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53 Kilo pro PersonViel zu viel Essbares landet im Müll

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Elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in jedem Jahr in Deutschland in den Müll entsorgt. (Foto: dpa)

Brot, Brötchen und Kuchen landen besonders häufig im Müll, gefolgt von Gemüse, Speiseresten, Fleisch und Obst. Das haben jetzt Forscher der Universität Gießen und der Fraunhofer-Projektgruppe für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS in Alzenau herausgefunden. Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Grünen Woche in Berlin stellten sie ihre Ergebnisse vor. Für die im Rahmen einer Dissertation angelegte Studie in Kooperation mit dem Landkreis Gießen untersuchten sie von April bis Juni 2012 insgesamt fünf Tonnen Restmüll in der Stadt und im Landkreis Gießen auf seine tierischen oder pflanzlichen Anteile, sogenanntes biogenes Material. Das Ergebnis: Durchschnittlich bestanden 30 Prozent des Gewichts aus den schwarzen Tonnen aus Lebensmittelabfällen. Und das, obwohl alle untersuchten Haushalte über eine separate Biotonne verfügten.

Hälfte der Abfälle vermeidbar

Bei den Lebensmittelabfällen muss zwischen nicht vermeidbarem und vermeidbarem Müll unterschieden werden. Als nicht vermeidbare Lebensmittelabfälle bezeichnet man solche mit überwiegend nicht essbaren Bestandteilen wie etwa Bananenschalen oder Knochen. Vermeidbare Abfälle wären zum Zeitpunkt der Entsorgung noch uneingeschränkt genießbar gewesen. Dann gibt es noch teilweise vermeidbare Lebensmittelabfälle, die aufgrund verschiedener Essgewohnheiten im Müll landen, etwa Speisereste und Brotrinden. Darüber hinaus stellten die Forscher der Fraunhofer-Projektgruppe bei ihrer Untersuchung fest, dass die Hälfte der Lebensmittelabfälle im Restmüll vermeidbar gewesen wäre.

Insbesondere Obst, Gemüse und Backwaren landeten unangetastet im Müll. "Möglicherweise hat das mit der geringen Haltbarkeit und Frischequalität zu tun. Die Ergebnisse sollen als Basis dienen, um mögliche Ursachen für diese Lebensmittelverschwendung ausfindig zu machen", sagt Projektleiterin Frances Vaak.

Auch der Einfluss der Wohnformen auf das Abfallaufkommen von Lebensmitteln wurde bei der Untersuchung berücksichtigt und bei den Stichproben zwischen Müll aus Einfamilien-, Mehrfamilienhaushalten und Wohnblöcken unterschieden. Die Daten zeigen, dass in Einfamilienhaushalten in Relation gesehen am wenigsten Lebensmittel über den Restmüll entsorgt werden. Daraus folgern die Forscher, dass in Einfamilienhäusern bewusster mit Lebensmitteln umgegangen wird und die Biotonne besser genutzt wird. Im Vergleich dazu fanden die Forscher im Müll der Wohnblöcke fast dreimal so viele Lebensmittel. Während in Wohngegenden mit überwiegend gut situiertem Publikum eher teurere Fertigprodukte im Müll landeten, sei in ärmeren Haushalten der Anteil an Obst und Gemüse höher.

In der Stadt landet mehr in der Tonne

Ebenso wie die Art zu wohnen beeinflusst auch die Lebensform das Wegwerfverhalten: Familien entsorgten tendenziell eher Obst und Gemüse, Single-Haushalte eher Fertigprodukte. Daraus ergibt sich das plakative Bild, dass in Familien der Vorsatz, mehr Obst und Gemüse zu essen, groß, aber nicht realisierbar ist, und in Single-Haushalten weniger selbst gekocht wird, weil es sich für einen alleine nicht lohnt. Quer durch alle Haushalte fanden sich den Forschern zufolge auffällig viele noch geschlossene Produkte im Restmüll. Ebenfalls interessant: Es konnte bestätigt werden, dass in der Stadt mehr Lebensmittel im Restmüll landen als auf dem Land.

Es ist nicht bloß ein deutsches Phänomen, dass noch brauchbare Lebensmittel entsorgt werden. Laut Nahrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen betrifft dies weltweit ein Drittel der produzierten Lebensmittel. Weil gleichzeitig in Entwicklungsländern Nahrungsmittel knapp sind und die Herstellung und Entsorgung der Produkte Energie verbraucht, hat das Thema Lebensmittelverschwendung in Forschung und Politik in jüngster Zeit an Aufmerksamkeit gewonnen. So hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im März 2012 beim Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart eine Studie zur Ermittlung der Mengen weggeworfener Lebensmittel und deren Hauptursachen in Auftrag gegeben.

Demnach entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte in Deutschland jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall. Der Großteil (61 Prozent) stamme aus Privathaushalten, gefolgt von Großverbrauchern wie Gaststätten oder Kantinen sowie der Industrie mit jeweils rund 17 Prozent und dem Handel mit fünf Prozent. Im Schnitt werfe jeder Bundesbürger jährlich 81,6 Kilogramm Lebensmittel weg. 65 Prozent dieser Lebensmittelabfälle wären völlig oder zumindest teilweise vermeidbar gewesen. Zusammengenommen seien das etwa 53 Kilogramm vermeidbarer Abfall pro Person und Jahr oder Waren im Wert von 235 Euro.

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) setzt sich mit der Initiative "Zu gut für die Tonne" dafür ein, dass weniger Lebensmittel im Müll landen. Dazu mussten zuerst die Gründe für die große Verschwendung gefunden werden. Der Stuttgarter Studie zufolge sind das: Abweichung von den geforderten Qualitäts- und Aussehensnormen, falsche Lagerung, Überproduktion und Fehlplanung, volle Regale in Supermärkten und Bäckereien bis Ladenschluss, zu wenig differenzierte Portionsgrößen und abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum. Das Ministerium möchte die Menge der unnötigen Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2020 halbieren. Lebensmittelhersteller, Handel und Großverbraucher sind aufgefordert, Abfälle langfristig zu vermeiden und kleinere Packungen ins Sortiment aufzunehmen. In Hotels und Kantinen sollen auch kleinere Portionsgrößen angeboten werden. Krankenhäuser etwa müssten weniger wegwerfen, wenn sie ihren Patienten Buffets statt fertige Teller anbieten würden.