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Guten Abend, Brüsseler Platz
Wie dem schönsten Platz Kölns seine Attraktivität zum Verhängnis wurde

5 min
30.04.2025, Köln: Die Situation auf dem Brüsseler Platz. Die Stadt Köln hat das dortige Verweilverbot nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts aufgehoben. Die Nacht zum ersten Mai ist der Platz nach 22 Uhr voller Menschen. Foto: Arton Krasniqi

EIn Abend auf dem Brüsseler Platz, nachdem das Verweilverbot im Mai 2025 wieder gekippt wurde.

In unsere Serie Kölner Plätze nehmen wir Orte in Köln in den Fokus. Wir erklären ihre Geschichte und sprechen mit den Menschen, die dort leben.

Dem Barbarossaplatz wünscht die Band Querbeat einen Guten Morgen, am Brüsseler Platz wünschen sich die Kölner einen Guten Abend. Er gilt als einer der schönsten Plätze Kölns. Für die einen diente er die vorigen zwanzig Jahre lang als Kulisse für einen guten Abend: ein kühles Getränk im Schatten von Bäumen, Freunde treffen, in Bars sitzen. Den anderen nahm genau das ihre gute Nacht. Wer hier wohnt, erlebte vor allem Lärm und stieg am Morgen über zurückgelassenen Müll. Seine Attraktivität ist dem Brüsseler Platz zum Verhängnis geworden.

Der schöne Ort steht im Mittelpunkt des zweiten Teils unserer neuen Serie zu Kölner Plätzen: Brüsseler Platz, lass uns reden.

Brüsseler Platz: Wie laut darf eine Großstadt sein?

Nationale Bekanntheit hat er nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen eines Interessenkonflikts erlangt: Wie sollen wir die wenigen freien Flächen in der Innenstadt nutzen? Wie laut darf eine Großstadt sein? Wie sehr müssen Anwohner sich anpassen, an eine wandelnde Gesellschaft, die mehr Zeit draußen verbringen will? Der Platz steht stellvertretend für einen Streit, der an vielen Ecken Kölns und darüber hinaus ausgetragen wird.

Als Wendepunkt nennen Anwohner den Weltjugendtag 2005, als junge Menschen sich rund um die Kirche Sankt Michael trafen. Ein Jahr später feierte die Jugend auf dem Brüsseler Platz das Sommermärchen der Heim-WM 2006. Die Begeisterung für den Platz ebbte in der Folge nicht ab, im Gegenteil. An manchen Sommerabenden kamen mehr als 1000 Menschen hier zusammen. 2015 reichten fünf Anwohner eine Klage gegen die Stadt Köln ein – der Beginn einer Auseinandersetzung diverser Gerichte mit dem Brüsseler Platz, die bis heute anhält.

Den ersten Einschnitt für die Feierenden aber löste die Corona-Pandemie aus. Erstmals griff die Stadt Köln im Jahr 2020 sowie 2021 auf ein Verweilverbot zurück, um die Menschenmassen auf dem Platz einzudämmen: hier, um massenhaft Ansteckungen zu vermeiden. Als das Kölner Verwaltungsgericht in erster Instanz 2018 ein Verweilverbot als Option genannt hatte, wäre das für den damaligen Stadtdirektor Stephan Keller noch ein „massiver Eingriff in die Grundrechte der Menschen“ gewesen. Die Folge: Horden von jungen Leuten wanderten an lauen Abenden weiter Richtung Kreisel an der Brüsseler Straße oder hielten sich am sogenannten Mäuerchen an der Venloer Straße am Stadtgarten auf. Das eskalierte derart, dass die Polizei an den Wochenenden mehrmals räumen musste.

14.03.2025, Köln: Die Stadt will das Verweilverbot auf dem Brüsseler Platz verschärfen.  Foto: Arton Krasniqi

Verweilverbot an den Wochenden am Brüsseler Platz in Köln im März 2025.

Erstes Mal Verweilverbot während der Corona-Pandemie

Als die Corona-Pandemie vorbei war, gab es dann aber viel Aufholbedarf unter den Kölnern. An den nächtlichen Hotspots der Stadt, wie an der Zülpicher Straße, eskalierten Sommerabende öfter und heftiger als vorher. Währenddessen landete die Klage der Anwohner 2023 beim Oberverwaltungsgericht für NRW in Münster, das ein bis heute wegweisendes Urteil zum Schutz der Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr im Belgischen Viertel sprach.

