hätte der Eifelkreis 32 Kommunen umfasst – 15 aus dem Altkreis Schleiden und 17 aus Monschau. Für Gemünd bestand so kurz die kleine Chance, eine eigenständige Stadt zu bleiben. Den Namensstreit mit Schleiden hätte es nicht gegeben. (maf)

Dr. Norbert Ley, der Leiter der Landesplanungsbehörde, bescheinigte der Nordeifel in den 1960er-Jahren eine wesentliche Bedeutung als „Naherholungsraum für den Wochenenderholungsverkehr“, vor allem für den Raum Aachen. Mechernich, Münstereifel und Kommern zogen Urlauber aus Köln, Bonn und dem Ruhrgebiet an. Wie stark der Tourismus die Region prägen sollte, konnte aber auch Ley nicht ahnen. Die Übernachtungszahlen stiegen stetig. Einen Schub gab es Anfang der 1990er-Jahre mit dem Schengen-Abkommen. Dieses machte die Nordeifel bei Touristen aus den Benelux-Staaten populär – besonders bei den Niederländern.

Stadtflucht sorgte für Bevölkerungsplus

Vor der Corona-Pandemie lag der Anteil von Gästen aus dem Ausland deutlich über dem Landesschnitt. Von Arbeitsplatzmangel war deshalb nichts zu spüren – ganz im Gegenteil sogar. Saisonarbeitskräfte pendelten scharenweise aus den touristisch weniger erschlossenen Nachbarkreisen in die Eifel.

Und auch die Sorge, dass sich die Eifel entvölkert, bewahrheitete sich nicht. Statt der Landflucht setzte in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Jahrtausendwende die Stadtflucht ein. Der Eifelkreis wurde zum Kreis der Pendler. Befeuert wurde die Stadtflucht durch die Corona-Krise. Eine Krise, die Schleiden-Monschau zuerst schwer traf.

Neuer Inhalt

Strukturschwacher Gigant in der Nordeifel: Aus diesen 13 heutigen Kommunen hätte der Eifelkreis Schleiden-Monschau bestanden.

Touristen mieden wegen ständiger Lockdowns die Eifel. Ferienhäuser und Hotels blieben leer. Gastronomen und Urlaubsdienstleistern fehlte in der Folge das Geld. Hoffnung machte der Nordeifel, dass viele Deutsche zwischen den Lockdowns auf Inlandsurlaub setzten. Doch die prognostizierten Gästemassen blieben aus – denn im zweiten Corona-Sommer traf die Flut die Eifel.

Flut und Corona trafen den Eifelkreis schwer

Und diese Katastrophe setzt dem Kreis bis heute zu. Besonders schwer traf die Flut aber den wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Kreises. Das tägliche Tourismus-Umsatzdefizit für die nordrhein-westfälische Eifel wird auf mehr als eine Million Euro geschätzt. Die Menschen im Kreis trifft es also doppelt – sie haben nicht nur ihr Haus verloren, sondern auch den Arbeitsplatz. Zudem war die Kreisverwaltung war in den ersten Wochen nach der Flut nicht einsatzfähig, weil das Verwaltungszentrum Schleiden-Gemünd-Kall stark verwüstet wurde.

Im Wiederaufbau zeigt sich aber allmählich, dass das, was vorher als Nachteil der Nordeifel galt, ein Vorteil ist: die Größe des Kreises und seine kleinen Wirtschaftszentren. Die Flut legte so nicht die ganze Industrie und Wirtschaft des Eifelkreises lahm. Hilfen und Wiederaufbau wurden schnell aus nicht betroffenen Kommunen koordiniert.

Wie es in den nächsten Jahren mit dem Eifelkreis weitergeht – das lässt sich schwer vorhersagen. Mit Sicherheit wird sich der Tourismus erholen, die Stadtflucht und digitale Arbeit werden die Pendlerregion Nordeifel noch einige Jahre wachsen lassen. Sicher ist: Nach all den Krisen der vergangenen 50 Jahre steht der Eifelkreis Schleiden-Monschau noch, und es wird ihn auch weiter geben. Ein anderer Kreis aber, dem die Landesregierung zuerst den Vorzug gab, existiert nicht mehr. Vom Kreis Euskirchen, mit dem Schleiden ursprünglich zusammengelegt werden sollte, ist heute nichts mehr übrig. Er wurde auf die Nachbarkreise Düren, Rhein-Erft und Rhein-Sieg aufgeteilt.

Rundschau abonnieren