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Kölns OB zur Bedeutung der Zeitung„Pressefreiheit ist das Fundament für eine funktionierende Demokratie“

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Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester im Historischen Rathaus.

Der Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester spricht im Interview über seine Lesegewohnheiten, die Rolle der Lokalpresse und den 360-Grad-Blick von Journalisten

Herr Burmester, wann und wie oft lesen Sie Zeitungen? Wie nehmen Sie Nachrichten auf?

Torsten Burmester: Ich verschaffe mir abends einen Überblick über die Zeitungen für den nächsten Tag. Ich beginne gegen 20.30 Uhr mit den E-Paper-Ausgaben vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ und der „Kölnischen Rundschau“, weil ich zuerst wissen möchte, was über Köln geschrieben wird. Es gibt mehrere Zeitungen, von denen ich Digital-Abonnements habe: auch überregionale Titel wie die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Die schaue ich mir abends ebenfalls an, und dann gehe ich natürlich tagsüber auf die Online-Seiten, um aktuelle Meldungen zu lesen.

Das klingt nach einer Beschäftigung mit Medien rund um die Uhr.

Das geht kaum anders. Ich bin als Oberbürgermeister zuerst verantwortlich für Köln, aber spiele in dieser Funktion auch eine landes- und bundespolitische Rolle. Alles, was auf höherer Ebene passiert, hat Auswirkungen auf die Kommune. Und deswegen ist es notwendig, auch über den Tellerrand zu schauen, überregionale Zeitungen zu lesen, Diskussionen zu verfolgen und konkrete Gesetzesvorhaben im Blick zu haben.

Und die Zeitung in der gedruckten Form, haben Sie die auf Ihrem Schreibtisch im Rathaus?

Ich bin morgens gegen 7.30 Uhr im Büro, da liegt der Medienspiegel mit für mich relevanten Artikeln insbesondere aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, der „Kölnischen Rundschau“ und dem „Express“ ausgedruckt auf dem Schreibtisch. Den blättere ich dann auch noch mal durch.

Trauern Sie diesem haptischen Erlebnis hinterher? Die digitalen Ausgaben rascheln nicht.

Das digitale Abonnement hat sich als praktisch erwiesen. Aber wenn ich die Gelegenheit habe, und das ist vor allem am Wochenende der Fall, dann kaufe ich mir gerne eine gedruckte Samstagsausgabe und lese die dann ganz in Ruhe. Das kann auch mal im Café sein, da geht es um mehr als die reine Informationsaufnahme, das ist dann der Lesegenuss. Einfach, weil man die Zeit hat, die Gedanken etwas weiter um eine Geschichte kreisen zu lassen.

Es ist allgemein so, dass die Menschen mehr Zeit mit Medien verbringen, und das Angebot ist deutlich gewachsen. Haben Sie das Gefühl, dass Sie heute besser informiert sind als früher?

Es gibt eine enorme Breite an Medien, und man nimmt Informationen heute ganz anders auf. Schon, weil Nachrichten dauerhaft im Umlauf sind, sich in viel höherer Taktung erneuern. Das hat sich in den letzten drei Jahrzehnten komplett verändert. Dennoch ist es auch so: Es gibt eine Holschuld. Sie müssen sich schon selbst mit Medien beschäftigen und Nachrichten aktiv abholen. Sonst bekommen Sie nichts mit oder nur das, was zufällig über manche Kanäle einfließt. Das erfordert von jedem die Aktivität, ein Abonnement abzuschließen oder Nachrichtenseiten zu besuchen. Gleichzeitig haben Sie als Journalist die Aufgabe, zu überlegen, mit welchen Formaten Sie die Menschen erreichen. Das ist wichtig, damit sie ihre Informationen nicht nur durch oftmals tendenziöse Social-Media-Kanäle mit Fake-News und ungeprüften Sachverhalten beziehen, sondern aus gut recherchierten und seriös erstellten journalistischen Formaten.

Medienvielfalt und der Umgang mit Medien beschäftigen Sie?

Natürlich. Medien stellen Öffentlichkeit her und sind damit maßgeblich an der demokratischen Meinungsbildung der Gesellschaft beteiligt.

Sie haben gesagt, Beteiligung geht nur, wenn man informiert ist, wenn man Bescheid weiß über Themen. Sie sitzen im Stadtrat, leiten die Sitzungen des Stadtrats, sind aber auch auf der Straße unterwegs, sprechen mit den Menschen. Haben Sie das Gefühl, dass es da schon so einen Bruch gibt, dass viele Menschen gar nicht mehr Bescheid wissen, was in der Stadt passiert?

