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Interview

Holocaust-Forscher Aly
„Die Deutschen sollten zu Mittätern werden“

5 min
Verbrechen an den Juden, wie die Reichspogromnacht oder Deportationen fanden in aller Öffentlichkeit statt. In vielen deutschen Städten erinnern sogenannte Stolpersteine heute an die NS-Opfer.

Verbrechen an den Juden, wie die Reichspogromnacht oder Deportationen fanden in aller Öffentlichkeit statt. In vielen deutschen Städten erinnern sogenannte Stolpersteine heute an die NS-Opfer.

Holocaust-Forscher Götz Aly erklärt, wie sich das Nazi-Regime an der Macht halten konnte und warum die grundsätzlichen Mechanismen auch heute noch funktionieren würden.

Herr Aly, Ihr Buch über das Dritte Reich macht gegenwärtig Furore. Wie erklären Sie sich die hohe Aufmerksamkeit für ein historisches Fachbuch?

Nun ja, ich untersuche, wie es gelang, eine Gesellschaft auf Krieg umzupolen. Möglicherweise trifft das Buch auch deshalb gegenwärtig einen gewissen Nerv. Außerdem war es mir dank der schnell fortschreitenden Digitalisierung möglich, Quellen auszuwerten, die dem Historiker bisher weitgehend verschlossen waren. Nicht alle, aber viele Informationen und Deutungen sind daher neu.

Sie haben gesagt, dies sei Ihr „Spät- und Endwerk“ – heißt das, Sie schreiben nicht mehr?

Doch, ich schreibe schon noch, aber in kleineren Formaten. Ich habe dieses für mich abschließende Buch zehn Jahre lang vorbereitet und dann drei Jahre lang ziemlich regelmäßig daran gearbeitet. Wahrscheinlich hätte ich den jetzt umfassend veröffentlichten Einsichten nicht mehr besonders viel hinzuzufügen.

Was waren Ihre wichtigsten Quellen?

Ich hätte dieses Buch vor 15 Jahren nicht schreiben können, nicht aufgrund der Quellen selbst, sondern wegen des inzwischen sehr viel einfacheren Zugangs. Früher mussten Sie Mikrofilme alter Zeitungen kurbeln, das ging schnell auf die Augen und blieb ergebnisarm. Jetzt haben Sie das herrliche digitale Deutsche Zeitungsportal, die 20.000 Seiten des Goebbels-Tagebuchs, die Goebbels-Reden, Gesetzes- und Verordnungsblätter können Sie digital durchsuchen, auf viele Bücher und Fachartikel digital zugreifen. Damit können Sie einzelne Schlüsselereignisse sehr viel schneller und komplexer darstellen als vor 20 Jahren.

Welche weiteren Quellen haben Sie sich erschlossen?

Feldpostbriefe zum Beispiel. Da gibt es inzwischen eine riesige digitalisierte und durchsuchbare Sammlung im Berliner Kommunikationsmuseum. Ich empfehle allen, wer zu Hause solche Briefe noch findet, sie dort abzugeben. Hinzu kommen wichtige Veröffentlichungen von Tagebüchern, beispielhaft seien die von Hermann Stresau und Anna Haag genannt.

Und die wichtigste Quelle war welche?

Für die Entscheidungen an der Spitze des Regimes ist das Tagebuch von Joseph Goebbels das zentrale Dokument. Es reicht fortlaufend von 1924 bis 1945. Goebbels hat sehr häufig mit Hitler geredet. Als Sohn einer Magd und eines Büroboten wurde er auf dem humanistischen Gymnasium zum Einserschüler, erlangte hohe formale Bildung und verfügte über eine blitzschnelle Auffassungsgabe. Aus seinem Tagebuch erschließt sich, wie dieses immer labile NS-Herrschaftsgebäude trotz aller Schwankungen mit wechselnden Mitteln und geradezu teuflischem Geschick stabil gehalten wurde.

Sie haben zugleich herausgearbeitet, wie viele Täter, Mittäter und Profiteure es gab. Können Sie diesen partizipativen Charakter noch einmal erläutern?

