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Aus heiterem HimmelFahrradunfall machte ihn zum Pflegefall

5 min

Bild aus glücklicher Zeit: Jens Walpert und Nicole Loosen mit Töchterchen Carina. Am 12.12.12 hätten die beiden eigentlich heiraten wollen.

Bensberg/Köln – „Hallo, hier spricht Carina Walpert, wer ist da?“ Die Neunjährige am Telefon klingt freundlich, fröhlich, unbeschwert. Nein, die Mama sei gerade nicht zu Hause. „Aber meine Schwester.“ Carinas Mama Nicole Loosen (42), der der Anruf eigentlich gilt, ist noch auf der Arbeit: halbe Stelle als Verkäuferin im Einzelhandel. Sie muss ihre Familie durchbringen, denn der Mann an ihrer Seite, Carinas Papa Jens Walpert (46), einst ein Super-Sportler, kann nicht mehr für sie sorgen. Nach einem Verkehrsunfall im Sommer liegt der Tischlermeister mit schwersten Verletzungen in der Klinik.

Der 10. Juli 2012 hat sich in das Gedächtnis von Nicole Loosen eingebrannt. Um 6.10 Uhr verlässt Jens das Haus. Der Triathlet und Marathonläufer aus Bensberg steigt auf sein Fahrrad und fährt zur Arbeit. Seine Tischlerei mit zwei Angestellten hat er in Köln-Kalk. Er wird dort nicht ankommen.

Während Jens in Richtung Köln radelt, versorgt Nicole die Kinder. Um halb acht hört sie in den Radionachrichten, dass es in Brück einen schweren Unfall mit einem Radfahrer gegeben habe. „Ich habe mir dabei noch nichts gedacht, habe die eine Tochter zur Schule gebracht und die andere zum Bahnhof.“

Jens’ Route führt über Refrath und Brück. In Brück kreuzt die Olpener Straße in Richtung Kalk den Mauspfad, der vom Flughafen nach Dellbrück führt. Ein 36-jähriger Kölner kommt Jens, der einen Helm trägt, mit dem Auto entgegen, will nach links Richtung Dellbrück abbiegen. Für einen ganz kurzen Moment macht der Fahrer einen Fehler: Er übersieht Jens, der den Berg herunter gefahren kommt. Bei der Kollision prallt Jens’ Kopf mit Wucht gegen die Windschutzscheibe.

Gegen acht Uhr ist Nicole in ihrem Auto auf der Kreuzung Kölner Straße / Buddestraße unterwegs, als ihr Handy klingelt. Sie sieht die Nummer von Jens, nimmt ab. Nicole: „Am anderen Ende sagte eine Stimme. ,Erschrecken Sie nicht. Hier ist die Polizei NRW.’ Der Polizist fragte, ob ich im Auto unterwegs sei, und forderte mich auf: ,Jetzt fahren Sie erst einmal sofort rechts ran, machen die Warnblinkanlage an und den Motor aus.’“

„Es gibt einige Dinge, wo man an seine Grenzen stößt“

Der Beamte erklärt ihr, dass Jens einen schweren Verkehrsunfall in Brück gehabt habe und fragt sie, wo sie gerade sei. Nicole: „Keine fünf Minuten später war ein Polizeiwagen bei mir. Ein Beamter hat mein Fahrzeug gefahren, und wir sind dann zum Klinikum Merheim.“

Rund 90 Tage lang liegt Jens Walpert im Koma. Jetzt, so berichtet Nicole, sei er wieder ansprechbar. „Er kann kommunizieren mit den Augen, kann mit dem Daumen Ja und Nein zeigen, aber sehr zeitversetzt.“ Die Art der Verletzungen durch das Schädel-Hirn-Trauma habe sie ihrer kleinen Tochter am Beispiel von Legosteinen erklärt. „Das Gehirn ist eine Lego-Platte mit Steinen. Die Steine sind völlig durcheinandergewürfelt.“ Ein Teil sei dauerhaft verloren.

Nach dem Unglück von Köln-Brück helfen viele Menschen der Patchwork-Familie. Die Familie: Das sind Vater, Mutter, die gemeinsame Tochter Carina und zwei weitere Kinder (17/16). Nicoles Mutter hilft, wo sie kann. Die Kölnerin ist für die Kinder da, wenn Nicole am Krankenbett in Merheim wacht. Nicoles Arbeitgeber ist äußerst kulant, und auch Nicoles Arbeitskolleginnen akzeptieren es vollauf, dass Nicole immer nur die Frühschichten übernimmt, um nachmittags bei ihrem Mann sein zu können.

Wie es nun weitergeht? „Die Verletzungen sind sehr schwerwiegend. Im Moment ist Jens ein Schwerstpflegefall.“ Und die kleine, innerlich bärenstarke Frau fügt hinzu: „Es gibt so einige Dinge, wo man an seine Grenzen stößt. Wo man gucken muss, wie es am nächsten Tag weiter geht. Ich musste den beiden Mitarbeitern in der Tischlerei zum Jahresende betriebsbedingt kündigen.“ Leicht gefallen ist das der Verkäuferin nicht. Sie hofft, dass es ihr gelingt, den Betrieb zu verpachten, damit „jemand anders den Traum von Jens weiterleben kann“.

Leasing-Vertrag: Autokonzern lenkt ein

Um viele materiellen und juristischen Unfallfolgen kümmert sich Rechtsanwalt Thomas Steinmetz. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen einen Strafbefehl gegen den unglückseligen Kölner Autofahrer erlassen. Der Mann war nicht vorbestraft und hatte keine Punkte. Die Justiz hat mit dem Strafbefehl die Voraussetzung geschaffen, dass die Haftpflichtversicherung des Kölners eintritt. Walperts Berufsgenossenschaft kümmert sich vorbildlich um den Fall. Ein Automobilkonzern hat einen geleasten Firmentransporter ohne zu zögern zurückgenommen, als die Mitarbeiter von Walperts Schicksal erfuhren (siehe Infokasten).

Anwalt Steinmetz versucht, einen zweiten Autokonzern dazu zu bewegen, ein weiteres geleastes Firmenfahrzeug ebenfalls zurückzunehmen. Zunächst vergeblich. Am Ende klappt es doch noch. Eine Woche, nachdem die BLZ bei der Pressestelle des Unternehmens um eine Stellungnahme gebeten hat, meldet sich eine Mitarbeiterin beim Anwalt und lenkt wegen der besonderen Umstände ein. Nicole darf den Wagen zum Händler zurückbringen, das Unternehmen kümmert sich um den Weiterverkauf. Auf einer Ablösesumme besteht die Firma laut Steinmetz nicht mehr.

Kann es im Fall von Jens und Nicole ein Happy End geben? Der frühere Extremsportler wird wohl nie wieder in seinem Beruf arbeiten können. Wie es weitergeht, steht noch in den Sternen.

Seit Juni 2000 sind Jens und Nicole ein Paar. Nach zwölf Jahren „wilder Ehe“ wollten sie sich eigentlich am 12.12.12 das Ja-Wort geben. Nicole Loosen: „Wir holen das nach. Irgendwann.“