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Biologin im InterviewTratsch im Beet – Worüber sprechen Tomaten?

8 min
Landgarten

Blick in einen bunten Sommer-Garten

Florianne Koechlin ist Biologin und Chemikerin. Sie schrieb mehrere Bücher über Pflanzenkommunikation. Regine Seipel hat mit ihr gesprochen.

Frau Koechlin, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Pflanzenkommunikation. Sprechen Sie zu Hause oft mit Ihrem Grünzeug?

Manchmal (lacht), aber ich weiß natürlich nicht, ob ich verstanden werde oder Selbstgespräche führe. Jedenfalls ist mein Garten ziemlich verwildert.

Aufmerksamkeit, so heißt es, fördert das Gedeihen. Oder?

Ob Pflanzen menschliche Zuwendung spüren, ist noch nicht erforscht. Es gibt so unendlich viel Unwissen in diesem Bereich, weil Pflanzen in der Wissenschaft lange als reine Bioautomaten galten, die mechanisch funktionieren, also Wasser und Boden erhalten und Ertrag liefern. Die wichtigen Fragen hat man lange nicht gestellt.

Sie sehen das anders. Tomatenpflanzen, beschreiben Sie in einem Ihrer Bücher, plaudern intensiv miteinander. Um welche Themen geht es im Beet?

Um Feinde zum Beispiel. Wenn eine Raupe angreift, wird sie von der Tomate an ihren Speichelspuren identifiziert. Sie beginnt sich zu wehren, bildet also Toxine, und sendet einen Duftstoff aus, mit dem ihre Artgenossinnen gewarnt werden. Nach einer Weile produziert sie einen andern Duftstoff, um Nützlinge anzulocken. Interessant ist, dass sie nicht nur weiß, dass sie angegriffen wird, sondern auch von wem. Wird sie von Spinnmilben angegriffen, produziert sie einen Duftstoff, der Raubmilben anzieht, bei einem Raupenangriff aber lockt sie mit einem etwas anderen Duftstoffcocktail Schlupfwespen an, die die Raupen parasitieren.

Das heißt, die Pflanzen sprechen mit Düften.

Ja. Man kennt heute rund 2000 Duftstoffvokabeln bei Pflanzen, zehn bis 20 von ihnen, so nimmt man an, gelten für alle. Sie tauschen aber auch andere Signale aus, das können elektrische Impulse oder auch in Wasser gelöste Stoffe sein.

Die Rede ist auch vom unterirdischen Pflanzen-Internet, mit dem zum Beispiel Bäume im Wald Nachrichten weitergeben. Wie sieht das aus?

Unter der Erde existiert ein riesiges dynamisches Geflecht aus Wurzeln und Pilzfäden, so genannte Mykorrhiza, eine Pilz-Wurzel-Symbiose, die auch das Wood-Wide-Web genannt wird. Die Pilze liefern Nährstoffe, die Bäume Zuckerverbindungen. Darüber hinaus tauschen die Bäume untereinander Nährstoffe und wahrscheinlich sogar auch Informationen aus. Dieses System gibt es nicht nur im Wald, sondern bei über 80 Prozent aller Krautpflanzen, jeweils mit unterschiedlichen Pilzen.

Wie haben Forscher das herausgefunden?

In China gab es Experimente mit Erbsenpflanzen, die weit voneinander gesetzt und mit isolierenden Tüten abgedeckt wurden. Sie konnten sich also weder durch die Luft, noch über die Wurzeln verständigen. Als eine Erbse mit Blattläusen bestückt wurde, begann sich auch die andere sofort zu wehren. Sie muss also über das unterirdische Mykorrhiza-Netz gewarnt worden sein.

Und über dieses Netz tauschen beispielsweise auch Hirse und Flachs Nährstoffe miteinander aus.

Das haben Forscher an der Uni Basel nachgewiesen. Sie nehmen daher an, dass bei guten Mischkulturen das unterirdische Mykorrhizanetz wie ein dynamischer Marktplatz funktioniert: Pflanzen mit tieferen Wurzeln speisen Wasser ein, Stickstoffspezialisten düngen, ein stetes Geben und Nehmen, von dem alle profitieren.