Die damaligen Deutschen und besonders die Anhänger der NSDAP waren Menschen, die sich überwiegend in den sozialen Aufstiegsphasen befanden, die nach oben wollten, die wollten, dass es zumindest ihren Kindern besser gehen würde. Diese Ziele schienen infolge der Weltwirtschaftskrise seit 1930 immer aussichtsloser. 1933 reüssierte die neue NS-geführte Regierung vor allem mit simplen sozialen Sicherungsmaßnahmen: Halbierung der Gebühren für Arztbesuche und Rezepte, Stopp auch rechtskräftiger Pfändungs- und Exmittierungsbescheide, Stopp der Zwangsversteigerungen von Bauernhöfen, Senkung des Bierpreises um zehn Prozent. Anders als die Abgeordneten der SPD, des Zentrums und der liberalen Parteien wussten die NSDAP-Regenten noch recht genau, wie es ist, wenn der Gerichtsvollzieher klingelt. Die soziale Fürsorglichkeit als ein Element der Herrschaftsstabilisierung wurde zumal im Krieg stark ausgeweitet. Zum Beispiel gab es im Herbst 1941 eine Erhöhung der Renten um durchschnittlich 15 Prozent – ohne die aktiven Deutschen zu belasten. Bezahlt haben das die in der Industrie beschäftigten Zwangsarbeiter. Sie mussten entlohnt werden und doppelte Sozialabgaben abführen, ohne selbst anspruchsberechtigt zu sein. Auch von ihrem sonstigen Lohn haben sie nie etwas gesehen.

Wussten die Menschen, was geschah?

Ja. Die meisten kannten nicht den gesamten Umfang des Mordens. Aber sie konnten und sollten früh, so wie in einem Schattenspiel, die Konturen ungeheuerlicher Verbrechen sehen. Die Juden wurden mitten in den Städten und Kleinstädten zur Deportation gesammelt und am helllichten Tage deportiert. Anschließend wurde ihr Hausrat versteigert. Das geschah bewusst, die Deutschen sollten in den Sog des Verbrechens gezogen, zumindest zu Mittätern, Profiteuren, wissenden Zuschauern werden. Seit November 1941 lief die Propaganda „Sieg oder Untergang“. Seither betonten die deutschen Anführer im Subtext ihrer Reden immer wieder: Wenn die Kriegsgegner gewinnen sollten, würden sie sich an allen Deutschen blutig und unerbittlich rächen und dann würde von Deutschland und den Deutschen nichts mehr übrig bleiben. Die meisten Deutschen wussten sehr wohl, dass eine solche Rache nicht grundlos über sie hereinbrechen würde.

Aber die Menschen waren trotzdem weniger begeistert, als es den Anschein hat, schreiben Sie?

Eindeutig. Diese nervigen ZDF-Serien, in denen die Leute immer jubeln und man den Eindruck hat, als hätten den ganzen Tag alle begeistert „Heil Hitler“ gerufen, zeichnen ein völlig falsches Bild. So war es nicht. Bis zum Anschluss Österreichs im März 1938 konnte Hitler auf der Basis exorbitanter, aber geheim gehaltener Schuldenmacherei, sozialer Zugeständnisse wie Urlaub oder Kindergeld und des immer wieder gelungenen Zerreißens der Fesseln des Friedensdiktats von Versailles eine beachtliche gesellschaftliche Mehrheit hinter sich versammeln. Jedoch bestand diese nur zum kleineren Teil aus hundertprozentig überzeugten Nationalsozialisten – die Mehrheit erhoffte sich einfach eine bessere Zukunft, Aufschwung, internationalen Respekt und ein Ende unfruchtbarer innenpolitischer Streitereien. Die allermeisten fürchteten sich vor einem neuen Krieg.

Ihr letztes Unterkapitel heißt: Was passiert ist, kann wieder geschehen. Dann bleiben aber doch die Gleichsetzungen aus, die man in vielen anderen Büchern dieser Tage liest. Warum?

Wie gesagt, die Gemeinsamkeiten bestehen in den durchaus gewöhnlichen Techniken des Machterhalts, nicht in der historischen Konstellation, die es Hitler und seinen Leuten ermöglichte, die Macht zu übernehmen. Bevor Politiker, Aktivisten oder Medienleute pompös mahnend behaupten, in Deutschland herrschten bald ähnliche Verhältnisse wie 1932/33, sollten sich die Kassandrarufer die gravierenden Unterschiede zwischen heute und damals ansehen. Wir haben keinen Reichspräsidenten Hindenburg, wir haben intakte Verfassungsorgane, wir sind weit von einer Situation entfernt, in der eine Mehrheit für die Abschaffung der Republik votieren würde. Das aber war 1932 der Fall. Damals stimmten 60 Prozent der Wähler und Wählerinnen, nämlich die der KPD, der NSDAP und der DNVP (Deutschnationale Volkspartei), für die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie. Die Weimarer Regierung hat sich dann pünktlich zur Weltwirtschaftskrise zerlegt. Da sehen wir tatsächlich Anklänge an den heutigen parlamentarischen Hader, der damals dazu führte, ersichtlich notwendige Reformen zu verhindern. Diese Gefahr sehe ich nicht auf der kommunalen Ebene – aber sehr wohl im Deutschen Bundestag.