Politik findet immer ein Stück weit in geschlossenen Zirkeln statt. Das gilt auch für den Stadtrat, auch wenn wir ein Streaming-Angebot haben. Ich verstehe es als gemeinsame Verantwortung von Politik und Medien, Politik zu erklären. Wir versuchen das durch Begegnungen, indem wir Dinge transparent und nachvollziehbar machen. Und Lokalzeitungen tragen dazu bei, indem sie Interviews führen und Sachverhalte hinterfragen. Ihr seid ja kein verlängerter Arm oder Horn der Politik, sondern ihr legt den Finger in die Wunde, schaut auf politische Fehler. Manchmal verkürzt ihr auch, aber eure Aufgabe ist ein Stück weit als vierte Gewalt eine Aufsichtsfunktion. Der kritische Blick von außen, das ist die Aufgabe der Presse, auch der Lokalpresse.

Redakteure werden misstrauisch, wenn sie gelobt werden von Politikern. Zum Wesen des Journalismus zählt es, die Dinge kritisch zu begleiten. Ärgern Sie sich über Beiträge und Berichte?

Die Pressefreiheit ist das wesentliche Fundament für eine funktionierende Demokratie. Deswegen dürfen und müssen Sie Kritisches über Politiker und über mich schreiben. Ich würde Sie deswegen nicht anrufen und sagen: „Was haben Sie da für einen Nonsens geschrieben?“ Das würde ich höchstens tun, wenn ich das Gefühl habe, dass Sie fachlich und sachlich auf einer falschen Fährte unterwegs sind. Das passiert eher, wenn jemand von außen, von einem überregionalen Medium, auf die Stadt schaut. Wenn dann einer zum Beispiel über die Kölner Oper schreibt, und da ist inhaltlich etwas falsch, dann rufe ich den an und weise auf den Fehler in der Recherche hin. Aber bei einem Meinungsartikel würde ich das nicht tun und mich streiten. Sie haben eine Aufgabe, ich habe eine Aufgabe, und in diesem Rahmen müssen wir kommunizieren.

Setzen Sie sich mit kritischen Kommentaren auseinander?

Es gehört schon auch dazu, eine Meinung mal zur Kenntnis zu nehmen, abzuhaken und weiterzumachen. Meinungsäußerungen, seien sie aus der Politik oder aus der Presse, gehören dazu. Wenn sie Sinn und Verstand machen, dann setze ich mich damit auseinander.

Aber es gibt ja gelegentlich sicher auch Meinungen oder Berichte, wo Sie sagen: Das ist eine neue Sichtweise, das hatten wir gar nicht auf dem Schirm. Das ist dann doch eine sehr konstruktive Auseinandersetzung.

Das ist das, was ich mit dem 360-Grad-Blick meine. Die Pflicht von Journalisten ist es, Rundum-Betrachtungen vorzunehmen. Ich schaue manchmal vielleicht nur auf 180 Grad. Mitunter empfinde ich es dann als wertvoll, wenn jemand eine andere Perspektive einbringt.

Sie sind Oberbürgermeister der viertgrößten Stadt in Deutschland. Es gibt viele Themen in Köln, die auch in anderen Städten wichtig sind. Nehmen Sie grundsätzlich eine andere Herangehensweise an Sachfragen wahr, wenn Sie mit jemandem von der FAZ sprechen, über die Kommunalfinanzen oder mit den Lokaljournalisten vor Ort?

Ja, grundsätzlich anders. Ihre Kollegen aus Frankfurt schauen eher von oben drauf, von einer Metaebene. Die Lokaljournalisten sind in den konkreten Verhandlungen drin. Mit Ihnen kann ich über die Mülheimer Brücke detaillierter sprechen. Oder über die drohende Schließung eines Schwimmbades, weil das Mauerwerk marode geworden ist. Die langwierige Opern-Sanierung, die wird auch überregional wahrgenommen, aber nur in den Auswirkungen. Und den Rechnungsprüfungsbericht, den haben nicht alle gelesen. Das machen Sie, aber nicht die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung.

Herr Burmester, wenn Sie eine Zeitungsausgabe in Köln gestalten dürften, was stünde da auf der Seite 1?

Ich bin zu sehr Pragmatiker, als dass ich mir da etwas wünschen würde. Sie sind verantwortlich für Ihren Bereich, Zeitung machen, ich für meinen. Ich komme aber gerne mal für drei Stunden zu Ihnen ins Haus und würde gerne an einer Redaktionskonferenz teilnehmen, um den anderen Blickwinkel kennenzulernen. Ich will nicht die Zeitung machen, aber ich will das Zeitungmachen gerne besser verstehen.

Dann steht hiermit die Einladung für die Redaktionskonferenz.

Sehr gerne.


Zur Person

Am 28. September 2025 wurde Torsten Burmester (SPD) zum neuen Stadtoberhaupt Kölns gewählt. Burmester wurde am 15. Januar 1963 in Niedersachsen geboren. Seit über 40 Jahren nennt er die Domstadt seine Heimat.