Felsbrocken, in deren Ritzen Farne und Walderdbeeren wachsen. Eine Wiese voller Roter Lichtnelken und Knabenkraut. Dazwischen ein schmaler Bachlauf, gesäumt von bunten Primeln. Die kleine Wildnis sieht aus, als wäre sie über Jahre hinweg entstanden, weitgehend ohne menschliches Eingreifen. Doch der Schein trügt. Es ist ein Schaugarten, mitten auf dem Gelände der Chelsea Flower Show - der Garten, der die Jury in diesem Jahr überzeugt hat und der als "Best in Show" ausgezeichnet wurde.
Im Frühling zieht die Chelsea Flower Show in London jährlich Besucher aus der ganzen Welt an. Denn hier lassen sich die neuesten Trends ablesen, neue Pflanzen finden. Designer präsentieren ihre Schaugärten und hoffen auf eine Goldmedaille - und natürlich auf die begehrte Auszeichnung als bester Schaugarten.
Seit Jahren liegt der naturalistische Stil im Trend. Die Designer setzen Wiesenkerbel und Kratzdisteln ins Beet, kombinieren Lupinen mit Gräsern oder lassen auch mal Gemüse erblühen. Doch immer ist ganz klar erkennbar, dass es sich um einen Schaugarten handelt. In diesem Jahr treibt Dan Pearson, der für seinen naturalistischen Stil bekannt ist, den Trend auf die Spitze. Sein Garten bildet einen verwilderten Teil des Parks von Chatsworth House in Derbyshire ab, er inszeniert einen lange vernachlässigten Steingarten, den Joseph Paxton dort im 19. Jahrhundert hat bauen lassen. Der Schaugarten wird nach Chatsworth zurückkehren, wo Pearson mit behutsamer Hand die Anlage Paxtons überholt. Der Designer achtet aufs kleinste Detail. Die Wiesenkräuter wachsen über den Bordstein, in Halmen hat sich trockenes Laub verfangen. Nur wenig weist darauf hin, dass hier überhaupt Menschen Hand angelegt haben: Es gibt eine Bank, einen Weg, einen beschnittenen Buchsbaum und eine hölzerne Skulptur. Konsequent, dass diese Illusion von Natur, die gelungenste der ganzen Schau, von der Jury prämiert wurde.
Auch das Publikum ist von der Wildnis angetan. Das scheinbar Unberührte, Zufällige passt zur derzeitigen Sehnsucht nach Natur. Nicht die prunkvollen Rosen-Neuzüchtungen sind es, die die Besucher anziehen, sondern die zarten Wiesenkräuter. Der Trend lässt sich auch an den Ständen der in Chelsea vertretenen Aussteller ablesen. Die Gärtnereien bieten immer mehr Wildpflanzen und ihre Auslesen an.
