Handy am Steuer ist zu Recht verpönt - gleichzeitig bauen Autohersteller aber riesige Touchscreens ins Cockpit. Diese Doppelmoral entlarvt unseren widersprüchlichen Umgang mit Ablenkung im Straßenverkehr.
Die Handy-HeucheleiTouchscreen erlaubt, Smartphone verboten

Ein Mann startet den WhatsApp Messenger auf einem Smartphone im Auto.
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Keine Frage: Am Lenkrad eine Nachricht auf dem Handy zu lesen oder – schlimmer noch – zu schreiben, ist so verantwortungslos, dass man sich über eine harte Strafe nicht beschweren muss. Und wer das Ding nicht mal für eine kurze Autofahrt beiseitelegen kann und somit andere in Gefahr bringt, hat“s eben nicht anders verdient. So weit, so unstrittig. Oder?
Nun ja. Laut Unfallforschern gibt fast jeder Vierte zu, ab und zu während der Fahrt zu texten, und diese Zahl muss erschrecken. Diese Leute sind ja nicht allesamt instagramsüchtige Millennials oder unter extremem Zeitdruck stehende Manager oder so. Nein, die Smartphone-Nutzung in allen Lebenslagen ist so selbstverständlich geworden, dass es für viele schlicht schwer vorstellbar ist, ausgerechnet im Auto, in dem man ja nicht wenig Zeit verbringt, die Finger davon zu lassen.
Zumal neuere Autos im Prinzip ja sogar mit einer Art Riesensmartphone bedient werden. Heißt: Während der Fahrt ins Handy schnell so was wie „brauche noch 10 min“ zu tippen ist – zu Recht – verboten. Zugleich aber wird dem Autofahrer vom Hersteller vorgaukelt, dass es völlig unbedenklich sei, sich am Touchpad eine halbe Minute lang durch verschiedene Menüs zu tippen, um vom Navi zur Playlist zu kommen und nebenbei vielleicht noch die Sitzheizung anzustellen. Ist ja so eingebaut, geht ja nicht anders. Wer fährt für so etwas schon rechts ran?
Es erinnert ein bisschen an die Sache mit dem Alkohol: Obwohl die Gefahr jedem klar war, galt es sehr lange als Kavaliersdelikt, sich angetrunken hinters Steuer zu setzen. Mittlerweile ist das nicht mehr gesellschaftsfähig, und zu diesem Punkt müssen wir auch bei der Handynutzung kommen.
Schärfere Strafen, wie sie beim Verkehrsgerichtstag diskutiert werden, mögen dabei helfen; technische Lösungen wie Müdigkeitsüberwachung vielleicht auch – am meisten bringt es aber wohl, Freunden, Kollegen und Verwandten ordentlich den Kopf zu waschen, wenn man mitbekommt, dass sie am Steuer texten.
Und auch die Autohersteller können dazu beitragen, den Sinn für Sicherheit wieder zu schärfen. Knöpfe und Schalter im Auto mögen altbacken, boomerhaft und unsexy wirken, aber sie hatten und haben einen unschlagbaren Vorteil: Man kann sie bedienen, ohne hinschauen zu müssen; sie sind Sinnbild dafür, dass der Blick auf die Straße immer wichtiger ist als der Blick aufs Display.

