Veranstalter sollen bei Events in Köln in Zukunft mehr für den Schutz vor Diskriminierung und Übergriffen tun.
Schutz vor BelästigungGibt es bald Anti-Diskriminierungsstellen auf jedem Kölner Straßenfest?

Bei großen Festen wie dem CSD in Köln gibt es bereits ein Netz von Anlaufstellen für Opfer von Diskriminierung.
Copyright: Christoph Reichwein/dpa
Anzügliche Bemerkungen, Beleidigungen, übergriffiges Verhalten: Bei Veranstaltungen im öffentlichen Raum kommt es auch in Köln immer wieder zu Situationen, die von Betroffenen als unangenehm und bedrohlich empfunden werden. Dem soll die Stadt künftig stärker entgegenwirken. Auf Wunsch der Politik soll sie ein Schutzkonzept entwickeln, um Diskriminierung, sexuelle Übergriffe und grenzüberschreitendes Verhalten zu verhindern. Das hat der Gleichstellungsausschuss des Stadtrats auf Antrag von Grünen, SPD und Linkspartei beschlossen. Wird bald eine Anlaufstelle Pflicht auf jedem Fest? Es regt sich bereits Widerstand unter den Veranstaltern.
Der Auftrag der Politik: Unter Federführung des Gleichstellungsamts soll ein „Awareness-Konzept“ entwickelt werden. Der englische Begriff Awareness steht hier für Achtsamkeit – gemeint ist ein respektvolles Verhalten, das niemanden ausgrenzt. Gelten soll das Konzept „für kommerzielle und nicht-kommerzielle Veranstaltungen im öffentlichen Raum mit angemessenen Schutzmaßnahmen für alle Menschen – insbesondere für Frauen, Mädchen, genderqueere Menschen, Menschen mit einer Behinderung sowie Personen mit Rassismus- und anderen Diskriminierungserfahrungen“. Laut Antrag sollen für Veranstaltungen Mindestanforderungen definiert werden, die künftig Voraussetzung für eine Genehmigung durch die Stadt sein werden. Veranstalter müssen dann nicht nur Konzepte für Verkehr, Sicherheit, Flucht- und Rettungswege sowie Abfallentsorgung einreichen, sondern auch in klar definierter Weise für den Schutz vulnerabler Gruppen sorgen.
Stadt Köln soll bis Ende 2027 ein „Awareness-Konzept“ ausarbeiten
Der Beschluss sei auf Initiative der Grünen in der Bezirksvertretung Innenstadt zustande gekommen, erläutert Michelle Achour, gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen im Rat. Gelten solle das Konzept auf öffentlichen Straßen und Plätzen, etwa auf Straßenfesten, Konzerten, Festivals und Weihnachtsmärkten. „Mit unserem Konzept wollen wir sicherstellen, dass alle unbeschwert feiern können. Köln kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen und als erste deutsche Stadt verbindliche Vorgaben für Achtsamkeit festlegen.“ Lea Verse, gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD, ergänzt: „Mit diesem neuen Konzept sorgen wir dafür, dass aktiv hingeschaut wird, Betroffene schnelle Hilfe erhalten und Belästigung in jeglicher Form nicht akzeptiert wird in Köln.“
Die Verwaltung soll das Awareness-Konzept bis Ende 2027 ausarbeiten - in Zusammenarbeit mit Zivilgesellschaft, Polizei und einschlägigen Experten, wie es im Antrag heißt. Für externe Expertise werden 15.000 Euro bereitgestellt. Ein Änderungsantrag der CDU und FDP/KSG, die Stadt solle lediglich „einen schlanken und praxisorientierten Zielkatalog für Awareness- und Schutzstandards“ entwickeln und die Ausgestaltung der Konzepte den Veranstaltern überlassen sollte, fand keine Mehrheit.
