Luftangriff auf SchwarzmeerflotteWas bewirkt der ukrainische Doppelschlag von Sewastopol?

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Dieses Satellitenfoto von BlackSky zeigt das Trockendock in Sewastopol nach dem ukrainischen Schlag.

Dieses Satellitenfoto von BlackSky zeigt das Trockendock in Sewastopol nach dem ukrainischen Schlag. In der Bildmitte sind die beiden getroffenen Schiffe zu erkennen.

Während die ukrainischen Truppen am Boden langsam vorankommen, greift Kiew russische Stellungen auf der Krim intensiv an. Vorläufiger Höhepunkt: Der Schlag gegen eine Marine-Reparaturwerft in Sewastopol. Welche Rolle spielt das im ukrainischen Befreiungskampf?

Das waren Nummer 15 und 16 in der vom Online-Dienst Oryx zusammengetragenen Liste erfolgreicher ukrainischer Schläge gegen russische Kriegsschiffe: Die vermeintlich übermächtige russische Schwarzmeerflotte verliert ein Schiff nach dem anderen im Krieg gegen ein Land, das praktisch keine Marine hat. Am Mittwoch wurden nun ein U-Boot und ein Landungsschiff in Sewastopol getroffen.

Welche Bedeutung hat Sewastopol?

Die Krim ist ukrainisches Territorium, Russland hat es 2014 besetzt. Der Flottenstützpunkt Sewastopol ist ein Sonderfall: Russland hatte ihn von der Ukraine gepachtet, Laufzeit: bis 2042. Wegen des Risikos ukrainischer Gegenangriffe operiert die Schwarzmeerflotte zwar verstärkt vom Hafen Noworossijsk auf russischem Territorium aus. Sewastopol bleibt aber wegen seiner Reparaturwerft unentbehrlich – und dort fand der Angriff statt.

Was macht die russische Luftabwehr?

Russland hat die Krim dicht an dicht mit Luftabwehrsysstemen ausgestattet. Umso bemerkenswerter die intensiven und erfolgreichen ukrainischen Angriffe auf diese Systeme. Am 23. August wurde die Zerstörung eines S-400-Abwehrsystems im Westen der Halbinsel bekannt. Ebenfalls Ende August besetzte die Ukraine militärisch genutzte Gasplattformen, zerstörte oder demontierte russische Elektronik. Beides hat wohl den Angriff von Sewastopol vorbereitet. In der Nacht zum Donnerstag folgte der Schlag gegen ein Luftabwehrsystem in Jewpatorija.

Welche Waffen hat die Ukraine eingesetzt?

Vermutlich hat die Ukraine britisch-französische Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow/Scalp verwendet. Das lässt sich daraus ableiten, dass Luftwaffenchef Mykola Oletschuk seinen Piloten zu dem Angriff gratulierte. Antischiffsraketen der eigenen Bauart „Neptun“ hätte die Ukraine von Land aus starten müssen.

Was für Schiffe wurden getroffen?

Es handelte sich um das U-Boot „Rostow am Don“ und das Landungsschiff „Minsk“. Laut Oryx wurde die „Rostow“ beschädigt, die „Minsk“ total zerstört. Satellitenaufnahmen zeigen massive Schäden auch an der „Rostow“. Das dieselelektrische U-Boot gehört zur „Kilo-Klasse“ (72 Meter Länge, bis zu 60 Mann Besatzung), von der die Schwarzmeerflotte fünf Exemplare hatte – vier davon, darunter die „Rostow“, können beziehungsweise konnten Marschflugkörper vom Typ „Kalibr“ verfeuern. Die „Rostow“ ist das erste U-Boot, das Russland im Krieg gegen die Ukraine verloren hat. Dagegen hat die Ukraine nun insgesamt fünf Landungsschiffe unbrauchbar gemacht, darunter mit der „Minsk“ drei, die zur großen Ropucha-Klasse (112 Meter Länge) gehören.

Welche Folgen hat der Doppelschlag von Sewastopol?

Die Türkei hat wegen des Krieges den Bosporus für Kriegsschiffe gesperrt. Damit kann Russland keine Ersatzschiffe ins Schwarze Meer bringen. Die schwere Beschädigung des U-Boots – Schätzpreis 300 Millionen Euro – bedeutet einen hohen materiellen Verlust. Russland hat aber weiter genug Schiffe und Flugzeuge, um Marschflugkörper (vorzugsweise auf Wohnviertel und Getreidehäfen) abzufeuern. Begrenzender Faktor ist hier eher der Munitionsnachschub.

Bei Russlands Seetransportkapazitäten wird es dagegen allmählich eng. Russland hat nun immerhin ein Drittel seiner großen Ropucha-Landungsschiffe im Schwarzen Meer eingebüßt. Diese Schiffe dürften umso wichtiger werden, je weiter die ukrainischen Bodentruppen im Süden des Landes vorrücken, denn dadurch geraten Land-Nachschubwege wie die West-Ost-Bahn über Tokmak (weniger als 20 Kilometer südlich der aktuellen Frontlinie) und Straßen in allerhöchste Gefahr.

Zudem ist nun auch das Trockendock in Sewastopol unbenutzbar. Das schränkt die Wartungskapazität der Schwarzmeerflotte ein. Ein Beispiel dafür, dass Kiew auf indirekte Kriegführung, auf systematische Schwächung des Gegners setzt.

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