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In der Wissenschaft sind solche Erkenntnisse umstritten.

Vor 20 Jahren galt eine solche neue Sicht auf Pflanzen noch als Esoterik, heute erforschen immer mehr anerkannte Wissenschaftler die Pflanzenkommunikation. Sie haben Phänomene entdeckt, die sich mit den alten mechanistischen Dogmen in der Biologie nicht erklären lassen.

Welche Fähigkeiten kamen dabei ans Licht?

Pflanzen können nicht nur kommunizieren, sie erinnern sich an Vergangenes und lernen aus Erfahrungen. Sie sind eben keine Bioroboter, die nur ihrem genetischen Programm folgen. Pflanzen agieren von sich aus, treffen Entscheidungen.

Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen?

In den USA wurden Tomatenpflanzen, die nie ein Schadinsekt kennengelernt hatten, über acht Generationen in einem Gewächshaus gezüchtet. Dann wurde eine Raupe ausgesetzt, die Tomaten begannen sich erst sehr langsam zu wehren. Nach ein paar Wochen folgte der nächste Angriff. Da reagierten sie sehr schnell. Sie haben gelernt, sich schneller zu wehren und haben sich später an diese Erfahrung erinnert.

Welche Lernmethoden hat man bei Pflanzen noch untersucht?

Sie können nicht nur durch Erfahrung lernen, sondern auch Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden lernen. 60 Mimosenpflänzchen wurden bei einem Versuch in Australien jeweils für ein paar Sekunden ins Rutschen gebracht. Am Anfang hielten sie das für eine Gefahr und schlossen sofort ihre Blätter, nach vier bis acht Wiederholungen, ließen sie ihre Blätter offen, weil sie merkten, dass ihnen nichts passiert. Als sie aber auf eine andere Art geschüttelt wurden, reagierten sie sofort wieder wie bei Gefahr. Nach einiger Zeit wiederholte man den Versuch. Es zeigte sich, dass die Pflanzen schneller als vorher erkannten, dass ihnen nichts geschieht, und es gab sogar individuelle Unterschiede: also quasi mutige Mimosen, die ihre Blätter schon beim zweiten Rutschen offen ließen.

Solche Experimente überzeugen skeptische Botaniker nicht.

Das stimmt, aber immer mehr Forscherinnen und Forscher beschäftigen sich mit solchen Fragen.

Noch überwiegen aber die Wissenschaftler, die eine solche Sicht auf Pflanzen als Quatsch bezeichnen.

Leider. Sie halten daran fest, dass Pflanzen fein tarierte Automaten sind, deren Signalübertragung nichts mit Kommunikation zu tun haben soll und kritisieren alle anderen Erkenntnisse als Vermenschlichung. Aber auch Tiere sind erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts ihrer mechanistischen Falle entronnen. Heute ist es selbstverständlich, dass sie nicht mehr als Sachen gelten, sondern als Lebewesen, die sich verständigen, die leiden, lernen und denen Rechte zugestanden werden.

Glauben Sie, dass Pflanzen Gefühle haben, dass sie sich um ihren Nachwuchs und schwache Mitglieder der Gemeinschaft kümmern?

Ihre Verwandten umsorgen, mit ihnen Informationen tauschen, können sie schon, aber ob sie dabei Trauer oder Freude empfinden, wissen wir nicht. Es ist für uns Menschen schwierig, sich vorzustellen, dass ein Geschöpf ohne Nerven und Gehirn so etwas wie Schmerz empfinden kann. Aber eine Pflanze weiß offensichtlich, wenn ihr etwas nicht bekommt, dann zieht sie die Wurzeln zurück. Diesen Impuls löst bei uns der Schmerz aus. Bei Pflanzen wurden auch Hormone und Proteine entdeckt, die in der menschlichen Schmerzauslösung eine Rolle spielen. Das sind keine Beweise, nur Indizien. Aber zu behaupten, dass Pflanzen keinen Schmerz fühlen, ist auch spekulativ. Das kann keiner mit Sicherheit sagen.

