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Rundschau-Debatte des TagesDroht ein globaler Klima-Rückschlag?

Lesezeit 5 Minuten
Prof. Ottmar Edenhofer

„Der Weg zur Klimaneutralität ist kein Selbstläufer“, sagt Forscher Ottmar Edenhofer und warnt vor falschen Hoffnungen.

Die Befürworter fossiler Energien setzen mehr und mehr auf neue Technologien. Wissenschaftler Ottmar Edenhofer warnt: Im Kampf gegen die Erderwärmung geht am Ausstieg aus Gas und Öl kein Weg vorbei.

Die internationale Klimapolitik sei in eine „hoch riskante“ Phase eingetreten, sagt Ottmar Edenhofer. Gas- und Ölexporteure versuchten, neue Technologien als „Feigenblatt“ zu nutzen, um ihr Geschäft zu retten. Doch dann würde es zu heiß auf der Erde. Kann der Krimi noch gut enden?

Herr Edenhofer, steht der Ausstieg aus den fossilen Energien auf der Kippe?

Nein, aber der Weg zur Klimaneutralität ist kein Selbstläufer. Es geht jetzt auf die nächste Runde der internationalen Klimaverhandlungen zu, und hier ist in letzter Zeit eine gefährliche Debatte aufgekommen: Die Gas- und Ölstaaten sehen eine Möglichkeit, mit neuen Technologien ihr fossiles Geschäft fortführen zu können. Statt aus den Fossilen auszusteigen und die Emissionen zu senken, setzen sie in einem unrealistischen Ausmaß auf die Abscheidung und Speicherung von CO2-Emissionen im Nachhinein.

Die USA auch – Präsident Joe Biden will eine Industrie für CO2-Staubsauger hochziehen. Ist das nicht großartig?

So einfach ist es leider nicht. An der Vermeidung von CO2-Emissionen jetzt geht kein Weg vorbei, das zeigt unsere Forschung. Der Entzug von Emissionen aus der Atmosphäre ist zwar notwendig, kann aber das Vermindern von Emissionen nicht ersetzen. Wir werden in einer zweiten Phase der Klimapolitik ab 2050 auf negative Emissionstechnologien angewiesen sein, mit deren Hilfe wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre weiter senken können, damit wir nicht weit oder auf Dauer über das 1,5-Grad-Ziel hinausschießen. Wir müssen aber darüber hinausgehen und in der Bilanz negative Emissionen erreichen.

Machbar ist das?

Das ist etwa durch Direct Air Capture möglich, verbunden mit der Einlagerung im geologischen Untergrund (CCS). Man wird nicht das gesamte CO2 einlagern, sondern einen Teil werden wir für die Produktion synthetischer Kraftstoffe verwenden. Unterm Strich ist die CO2-Entnahme eine planetarische Müllabfuhr: Die muss jene Emissionen aufräumen und entsorgen, die bis Mitte des Jahrhunderts weiter in die Luft geblasen werden.

Wird die Müllabfuhr stark genug sein, um das Schlimmste zu verhindern?

Das ist eine offene Frage. In der Theorie ja, es braucht jetzt Pilotprojekte. Und deswegen sind die Bemühungen in den USA richtig und zu begrüßen. Aber die Verfahren sind noch sehr teuer und teils extrem aufwendig.

Was ist mit CCS, also dem Abscheiden von CO2 in Industrieprozessen und der Speicherung im Boden?

Das Abscheiden von CO2 aus Kohlekraftwerken und die Einlagerung in geologischen Untergrund ist für Europa keine Option, weil es sich im Vergleich zu den anderen Optionen nicht lohnt. Die größte Rolle wird CCS bei Prozessemissionen in der Industrie spielen, damit nicht zu vermeidendes CO2 erst gar nicht in die Atmosphäre gelangt. Das ist also, gezielt eingesetzt, eine sehr wichtige Option für eine klimaneutrale Industrie, und allen sollte klar sein: Sowohl die Abscheidung als auch die Speicherung von CO2 sind notwendig.

Werden uns die neuen Technologien am Ende retten?

Um die Erderwärmung zu stoppen, brauchen wir mehr als „nur“ eine vollständig erneuerbare Energieversorgung. Wir brauchen ein Management des gesamten Kohlenstoffkreislaufs, das wird auf globaler Ebene die große Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Das betrifft nicht nur neue Technologien, sondern auch natürliche CO2-Senken, also die Vernässung von Mooren, Aufforstung von Wäldern und so weiter. Nur so erreichen wir eine treibhausgasneutrale Zukunft.

Dazu müssten die globalen Emissionen sinken. Stattdessen steigen sie.

Die Welt ist leider noch nicht auf Kurs zur Klimaneutralität. Aber es ist schiere Illusion zu glauben, die neuen Technologien könnten uns von der Pflicht entbinden, die Emissionen in den kommenden zehn Jahren drastisch zu reduzieren. Statt über ein Entweder-Oder zu streiten, gilt es jetzt die Zeit zu nutzen, um Emissionen herunterzudrücken. In den kommenden Monaten bis zum nächsten UN-Klimagipfel muss es gelingen, den Kurs weltweit Richtung Ausstieg aus den Fossilen zu setzen. Und deswegen sind die Ansagen der Golfstaaten, so lange wie möglich Gas und Öl verkaufen zu wollen, beunruhigend. Aber es gibt einen Ausweg, und auf den begibt sich die EU bereits.

Welchen?

Die EU kann auf den weltweiten Märkten als Nachfragekartell auftreten und so die Preise für die fossilen Energieträger oder fossilen Erzeugnisse nach oben treiben. Das wird verhindern, dass der Nachfragerückgang nach Gas, Öl und Kohle in Europa den Verbrauch in anderen Teilen der Erde billiger macht und befördert.

Wie soll das klappen?

Die EU und die USA müssten sich gemeinsam an den Märkten aufstellen, damit die Gas- und Öl-Exporteure die neuen Technologien nicht als Feigenblatt für ein „Weiter so“ nutzen können. Das wurde bereits erfolgreich erprobt, als in der Ukraine-Krise ein Höchstpreis für Gas vereinbart wurde. Genauso können Importe von Produkten, die fossil erzeugt werden, höher besteuert werden. Eine solche Preissetzung würde es für die Staaten immer unattraktiver machen, an den Fossilen festzuhalten. Gleichzeitig können Länder mit CO2-Bepreisung so Einnahmen für sich generieren. Der Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, der in der EU beschlossene Sache ist, bietet die Blaupause. Damit wird die EU praktisch zu einem Nachfragekartell, weil es für die In-Verkehr-Bringer von Öl und Gas teurer wird. Die EU muss jetzt noch lernen, dieses Potenzial auszuspielen. 


Zur Person

In Fachkreisen gilt er als der „Klima-Papst“ Deutschlands: Ottmar Edenhofer ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Dort arbeiten Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler zusammen, um gesellschaftlich relevante Fragen zu Klimawandel, globaler Erwärmung und nachhaltiger Entwicklung zu untersuchen. Der Ökonom Edenhofer (61) lehrt zudem als Professor an der TU Berlin und wird zu den meistzitier- ten Forschern der Welt gezählt. (EB)

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