Herr Winter, wie wichtig sind männliche Bezugspersonen für die Entwicklung von Jungen?
Sehr wichtig, und zwar für alle Kinder. Mädchen leiden in ähnlicher Weise, wenn es in ihrem näheren Umfeld keinen Mann gibt. Allerdings ist die Perspektive eine andere, wenn das eigene Geschlecht fehlt.
Den Jungen fehlt dann ein konkretes Rollenvorbild?
Mit männlichen Bildern sind die Jungen durch die Medien gut versorgt. Was ihnen fehlt, sind echte Männer, die im Alltag sinnlich erfahrbar sind. Diese sind wichtig, damit Jungen erleben, dass männliches und weibliches Verhalten oft gar nicht so unterschiedlich ist. Sie brauchen einen Mann als Erlebnis-Gegenüber. Ihre Ideen von Männlichkeit können sonst nicht in der Realität relativiert werden.
Bei Mädchen ist das anders?
Mädchen können ihre Geschlechterrolle im Alltag prüfen. Sie sehen zum Beispiel: Die Erzieherin ist hübsch, aber trotzdem kein Model; die andere ist fürsorglich, aber manchmal trotzdem streng. Solche Erfahrungen fehlen Jungen.
Welche Auswirkungen hat das?
Jungs ohne männliche Bezugsperson bleiben stärker als andere in ihren Männlichkeitsbildern verhaftet. Es ist ein Spagat: Sie stellen sich vor, wie großartig das Männliche sein muss, sind aber selbst in ihrer Entwicklung oft noch weit davon entfernt. Manche nehmen daher ein betont männliches Verhalten ein, andere werden verschüchtert, wieder andere kriegen das alles sehr gut hin.
Kann ein Leihvater den Vater ersetzen?
Es geht nicht um das Ersetzen, die Jungs sollten eine eigene Beziehung zu ihrem Vater aufbauen, selbst wenn dieser den Kontakt abgebrochen hat. Aber natürlich kann jeder Mann, der dem Kind nahe steht, wichtige Funktionen übernehmen. Das kann ein Leihvater, ein Opa, ein Cousin, ein Leiter im Sportverein oder jemand anderes sein. Das ist etwas sehr Positives und ich rate allen alleinerziehenden Müttern, diesen Kontakt zu suchen.
Was können Männer Kindern geben, was Frauen nicht können?
Männer spielen anders, sie sind oft herausfordernder. Natürlich können auch Väter ängstlich sein, aber meist bringen sie ihren männlichen Spielhintergrund mit ein. Männer sind oft riskanter, denn sie sind nicht so in ihrer elterlichen Liebe verstrickt wie die Mütter, weil sie das Kind nicht neun Monate lang ausgetragen haben.
Ist die Welt von Kindern in Kindergarten und Grundschule zu weiblich dominiert ?
Die Frage ist nur, wie man es bewertet. Tatsächlich ist die Kinderwelt von Männern verlassen. Und das ist nicht zuträglich für die Entwicklung aller Kinder. Wahrscheinlich werden auch in Zukunft nicht mehr Männer Erzieher werden, daher müssen andere Lösungen gefunden werden Ein Anfang könnten etwa Vätersamstage in Kitas sein.
Das Gespräch führte Christina Rinkl