Abo

Comeback der KrätzeZahl der Infizierten steigt – Ursache und Behandllung

5 min

Ein schrecklicher Kreislauf: Jucken, Kratzen, Jucken. Die Krätze kann zur Tortur werden.

Ein WG-Wohnzimmer, Hans-Jürgen druckst etwas herum, bevor er das Wort ergreift: „Ich muss euch was sagen – aber macht euch keine Sorgen!“. Ein Beruhigungsversuch, der eher das Gegenteil erreicht. „Also“, fährt Hans-Jürgen fort, „mein Bruder macht sein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim und hat sich da im Sommer Krätze geholt.“ Und dann hatten Hans-Jürgen und seine Freundin auch Hautausschlag bekommen, seien beim Arzt gewesen, der Juckreiz ging weg – und kam wieder.

Panische Blicke im Wohnzimmer, jeder rutscht nervös auf dem Sofa herum. Mitbewohnerin Carla: „Du, ich glaub ich geh mal in mein Zimmer, ich muss noch was lernen.“ Der Abend ist gelaufen, alles juckt und man fühlt sich in die Kita- und Grundschulzeit zurück versetzt, als der „Läusealarm“ ganze Elternhäuser in Panik versetzte.

Und jetzt also Krätze – das klingt nach Mittelalter, nach Dreck, ist ausgesprochen unangenehm und sehr peinlich. Tatsächlich ist diese Milbe in der Mitte der Gesellschaft angekommen – oder richtig: Sie hat Deutschland nie verlassen. Im Gegenteil: Die Zahl der an Krätze erkrankten Menschen steigt sogar.“ Wie die Barmer Ersatzkasse (BEK) mitteilt, ist binnen Jahresfrist die Zahl verordneter Krätze-Medikamente 2017 um 60 Prozent auf 61 255 gestiegen. 

Mehr Verordnungen heißt natürlich: „Ähnlich stark dürfte auch die Anzahl der Erkrankten gestiegen sein“, so die BEK – wenn nicht sogar noch deutlich stärker, denn vermutet wird, dass auch Angehörige mitbehandelt werden.

Eine Milbe ist der Auslöser

Verursacht wird die Krankheit nicht durch mangelnde Hygiene, sondern durch die sogenannte Krätzmilbe Sarcoptes scabiei.

Gelangt eine befruchtete weibliche Milbe auf die Haut eines Menschen, gräbt sie sich in die oberste Hautschicht, legt dort in Kanälen ihre Eier ab und kotet. Durch die Infektion beginnt die Haut zu jucken und zu brennen. Besonders rege Brutstätten: Kindergärten, Schulen, Altenheime.

Weitere Hautkrankheiten sind nicht ausgeschlossen

Auch wenn fehlende Sauberkeit und mangelnde Pflege nicht die Auslöser sein müssen – bei einer akuten Erkrankung unterstützt eine gute Hygiene die Heilung. Regelmäßiges Duschen oder Baden hemmt die Vermehrung der Krätzmilben. Eine mangelhafte Hygiene führt dagegen zu Komplikationen: Bakterien setzen sich in der bereits gereizten oder verletzten Haut fest. Dadurch kommt es zu weiteren Krankheiten, wie Wundrose oder Blutvergiftung. Der Anstieg der Medikamentenverordnungen ist laut BEK regional unterschiedlich. In absoluten Zahlen gab es 2017 die meisten Verordnungen im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW – 26 758, was binnen Jahresfrist einen Zuwachs von 76 Prozent bedeutet. Schleswig-Holstein kam sogar auf einen Zuwachs von 127 Prozent, es folgten Bremen (plus 98 Prozent) und Rheinland-Pfalz (plus 89 Prozent). In Berlin stieg die Zahl der Rezepte laut Barmer um 35 Prozent,

Eine Meldepflicht an das Gesundheitsamt besteht grundsätzlich nicht. Es gibt aber Ausnahmen, wenn Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen betroffen sind. Die Einrichtungsleitung muss die Krankheit dann dem Gesundheitsamt melden. Infizierte Personen müssen der Einrichtung so lange fernbleiben, bis sie niemanden mehr anstecken können. Weltweit rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit bis zu 300 Millionen Krätze-Infizierten jährlich. Wie viele Fälle es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. Und in der WG? Erkennbar angesteckt hatte sich niemand. Geblieben aber ist das ungute Gefühl, wenn man auf der stoffbezogenen Couch sitzt.