Mancher Veranstalter sieht eine zusätzliche Belastung. „Der Kölner Karneval steht für Offenheit und Toleranz, natürlich sollen alle Menschen sicher und unbeschwert feiern können“, teilt das Festkomitee mit. Beim Rosenmontagszug seien neben der Polizei auch über tausend private Sicherheitskräfte im Einsatz, finanziert vom Festkomitee und seinen Mitgliedsgesellschaften. Diese stünden auch als Ansprechpartner für alle Situationen zur Verfügung. Weitere Maßnahmen gegen Diskriminierung seien darüber hinaus eine positive Ergänzung. „Bei allen künftigen Forderungen muss aber die Kostenfrage mitgedacht werden“, so das Festkomitee. „Neben den dramatisch gestiegenen Kosten für Sicherheit und Personal sind weitere Finanzierungszwänge für ehrenamtlich organisierte Vereine sicherlich deutlich schwieriger zu stemmen als für kommerzielle Anbieter.“
In Wien müssen Clubs und Konzert-Veranstalter bereits „Awareness-Konzepte“ vorlegen
Das Thema Achtsamkeit spielt seit Jahren im öffentlichen Raum eine zunehmende Rolle. So sind etwa in Wien im Sommer nachts Awareness-Teams unterwegs, um Nachtschwärmer zu informieren und deeskalierend zu wirken. Seit 2026 müssen Clubs und Konzertveranstalter in Wien bei Veranstaltungen mit mehr als 300 Besuchern ein Awareness-Konzept vorlegen. Auch in Köln gibt es längst entsprechende Angebote (siehe Artikel unten). Beim CSD sind mobile Teams im Einsatz, es gibt ein großes Zelt als feste Anlaufstelle, und alle Akteure seien über Funk vernetzt, erläutert Hugo Winkels vom Veranstalter Cologne Pride. „Der Bedarf ist da. Wir werden die Angebote dieses Jahr noch ausbauen.“
Doch wo sollen solche Angebote künftig zur Pflicht werden? Nur für große Events mit zehntausenden Besuchern oder auch für kleine Feste im Veedel? Ab welcher Größe die Pflicht gelten soll, sei noch offen, erklärt Michelle Achour. „Dazu soll die Verwaltung im Dialog mit Veranstaltern und Experten Vorschläge erarbeiten.“ Und welche konkreten Maßnahmen stellt sich die Politik vor? „Bei kleineren Veranstaltungen könnte es ausreichend sein, die Mitarbeiter entsprechend zu schulen, Aushänge zu machen und Kontaktmöglichkeiten zu benennen. Bei größeren Veranstaltungen könnten mobile Teams im Einsatz sein oder feste Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können“, so Achour. Den Änderungsantrag von CDU und FDP/KSG habe man abgelehnt, „weil die Gefahr besteht, dass dann nur ein allgemeiner Kriterienkatalog definiert würde, aber wenig Konkretes“.
Dem widerspricht Kerstin Preuß, gleichstellungspolitische Sprecherin der CDU, sie betont: „Das Thema ist uns sehr wichtig. Wir möchten aber, dass es sinnvoll und praktikabel umgesetzt wird. Wir halten es für zielführender, dass die Verwaltung zeitnah einen Katalog von Vorgaben erstellt und die Veranstalter anhand dessen dann ein Awareness-Konzept erstellen, das zu ihrer jeweiligen Veranstaltung passt. Die Stadt sollte die Rahmenbedingungen vorgeben und die Ausgestaltung der individuellen Konzepte den Veranstaltern überlassen.“
Kölner Veranstalter lehnen zusätzliche finanzielle Belastungen ab
Kölner Veranstalter sehen den Beschluss skeptisch. „Wir begrüßen das Thema grundsätzlich, könne aber keine weiteren finanziellen Belastungen schultern“, sagt Markus Poscher, Geschäftsführer der Rut Wiess GmbH, die das Südstadtfest und diverse Feierabendmärkte organisiert. Die Kosten für Veranstaltungen seien massiv gestiegen, die Stadt habe ihre Gebühren erhöht, das gehe nicht immer so weiter. „Irgendwann ist das Ende erreicht. Dann lassen sich die Veranstaltungen nicht mehr finanzieren.“
Wilhelm von der Gathen, der seit 51 Jahren Stadtteilfeste in Köln veranstaltet, hält zusätzliche Auflagen der Stadt für nicht erforderlich. „Zu uns kommt ein Familienpublikum. Wir hatten noch nie Anzeigen oder Polizeieinsätze wegen Übergriffen.“ Die Stadt müsse zwischen verschiedenen Arten von Veranstaltungen differenzieren. „Auflagen nur um der Auflagen willen würden die Finanzierung von Familienfesten gefährden.“
Auch Dylan Stuka, Veranstalter des Veedelsfests „Bunt im Carré“ in Sülz, betont, die Finanzierung werde immer schwieriger. Statt zusätzliche Kräfte für Awareness-Teams vorzuschreiben, schlägt er vor, vorhandenes Personal besser zu schulen, auch die Mitarbeiter an den Getränkeständen. Die Stadt solle bei diesem Thema auf die Veranstalter zugehen.
