Nümbrechter KlinikWaldbaden hilft Patienten mit chronischen Krankheiten

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Die Nümbrechter Klinik schickt ihre Patienten auf Erholungssuche in den Wald.

Nümbrecht – Einige sind neugierig, andere wirken eher skeptisch, wieder andere freuen sich auf einen Spaziergang durch die lichten Buchenwälder oberhalb von Nümbrecht. Doch die acht Männer und Frauen, die sich in der Dr. Becker Rhein-Sieg-Klinik versammeln, erwartet nicht bloß ein netter morgendlicher Ausflug. Sie sind unterwegs mit Gymnastiklehrerin Uschi Menge-Voss zum Waldbaden.

Was es mit dieser neuen Therapieform auf sich hat, die in Nümbrecht jetzt auch für neurologische Patienten der Rehaklinik erprobt wird, erklärt Menge-Voss beim ersten Halt. Sie verweist auf die heilsame Wirkung des Waldes gerade auf Menschen, die an Erkrankungen wie Parkinson leiden, an Long-Covid, multipler Sklerose oder die sich von einem Schlaganfall erholen. Krankheiten, die oft mit einer Störung der Sinneswahrnehmung einhergehen.

Zur Ruhe kommen und Stress abbauen

Uschi Menge-Voss leitet das Waldbaden.

Jetzt heißt es für die Patienten zur Ruhe kommen, Stress abbauen, auch den Klinik-Alltag mit getaktetem Therapieplan und vielfältigen Eindrücken und Herausforderungen hinter sich lassen. Nicht mit Musik auf den Ohren, mit dem Handy in der Hand, mit Kinderwagen oder Hund im Blick. Sondern mit Schweigen. Langsam gehen, mit großen Abständen. Bewusst wahrnehmen. Und „daran denken, die Natur zu respektieren, nichts zerstören, nichts abreißen“, gibt Menge-Voss der kleinen Gruppe mit auf den Weg. „Wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns nicht.“

Die 49-jährige Nümbrechterin liebt den Wald. Sie ist im Frühsommer als Kitzretterin unterwegs und war von Anfang an dabei, als vor einem Jahr das Waldbaden als Therapieform in Nümbrecht eingeführt wurde – zuerst mit einem Selbstversuch der künftigen Therapeutin. Ihre Patienten lassen sich anstecken von ihrer Freude an der Natur, beschreiben beim nächsten Stopp „wie Diamanten glitzernde Wassertropfen im Moos“, das Tirilieren der Vögel, das zarte Grün der Buchen, aber auch die Betroffenheit über die Skelette der toten Fichten.

Riechen, Fühlen und Hören gehört mit zum Nümbrechter Waldbaden.

Das „Bad“ gliedert sich in drei Themenbereiche, die sich zum Teil überschneiden. Intensive Wahrnehmung vor allem von schönen Eindrücken, das Riechen und die Auseinandersetzung mit Verletzungen – in der Natur durch Rodung, Borkenkäfer, Blitzschlag, Bakterien. Und damit auch mit Verletzungen bei den Patienten selbst. Mit dem Neubeginn, der aus jedem Ende entsteht. Der nächsten Aufgabe soll sich jeder allein stellen, achtsam seine Umgebung im Umkreis aufnehmen, sich ganz und gar darauf einlassen. Den Geruch des Waldbodens, die Harztropfen an der Rinde, die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen. Erinnerungen zulassen. „Alles kann, nichts muss“, sagt Menge-Voss.

Patienten machen positive Erfahrungen

Schnell, für einige fast zu schnell ist die Stunde vorüber, ein leiser Gong ruft die Gruppe wieder zusammen. Katja Geither (29), wegen starker chronischer Schmerzen in der Klinik, beschreibt auf dem Rückweg, dass sie „ aus dem Gedankenkarussell im Kopf“ herausgekommen sei. Sie habe keinen Stress, keine Zukunftsangst und sogar für ein paar kostbare Momente keine Schmerzen mehr gefühlt. „Ich war wieder ein Kind, glücklich, mittendrin im Wald“, beschreibt Dagmar Simon etwas verwundert ihre Gefühle. „Es war einfach schön.“ Dabei mache der Wald ihr eigentlich Angst, seit der Orkan Kyrill einen Baum auf ihr Auto geschleudert hatte und sie von der Feuerwehr herausgeschnitten werden musste. „Aber die Vogelstimmen haben sogar die Angst übertönt.“

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Uwe Jasnik, nach einer Gehirnblutung in der Klinik, hat sich schon lange nicht mehr so entspannt, sagt der 60-Jährige. Eine Frau mit Wahrnehmungsstörungen beschreibt beeindruckt, wie der federnde Boden aus Tannennadeln ihr ein Gefühl gab, gehalten und aufgefangen zu werden. Eine andere schildert bewegt, wie sie die zarten Blätter eines jungen Bäumchens mitten im toten Holz gestreichelt und plötzlich die weichen Hände ihrer verstorbenen Mutter gefühlt habe.

Gut für den Körper

Erste Studien zur heilenden Wirkung des Waldes kamen schon in den 1980er Jahren aus Japan. Sie belegten, dass durch „shinrin yoku“, übersetzt „Waldbaden“, das parasympathische Nervensystem aktiviert wird und der Körper dadurch zur Ruhe kommt. Verantwortlich seien die Phytonzide: organische Verbindungen, die Pflanzen ausströmen, um Bakterien, Pilze oder Insekten abzuwehren. Eingeatmet, sollen sie beim Menschen unter anderem den Blutdruck und die Aktivitäten des präfrontalen Kortex senken, das Stresshormon Cortisol verringern, die Herzfrequenz stabilisieren und das Immunsystem stärken. Einige Kliniken in Deutschland, darunter auch zwei psychosomatische Dr. Becker Kliniken, bieten die Therapie seit einiger Zeit für psychosomatische Patienten an. Als eine der ersten Kliniken in Deutschland hat die Rhein-Sieg-Klinik das Waldbaden vor einem Jahr für neurologische Patienten eingeführt. Die Erfahrungen in Nümbrecht werden dokumentiert und sollen auch zur wissenschaftlichen Forschung beitragen, Studien seien laut Kliniksprecherin Kim Ernst bereits geplant. (ms)

Wald holt Erinnerungen zurück

„Geräusche und Gerüche rufen häufig Erinnerungen hervor“, weiß Menge-Voss. Und sie erzählt von Patienten, die wieder einschlafen können, deren Diabetes besser wurde oder von der Frau, deren Sprachblockade sich plötzlich löste. „Da lief mir eine Gänsehaut über den Rücken.“

Dreimal während ihres Aufenthalts dürfen ausgewählte Patienten im Nümbrechter Wald baden. Aber Katja Geither ist sich jetzt schon sicher, dass sie nach ihrer Entlassung versuchen wird, im Wald zu meditieren. Und auch Uwe Jasnik hofft, dass ihn die neu gewonnenen Erfahrungen in Zukunft vor einem Rückfall ins stressige Hamsterrad des Alltags bewahren. „Genau darum geht es auch“, sagt Uschi Menge-Voss: „Anstöße für Veränderungen im Alltag zu geben.“