Der Kölner lebt im Spannungsfeld von Büdchenmentalität und Weltstadtanspruch – und fühlt sich da ganz wohl. Aber alles macht er nicht mit.
Psychologe Stephan Grünewald„In Köln schunkelt man zwischen den Ansprüchen“

Psychologe Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold-Instituts
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Heimatverbundenheit ist für den Kölner keine Kategorie: Er liebt seine Heimat und geht in ihr auf. Worin wurzelt dieses Gefühl?
Stephan Grünewald: Dieses Heimatgefühl gründet sich vor allen Dingen in der Art des Zusammenlebens. Köln ist ein sehr unbeschwertes und unkompliziertes Geselligkeitsbiotop. Ich habe das in meinem Buch „Köln auf der Couch“ so beschrieben: Es gibt einerseits dieses Kaffeebud-Gefühl. In Köln findet man alles, was man zum Leben braucht: Gemeinschaft, Unterhaltung und Verpflegung. Vor allem lieben die Kölner die Ungezwungenheit der Stadt: Man wird nicht schräg angesehen, wenn man im Morgenmantel oder mit Jogginganzug und Badelatschen zum Bäcker geht. Man kann also sehr locker und leger unterwegs sein und wird nicht an die Etikette gelegt. Man hat in Köln das Gefühl, die Menschen sind immer ansprechbar, man kommt direkt ins Gespräch. Mit Köln als Kaffeebud verbindet man beinahe mütterliche Versorgungsqualitäten. Von daher wird Köln als eine liebevoll entgegenkommende Stadt erlebt, wo nicht nur das Kölsch fließt, sondern wo auch immer wieder Gespräche stattfinden, wo sehr viele Feste und Feiern sind, wo man wieder ausschwärmen kann.
Aber es gibt auch eine andere Seite.
Auf der anderen Seite gibt es diese Metropolensehnsucht. Der Kölner, die Kölnerin fühlt sich zwar wohl in der Heimat, hat aber in der Vergangenheit immer mit einem gewissen Neid in Richtung Düsseldorf geblickt, oder auch nach Bonn, als es noch Bundeshauptstadt war, und man sehnt sich danach, als Metropole, als Millionenstadt, als Stadt der Kunst, Stadt der Medien wahrgenommen zu werden.
Das ist das Spannungsfeld zwischen Kaffeebud und Weltstadtniveau. Mein Eindruck ist: Da fühlt sich der Kölner ganz wohl.
Es ist der Konflikt zwischen Größe und Gemütlichkeit. Wenn ich Größe will, muss ich der Gemütlichkeit abschwören und mich auf die Hinterbeine setzen. Wenn ich gemütlich leben will, muss ich auf meine Größenansprüche verzichten. Die Lebenskunst der Kölner besteht darin, dass sie die Quadratur des Kreises schaffen – dass sie also diesen Konflikt so auflösen, dass letztlich kein Anspruch verloren geht. Man schunkelt zwischen Größe und Gemütlichkeit und folgt dem Prinzip der gekonnten Unentschiedenheit: Man bringt sich nicht in Zugzwang, sich für eine Seite definitiv entscheiden zu müssen, und hält dadurch alle Optionen im Spiel. Köln folgt oft dem Prinzip des ewigen Werdens. Man muss nicht hier und heute eine Sache anpacken, man muss sein Studium auch nicht in sechs Semestern zu Ende bringen, denn der Dom hat ja auch 600 Jahre gebraucht, um fertig zu werden. Also vertagen wir die Sache. Aber wir glauben auch daran, dass irgendwann der Tag kommt, an dem es losgeht.
Wir machen eine Zeitung für die Menschen in Köln und der Region. Dass sich die Menschen so sehr mit ihrer Heimat identifizieren, ist für uns natürlich ein Geschenk.
Die Zeitung hat natürlich leichtes Spiel, wenn sie das Lebensgefühl der Kölner bestärkt. Wenn man etwas über ein erfolgreiches FC-Spiel liest und die Hoffnung genährt wird, dass eine große Saison mit internationaler Perspektive bevorsteht. Aber die Stadt hat auch jenseits des Fußballs und des Lebensgefühls sehr viel zu bieten. Das wird von vielen Kölnern jedoch übersehen. Wir haben gerade eine Studie erstellt über Köln als Wirtschaftsstandort. Viele Kölner wissen gar nicht, welche wirtschaftliche Potenz die Stadt hat, wie viele erfolgreiche Unternehmen und Hidden Champions in der Stadt verankert sind. Da man Köln nicht mit preußischen Werten wie Konsequenz, Disziplin, Entschiedenheit und Tatkraft verbindet, hat sich in Köln der Argwohn breitgemacht, dass die Stadt jenseits von Gemütlichkeit, Geselligkeit und Lebensfreude wenig zu bieten hat. Mit dem fatalen Ergebnis, dass man vorsichtshalber, um keine Enttäuschung zu riskieren, gar nicht auf die Wirtschaftsseite der Stadt blickt. So nährt der Argwohn ein latentes Minderwertigkeitsgefühl der Stadt, im Vergleich mit anderen Metropolen wirtschaftlich nicht viel zu bieten zu haben. Wenn man aber da genauer hingucken würde, würde man merken: Die Stadt hat nicht nur ein unvergleichliches Lebensgefühl zu bieten, sie besitzt auch eine große vitale Kraft und eine wirtschaftliche Potenz.
Wir decken Missstände auf und weisen auf Versäumnisse hin. Hört der Kölner da lieber weg?