Richterin Annette Kleinschnittger hatte Richtung der Stadt gesagt: „Die bisherigen Maßnahmen der Stadt sind evident unzureichend. Wir sagen Ihnen nicht, was Sie zu tun haben, aber wir sagen Ihnen, dass Sie etwas zu tun haben.“ Sogar ein Zaun um die Kirche Sankt Michael wurde in den darauffolgenden zwei Jahren diskutiert: Welche Eingriffe sind angemessen und welche sind überzogen? Ein Großteil der Anwohner und Politiker im Rat besann sich schnell darauf, dass ein Zaun um den doch so schönen Platz eher in die zweite Kategorie fallen würde.

26.07.2025
Köln:
Die Außengastronomie am Brüsseler Platz. Ein Gericht hat die dortige Sperrstunde bestätigt. Ab 22 Uhr müssen die Gastronomen ihre Außengastro schließen.
Hallmackenreuther und Tante Kurt
Foto: Martina Goyert
mgoyert@web.de

Außengastronomie am Brüsseler Platz

Eine einheitliche Meinung, welche Lösung die beste sei, gibt es rund um den Brüsseler Platz nicht. Aus dem Umfeld der Bürgerinitiative Belgisches Viertel hieß es, die Kläger hätten sich auch für das Anliegen vieler Anwohner und Geschäftsleute starkgemacht. Aber es gibt eben auch jene, die Verbote und eine frühe Nachtruhe der Gastronomien am Platz nicht befürworten und sich das Früher zurückwünschen.

Ab Februar 2025 testete die Stadtverwaltung erneut ein Verweilverbot an den Wochenenden. Es hielt lediglich wenige Monate, bis die Stadt es im Mai 2025 wieder kippte – nachdem auch ein Anwohner dagegen geklagt hatte. Seitdem gilt ein Alkoholkonsum- und Mitführverbot ab 21 Uhr. Ob das die langfristige Lösung ist, könnte dieser Sommer zeigen. Unter 60 Dezibel muss der Pegel am Platz bleiben. Ein Stadtsprecher teilt mit: „Ob diese Maßnahmen auch bei sommerlich warmen Temperaturen ausreichen, werden die kommenden Messungen zeigen.“

Köln: Bisher kein Bußgeld am Brüsseler Platz verhängt

Am ersten warmen Freitag im Mai treffen sich auf den kleinen Mäuerchen unter den Bäumen und an den Tischen der Restaurants wieder Grüppchen junger wie älterer Kölner. Ihre Gespräche erfüllen den Platz mit einem Surren, Gegröle wie in den einstigen Partynächten gibt es nicht mehr. Die meisten wissen, was um 21 Uhr passiert, trinken die Dose Aperol, die Kölsch-Flasche leer. Es dämmert gerade erst, als sie weiterziehen. Auf dem Platz werden sie ersetzt durch einen Schwarm Ordnungshüter in grellem Neon-Gelb. Den wenigen verbliebenen Menschen erklären die städtischen Bediensteten gelassen, welche Regeln hier nun gelten. Der Sprecher teilt mit: „Im Gegensatz zu früheren Jahren stoßen sie dabei auf viel Verständnis.“ Bis heute haben sie nie ein Bußgeld verhängt.


Leseraufruf zur neuen Serie

Unsere neue Serie „Kölner Plätze“ rückt einmal im Monat einen Ort in Köln in den Fokus. Wir erklären, wieso der Platz heute so aussieht, wie er aussieht. Wir sprechen mit den Menschen, die dort wohnen und arbeiten. Daraus entsteht eine To-Do-Liste: Die Menschen, die an dem Platz leben, können nicht nur am besten beschreiben, was ihn zu einem essenziellen Teil Kölns macht. Sie sehen auch jeden Tag, wo es Verbesserungsbedarf gibt.

Reden auch Sie mit uns über den Brüsseler Platz: Wie erleben Sie ihn? Was hält Sie hier? Was fehlt? Ergänzen Sie die Aufgabenliste! Vielleicht haben Sie eine besondere Geschichte zu erzählen, die Sie mit dem Brüsseler Platz verbindet. Oder haben Sie besonders schöne, auch bezeichnende oder historische Fotos des Platzes? Dann senden Sie eine Mail an ksta-koeln@kstamedien.de.