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Kommentar

Angela Merkels Porträt für die Kanzlergalerie
Herrschaft durch Langeweile

3 min
Angela Merkel und der Maler Jeremie Queyras betrachten das fertige Kanzlerinnen-Porträt.

Angela Merkel und der Maler Jeremie Queyras betrachten das fertige Kanzlerinnen-Porträt.

Angela Merkels offizielles Kanzlerinnen-Porträt ist fertig – und ausgerechnet die Merkel-Raute fehlt. Eine Bildbetrachtung.

In die Merkel-Raute wurde viel hineingedeutet. Angeblich steht sie für Aktivität und Symmetrie, einen geschlossenen Energiekreislauf, Besonnenheit und die Fähigkeit, gegensätzliche Positionen zu vereinen. Merkel selbst sagte, die an Zeigefinger und Daumen zusammengeführten Hände hülfen ihr lediglich dabei, gerade zu stehen, und der Autor des evangelischen Handbuchs für liturgische Präsenz nannte die berühmte Raute etwas abschätzig eine pastorale Geste der Verlegenheit.

Vielleicht wollte Angela Merkel nicht als jemand in die Kunstgeschichte eingehen, der nicht weiß, wohin mit seinen Händen. Vielleicht hat sie sich an ihrem Markenzeichen aber auch nur sattgesehen. Jedenfalls fehlt die Merkel-Raute auf dem offiziellen Porträt, das der Maler Jeremie Queyras für die Kanzlergalerie geschaffen hat. Auch ihr bevorzugtes Herrschaftsinstrument, das Handy mit SMS-Funktion, fehlt darauf. Stattdessen sehen wir als Insignien der Macht: eine Aktenmappe auf einem Tisch und einen kleinen silbernen Würfel, zu dem die Kanzlerin in Krisenmomenten gerne griff. In diesen ist ein Sinnspruch eingraviert, der für ihre Amtszeit stehen mag: „In der Ruhe liegt die Kraft.“

Das ganze Dilemma des modernen Herrscherporträts zeigt sich auf diesem Bild

Das ganze Dilemma des modernen Herrscherporträts zeigt sich beispielhaft auf diesem Bild. Alles, was dieses Genre in früheren Zeiten aufregend machte, ist heute aus guten Gründen verpönt: das Großspurige und Anmaßende, die frivole Übertreibung und der Anspruch, einen menschlichen Herrscher mit allen Mitteln der eigenen Kunstfertigkeit auf einen göttlichen Thron zu hieven – und dort zu halten. Was hätte ein Barockmaler aus den Falten in Merkels blauem Blazer gemacht oder aus dem Licht- und Schattenspiel des Hintergrunds? Bei Queyras wirken diese scheinbaren Nebensächlichkeiten so virtuos wie ein Verwaltungsakt.

In Fleiß und Ruhe liegt die Kraft: Offenbar möchte Merkel dies als Resümee ihrer Amtszeit sehen. Gefasst und aufrecht steht sie da, der rechte Arm hängt entspannt herab, die linke gespreizte Hand berührt eine Sessellehne. So bringt Queyras Bewegung ins Bild, ohne dass es unruhig wirkt, denn die Kanzlerin soll weder steif noch sprunghaft erscheinen. Allerdings setzt der Maler sie auf Hosenbeine mit betonierten Bügelfalten, als traue er der Standfestigkeit der Kanzlerin ohne Raute nicht.

Auf diesem soliden Sockel, eine Neuerung in der Galerie der Sitzkanzler, kann Merkel selbst das schlagartige Seitenlicht nicht ins Wanken bringen. Sie schaut milde, aber auch etwas besorgt, und die akzentuierten Schatten auf ihrem Gesicht sollen betonen, was man bei Politikern gerne die Spuren der Macht nennt – und bei allen anderen: Altern.

In ihrer Amtszeit war Merkel ein Ausbund an Verlässlichkeit

In ihrer Amtszeit war Merkel rein äußerlich ein Ausbund an Verlässlichkeit. Von den kragenlosen Blazern besaß sie angeblich Varianten in allen Regenbogenfarben. Warum hat sie sich für das Blau entschieden? Sicherlich dachte sie nicht an das Marienblau, das im Mittelalter als Widerschein von Himmel, Reinheit und Loyalität für die Muttergottes reserviert war. Auch wenn es reizvoll wäre, die abwesende Raute als Segensgeste der aktuellen Merkel-Nostalgie zu deuten.

Offenbar wählte Merkel das Blau, weil sie es als stark und herrschaftlich empfand. Aus der klassischen Farbenlehre geht diese Lehre nicht hervor, jedenfalls warnte der englische Porträtmaler Joshua Reynolds noch Ende des 18. Jahrhunderts davor, sich „kalten“ Farben wie Blau oder Grün zu überlassen. Diese würden auf der Leinwand zwar gebraucht, um aus dem Bild eine Einheit zu machen, aber vor allem sollten sie die warmen Farben schön zur Geltung bringen. Im Merkel-Porträt sähe er vermutlich wenig mehr als zerstörte Harmonie, allerdings wurde Reynolds bereits von einem Zeitgenossen widerlegt. Thomas Gainsboroughs berühmter „Blue Boy“ stand aber eher nicht für die blaue Kanzlerin Modell.

An den gedeckten Farben auf Queyras‘ Gemälde könnte man beinahe verzweifeln – selbst Günter Rittners Kanzlerporträt von Ludwig Erhard wirkt im Vergleich expressionistisch. Allerdings würdigt das Bild eine besondere und allzu oft sträflich unterschätzte Qualität demokratischer Herrschaft: die Abwehr interessanter Zeiten. Langeweile ist der wahre Segen jeder Politik. Auch dafür steht Angela Merkels Porträt.