Missstände werden vermehrt wahrgenommen – auch das zeigt die Studie zum Wirtschaftsstandort. Es gab in Köln lange eine Tendenz, die Zustände zu idealisieren oder sich in Selbstbesoffenheit zu flüchten. Die Defizite sind jetzt nicht mehr auszublenden. Das ist einmal die mangelnde Sauberkeit der Stadt, die Vermüllung, Verwahrlosung und das wirklich Ungepflegte, das zu Beschämungserlebnissen führt – vor allem, wenn man Gästen die Stadt zeigt. Dann die Problematik, dass öffentliche Plätze stillschweigend von der Drogenszene eingenommen werden. Es entsteht der Eindruck, da machen sich überall Dealer und Süchtige breit, mit denen man zwar einerseits – weil der Kölner tolerant ist – Mitleid hat, andererseits aber entstehen dort Angsträume, in denen jede heimatliche Unbeschwertheit verloren geht. Ein großes Thema, das uns in vielen Studien immer wieder begegnet, ist die Frage nach bezahlbarem Wohnraum und damit die Frage nach dem persönlichen Bleiberecht – gerade in einer geselligen Stadt, die alle ihre Bürger wohlwollend einbeziehen will. Die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen ist eine ganz wichtige stadtpolitische Aufgabe, um den Menschen aller Milieus eine Zukunftsperspektive zu geben.
Sind das eher ein paar Dellen, oder sagen Sie, da ist es schon auch richtig zu Brüchen gekommen, die die Heimatliebe des Kölners auf die Probe stellen?
Da sind schon Brüche, aber ich hatte damals mein Buch „Köln auf der Couch“ mit dem Untertitel „Die Unzerstörbarkeit der Sehnsucht“ versehen. Die Kölner haben einen unkaputtbaren Glauben daran, dass das auch wieder reparabel ist. Aber sie fordern jetzt auch von der Stadtverwaltung, vom Oberbürgermeister und von den Parteien mehr Konsequenz ein.
Zeitungen versuchen, das kritisch zu begleiten. Unser Bemühen ist, einen Finger in die Wunde zu legen, andererseits aber zu zeigen, was gut läuft in der Stadt.
Kritik wird dann angenommen, wenn sie nicht destruktiv ist, sondern von einem wohlwollenden und konstruktiven Geist getragen ist. Die Zeitungen – Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau – sollen natürlich zur Stadt und zu den Bürgern stehen. Es sollte daher immer deutlich werden: Man verfällt nicht in eine fundamentale Köln-Kritik, sondern man ist ehrlich darum bemüht, die Stadt auf ein anderes Level zu heben. Das kann natürlich die Angst wecken, dass Köln dabei seine Kaffeebud-Seite verliert. Köln soll jetzt auch nicht eine übermäßig disziplinierte Stadt werden, wo alles straff und konsequent läuft – dann würde Köln seine Seele verlieren. Köln sollte vielmehr in Zukunft doppelt stolz sein, auf sein unvergleichliches Lebensgefühl, aber auch stolz auf seine Leistungsfähigkeit und seine wirtschaftliche Kraft. Die Medien können dabei helfen, dass Köln einen zweiten Stolzmoment entwickelt. Der Dom hat ja auch zwei Spitzen und Köln sollte auch doppelt spitze sein: als gemütliche Kaffeebud und als lebenswerte und kraftvolle Metropole.
Folklore allein reicht nicht?
Nein, es braucht Folklore und Voll-Power. Und hier hilft für die Zukunft auch der Blick auf das, was bereits erfolgreich gelungen ist. Hidden Champions, wie die Firma Igus, die im Bereich der Kunststoffe Weltmarktführer ist, kennt in Köln kaum jemand. Beinahe niemand weiß, dass alle Astronauten in Köln ausgebildet werden, dass Köln mit Rewe den größten Arbeitgeber Deutschlands hat, dass wir mit Rimowa Koffer für Reisende in aller Welt herstellen. Dieser Blick auf die wirtschaftliche Potenz der Stadt kann das Selbstbewusstsein noch mal in eine andere Sphäre heben, weil man sich bisher immer wieder in Folklore flüchtet oder sich Köln schöntrinkt, da man ja unterschwellig die Angst hat, wir haben zu wenig zu bieten.
Eine neue rheinische Selbstwahrnehmung?
Ja, wir brauchen einen differenzierteren Blick auf die Stadt. Wir sind nicht nur die unbeschwerte Kaffeebud, sondern wir haben auch eine produktive Verrücktheit. Das macht Köln auch zu einer ungemein kreativen Stadt. Das zeigt sich nicht nur in den vielen tausend Liedern, die hier entstanden sind, an vielen Theaterstücken, an wunderbaren Musikern, Künstlern, Wissenschaftlern und Architekten. Köln ist also auch ein kreativer Schmelztiegel und eine potente Wirtschaftsregion. Eine differenzierte Selbstwahrnehmung ist etwas komplett anderes als lethargische Selbstzufriedenheit. Die differenzierte Selbstwahrnehmung schafft ein gestärktes Selbstbewusstsein und kann so ein Ansporn sein, die beschriebenen Missstände und Probleme wirklich beherzt und tatkräftig anzugehen.
Zur Person
Stephan Grünewald (65) ist Diplom-Psychologe und Markt- und Gesellschaftsforscher und hat sich mehrfach mit der Mentalität der Kölner und auch der Bundesbürger beschäftigt („Köln auf der Couch“, „Deutschland auf der Couch“). Vor 39 Jahren hat er in Köln das Rheingold-Institut für psychologische Markt- und Medienforschung gegründet.