Was genau ist Krätze?

Die Krätze ist eine Hauterkrankung, die durch die Krätzmilbe verursacht wird. Die Milbe gehört zu den Spinnentieren und ist nur 0,2 bis 0,5 Millimeter groß. Die weibliche Milbe bohrt nach ihrer Befruchtung bis zu einen Zentimeter lange Gänge unter die Haut. In diese Gänge legt sie ihre Eier ab. Auch der Kot der Milben bleibt zurück, die Haut entzündet sich.

Typische Symptome

Die Krätze-Infektion verursacht einen sehr starken Juckreiz. Milben bevorzugen zur Eiablage warme Körperstellen mit dünner Hornschicht, wie etwa Fingerzwischenräume, Achseln und Genitalien. Dort kommt es zu roten Knötchen und Bläschen in Verbindung mit einer schuppig-krustigen Haut. Aufgrund des Juckreizes weist die Haut Kratzspuren auf.

Symptome von Scabies norvegica oder Scabies crustosa

Krätze kann in verschiedenen Formen auftreten. Die Borkenkrätze, auch Scabies norvegica oder Scabies crustosa genannt, ist eine besonders schwere Form, der Milbenbefall ist sehr stark. Symptom ist die starke Krustenbildung an Füßen, Händen, Knien und Ellenbogen.

Scabies granulomatosa

Bei dieser Krätze bilden sich zusätzlich etwa erbsengroße, entzündliche Knoten in der Haut. Mediziner gehen davon aus, dass diese Knoten entstehen, wenn sich Milben in tiefere Hautschichten bewegen.

Scabies incognita

Die gepflegte Krätze (Scabies incognita) zeigt sich in nur kleinen, eher unauffälligen Hautveränderungen. Der Juckreiz ist dennoch vorhanden.

Wie erfolgt die Übertragung?

Krätze ist ansteckend. Die Übertragung erfolgt direkt von Mensch zu Mensch durch engen Körperkontakt, insbesondere beim Geschlechtsverkehr. Auch der zwischenmenschliche Kontakt in der Familie oder in Pflegeheimen kann zu einer Verbreitung der Milben führen. Menschen mit schwachem Immunsystem stecken sich grundsätzlich leichter mit Krätze an. Gute Körperhygiene kann eine Infektion nicht vollständig verhindern.

Wie wird Krätze behandelt?

Eine Infektion mit Scabies wird vor allem mit äußerlich anzuwendenden Mitteln behandelt. Dabei sollen sämtliche Hautregionen mit einer Salbe eingerieben werden – auch die Kopfhaut. Als Mittel der Wahl gilt Creme mit dem Wirkstoff Permethrin. Es handelt sich um ein künstliches Insektizid, das über einen Zeitraum von zwei Wochen als Salbe auf die Haut aufgetragen wird. Alternativ kann auch eine Lotion mit Benzylbenzoat verwendet werden. Die Krätze kann inzwischen auch oral behandelt werden. Seit zwei Jahren ist der Wirkstoff Ivermectin zum Einnehmen zugelassen.

Verheilt die Haut vollständig?

Nach der erfolgreichen Behandlung können Juckreiz und Hautveränderungen noch Wochen anhalten. Der Patient ist aber nicht mehr ansteckend. Gegebenenfalls verschreibt der Arzt hier eine antientzündliche Creme oder Salbe. Auch eine rückfettende Pflegecreme ist empfehlenswert. (tg)