Viele fühlen sich ungehört: ARD und ZDF wollen das mit neuen Dialogformaten und mehr Bürgerbeteiligung im Programm ändern.
Zuhören statt streitenARD und ZDF setzen auf neue Formate für den Bürgerdialog

Klamroth wird ein «Hart aber fair»-Extra unter anderem mit Ricarda Lang, Sigmar Gabriel und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze moderieren. (Archivbild)
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Mehr Dialog, intensivere Debatten und ein offeneres Ohr für das Publikum: Gegenwärtig testen ARD und ZDF diverse neue Gesprächsformate. Die Anstalten kommen damit auch den Auflagen des Reformstaatsvertrags nach, welcher seit Dezember 2025 wirksam ist und eine stärkere Interaktion mit der Bevölkerung vorsieht.
Ein Experiment: 84 Stimmen für Deutschland
Bei der ARD rückt das Sujet heute in den Fokus eines speziellen Themenabends. Zu diesem Zweck trafen sich Anfang Mai in Leipzig und Baden-Baden 84 Personen, die repräsentativ für die circa 84 Millionen Einwohner Deutschlands stehen. Über einen Zeitraum von zwei Tagen erörterten sie kontroverse gesellschaftliche Themen sowie individuelle Erlebnisse, gezielt ohne die Leitung durch eine herkömmliche Talkshow-Moderation. Aus diesem Projekt ging die Gesprächsreihe «Was Deutschland verbindet» hervor, welche in der Mediathek der ARD abrufbar ist.
«Da sind Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven und Lebensläufen zusammengekommen», erläutert Moderator Louis Klamroth bezüglich der Diskussionsrunden. «Der Konsens war eher: Es tat richtig gut, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen.» Die Teilnehmenden hätten für zwei Tage ohne Mobiltelefone miteinander kommuniziert, fügt er hinzu. «Und am Ende haben viele gesagt: Es war einfach gut zu merken, dass wir noch miteinander reden können. Das fand ich sehr berührend.»
Diese Diskussionen dienen als Basis für die Sondersendung «Hart aber fair extra – Der Dialog», die heute um 21.15 Uhr live im Ersten gesendet wird. In der Sendung wird Klamroth mit ausgewählten Teilnehmenden sowie mit politischen Vertretern debattieren, darunter die Grünen-Politikerin Ricarda Lang, der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze (CDU).
Die Herausforderung der Teilnehmersuche
Die zunehmende Konzentration von ARD und ZDF auf derartige Formate ist auch medienpolitisch begründet. Durch den Reformstaatsvertrag wurde der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten von den Bundesländern neu definiert. Demzufolge sollen ARD und ZDF vermehrt den Dialog fördern und eine Vielfalt an Sichtweisen präsentieren.
Allerdings verdeutlicht bereits die Rekrutierung von Mitwirkenden, mit welchen Schwierigkeiten diese Formate konfrontiert sind. Zahlreiche Personen möchten sich zwar einbringen, zögern jedoch angesichts der öffentlichen Präsenz. Louis Klamroth berichtet, dass seine Redaktion mitunter sogar gezielt Personen kontaktiert, die den Sendern im Internet den Vorwurf machen, gewisse Meinungen würden nicht gehört.
«Oft ziehen sich genau diese Menschen dann aber wieder zurück», erklärt der Moderator gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. «Dabei haben sie eigentlich ein großes Bedürfnis, etwas loszuwerden.» Deshalb wären sie für solche Formate eigentlich prädestiniert. «Aber viele merken dann: Das ist doch eine große Bühne, Millionen schauen zu, danach kommt Gegenwind im Netz – und dann sagen sie lieber wieder ab.»
Das Gefühl, ungehört zu bleiben
Laut Mitteilung der ARD erfolgte die Auswahl der Teilnehmenden nach möglichst vielfältigen Kriterien, wie zum Beispiel Alter, Herkunft, Region, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, und Migrationshintergrund. Personen in Parteifunktionen oder mit einer engen Verbindung zur ARD waren von der Teilnahme ausgeschlossen. Die Absicht dahinter war, eine möglichst große Bandbreite an Perspektiven zu versammeln.