Kriegerische Auseinandersetzungen kennt auch das Grünzeug. Manche Arten schmarotzen, verdrängen, vergiften ihre Nachbarn oder plündern ihre Nährstoffvorräte aus. Sehr friedlich sind Pflanzen also nicht.

Es gibt Kooperation und Konkurrenz, wie bei uns auch. Die Studentenblume, die Tagetes, zum Beispiel, bekämpft Kopfsalat, in dem sie über das Mykorrhizanetz Toxine im Boden verteilen lässt. Aber für all diese Strategien braucht man keine Gefühle.

Sind Pflanzen intelligent?

Das scheint mir eher eine philosophische als eine wissenschaftliche Frage. Intelligenz ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es gibt so viele Definitionen, die emotionale, die mathematische, die räumliche Intelligenz. Wenn man den messbaren Intelligenz-Quotienten als Maßstab nimmt, ist diese Eigenschaft nur Menschen vorbehalten. Wenn man aber die Fähigkeit zugrunde legt, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können, kann man Pflanzen durchaus als intelligent bezeichnen. Aber ich bin mit diesem Begriff sehr vorsichtig, weil er stark provoziert. Im Kern dreht sich die Diskussion darum, ob wir Pflanzen weiter als Automaten sehen oder näher zu Tieren rücken.

Wenn Empfinden und Intelligenz nicht auszuschließen sind, darf man Gewächse, die demzufolge also komplexe Lebewesen sind, noch ausweiden, zurückschneiden und abmähen?

Natürlich müssen wir Pflanzen anbauen, abschneiden und essen, sonst verhungern wir ja. Pflanzen, Tiere, Menschen: Wir sind Teil des Kreislaufes, Teil dieses Beziehungsnetzes des Lebens. Mir geht es aber darum, alle Geschöpfe als sensible Lebewesen zu akzeptieren, für die wir nicht nur Respekt, sondern auch eine gewisse Verantwortung haben.

Sollten Pflanzen also auch den gleichen Schutz wie Tiere genießen?

Nein, aber wir müssen uns – wie bei Tieren auch – Gedanken über die totale Verwertung machen. Diese Diskussion ist noch ganz am Anfang, aber sie muss dringend weiter geführt werden.

Dazu haben Sie vor vier Jahren sogar Anspruchsrechte für Pflanzen formuliert. Wie kamen Sie auf die Idee?

Die Schweiz, darauf bin ich ein bisschen stolz, ist das einzige Land weltweit, das die Würde der Kreatur in der Verfassung verankert hat. Im Zusammenhang mit der Gentechnikdiskussion hatte das Parlament beschlossen, dass Pflanzen auch Kreaturen sind. Ich war damals Mitglied der nationalen Ethikkommission, die sich Gedanken machen sollte, was es bedeutet, wenn auch Pflanzen eine Würde haben. Unser Bericht hat Aufsehen erregt, wurde aber auch ins Lächerliche gezogen.

Aber Sie wollten die Frage weiter vertiefen.

Wir gründeten eine private Gruppe, der Landwirte, Ökologinnen und Philosophen angehörten, haben uns vorsichtig und von allen Seiten her der Pflanze angenähert und Thesen formuliert. Daraus haben wir versucht, Anspruchsrechte abzuleiten.

Welche sind denn besonders wichtig?

Pflanzen dürfen nicht patentiert werden, sie sind schließlich keine Staubsauger und wurden von niemandem erfunden. Und sie sollten ein Recht auf eine gewisse Eigenständigkeit in Bezug auf Fortpflanzung und Anpassungsfähigkeit haben.

Das klingt nach Argumenten für ökologisches Wirtschaften.

Natürlich. Erst mal sind das Denkanstöße, die in die Richtung zeigen, die wir einschlagen sollten. Wir müssen auch bei Pflanzen irgendwo Grenzen gegen deren vollständige Instrumentalisierung festlegen. Das wird sicherlich nicht von heute auf morgen passieren. Aber im Umgang mit Tieren ist uns ja auch schon etliches gelungen.