Die Relevanz des Dialogs nimmt bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten momentan spürbar zu. Bei ARD und ZDF wird intensiv erörtert, auf welche Weise man Bevölkerungsgruppen ansprechen kann, die sich von den Medien nicht mehr repräsentiert oder wahrgenommen fühlen. Parallel dazu sind das Vertrauen in den Journalismus, die Spaltung der Gesellschaft und die Auswirkungen von sozialen Medien auf den öffentlichen Diskurs wiederkehrende Diskussionsthemen.
Viele Personen empfinden laut der Kommunikationswissenschaftlerin Marlis Prinzing, trotz eines ständigen Austauschs, kein wirkliches Gehör. «Kommunikation heißt nicht Resonanz», erklärt Prinzing gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Es werde zwar heutzutage ununterbrochen kommuniziert, etwa über Messenger-Dienste, soziale Medien oder Kommentarspalten, doch viele hätten den Eindruck, mit ihren Sorgen nicht vorzudringen. Gleichzeitig wird eine Präsenz in der Öffentlichkeit immer mehr als Wagnis wahrgenommen, das mit der Furcht vor Zurückweisung, gesellschaftlicher Stigmatisierung oder dem Verlust von Kontrolle einhergeht.
Neue digitale Räume für den Diskurs
Das ZDF erprobt ebenfalls seit einer Weile neue Konzepte für den Dialog. Auf dem Portal «ZDFmitreden» haben registrierte Mitglieder die Möglichkeit, über soziale Themen abzustimmen oder an Debatten mitzuwirken. Laut Senderangaben haben sich dort mittlerweile über 70.000 Personen registriert. Dieses Forum findet unter anderem im «ZDF-Mittagsmagazin» sowie im «Morgenmagazin» Verwendung, wobei die Meinungen der Zuschauer unmittelbar in die Programme integriert werden.
Darüber hinaus engagiert sich das ZDF in Kooperation mit internationalen Partnern bei dem Vorhaben «Public Spaces Incubator». Im Fokus stehen dabei digitale Instrumente für gelenkte Online-Debatten. Zudem wird die Frage erörtert, wie man Diskussionen vermehrt auf sendereigene Plattformen verlagern kann, anstatt sie ausschließlich den großen sozialen Medien zu überantworten.
Die Wissenschaftlerin Prinzing erkennt hierin einen umfassenderen Trend. Plattformen ohne Moderation neigen ihr zufolge vermehrt zur Spaltung und zu emotionalen Reaktionen. «Moderation wird zur Voraussetzung von Öffentlichkeit – nicht zu ihrer Einschränkung.» Für den demokratischen Austausch seien Orte notwendig, an denen Individuen ihre Erlebnisse teilen können, ohne umgehend einer bestimmten Gruppe zugeordnet zu werden.
Das Experiment «Hart aber fair»-Spezial
Mit einer Sondersendung von «Hart aber fair» möchte die ARD nun erproben, wie dieser Vorsatz in ein traditionelles TV-Format übertragen werden kann. Louis Klamroth betrachtet es nicht als Gegensatz, dass gerade eine politische Talkshow, die häufig von Polarisierung und Auseinandersetzung geprägt ist, nun einen Fokus auf das Zuhören legt. «Wenn Bürgerinnen und Bürger mit in der Runde sitzen, verändert sich die Diskussion sofort», meint er. Politiker würden dann häufig nicht mehr mit «den üblichen Phrasen» punkten können. «Die Menschen fragen viel direkter – aus ihrem Alltag heraus, aus ihren Bedürfnissen und Gefühlen.»
Die Sondersendung «Hart aber fair extra» soll ebenfalls anders ablaufen als herkömmliche politische Talkrunden. Man plane einen Umbau des Studios, die Gesprächsteilnehmer sollen an einer großen Tafel Platz nehmen und es sollen mehr Bürger als üblich einbezogen werden. «Ich glaube, es wird mehr ein gemeinsames Nachdenken, als harter Streit werden - denn die Bürgerinnen und Bürger sind aus diesem Projekt mit der Erfahrung rausgegangen: Wir haben trotz aller Unterschiede vor allem auch viel gemeinsam», so die Einschätzung von Klamroth. (dpa/red)
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