Frau Katzer, laut einer Studie, die Sie für das Bündnis gegen Cybermobbing durchgeführt haben, waren 20 Prozent der 14- bis 16-jährigen schon Opfer von Mobbing im Internet oder über Kurznachrichten - eine erschreckend hohe Zahl.
Ja, allerdings. In anderen Studien sind diese Zahlen aber ähnlich - und zwar im In- und Ausland. Man kann also sagen, dass ein Viertel der Jugendlichen heute bereits Opfer von Cybermobbing geworden ist. Deswegen müssen wir etwas tun. Denn die schnelle technische Aufrüstung bewirkt, dass diese Form von Mobbing heute bereits in den Grundschulen angekommen ist.
Wie sieht Cybermobbing denn überhaupt aus? Wie unterscheidet es sich vom "normalen" Mobbing?
Die Formen des traditionellen Mobbings - etwa beleidigen, lästern oder verleumden - finden beim Cybermobbing mit technischen Mitteln statt. Also im Internet, in sozialen Netzwerken, über Mail oder "Whats App". Die Täter stellen peinliche Fotos online oder sie legen für das Opfer eine gefälschte Profilseite an, auf der abstruse Hobbys oder Sexvorlieben genannt werden. Cybermobbing geht einfacher und schneller.
September 2013: Die zwölfjährige rebecca Sedwick aus dem US-Bundesstaat Florida springt von einem Turm in den Tod, nachdem sie von Mitschülerinnen wiederholt und bösartig attackiert und gedemütigt wurde. Das tragische Ende einer typischen Teenager-Geschichte: Rebecca hatte was mit einem Jungen, mit dem zuvor ein anderes Mädchen zusammen war. Daraufhin startete dieses das Cyber-Mobbing.
April 2013: Hunderte Kanadier gedenken einer 17 Jahre alten Schülerin, die sich nach Attacken im Internet umgebracht hatte. Bei einer Mahnwache in Halifax in der Provinz Neuschottland fordern sie: „Stoppt das Mobbing“. Das Mädchen war laut seiner Mutter 2011 vergewaltigt worden. Nachdem Bilder im Internet kursierten, nahm sie sich das Leben.
April 2013: In Saratoga im US-Bundesstaat Kalifornien werden drei 16-Jährige festgenommen. Sie sollen nach Angaben des Senders NBC eine bewusstlose 15-Jährige sexuell missbraucht haben. Nachdem Bilder davon im Internet aufgetaucht waren, habe sich das Mädchen im Oktober 2012 das Leben genommen. „Die ganze Schule weiß es, ... mein Leben ist ruiniert“, soll sie geschrieben haben.
Dezember 2012: Hunderte Gymnasiasten beteiligen sich im schwedischen Göteborg an Krawallen wegen Sex-Mobbings im Internet. Die Randale begann als Protest gegen diskriminierende Fotos und Beleidigungen von Schülerinnen als „Huren und Schlampen“ in der Internet-Fotobörse Instagram. Die Polizei ermittelte gegen eine 17 Jahre alte Schülerin als mögliche Urheberin des Internet-Mobbings.
Dezember 2012: Zwei zehn und elf Jahre alte Mädchen springen im bayerischen Kümmersbruck vor den Augen ihrer Mitschüler von einer Brüstung vier Meter in die Tiefe und verletzen sich. Vermutlich war Mobbing durch gleichaltrige Schüler die Ursache für die Verzweiflungstat. Nach Angaben des Schulleiters gab es in der Schule schon länger Probleme wegen Mobbings.
Oktober 2012: Jahrelang wird Amanda Todd im kanadischen Port Coquitlam in der Schule und online gehänselt. Sie bekommt Depressionen und flüchtet sich in Drogen. Mehrmals wechselt sie die Schule, mit 15 Jahren nimmt sie sich das Leben. Ein Video als letzter Hilferuf des Mädchens wird weltweit zum Symbol gegen Cybermobbing.
September 2012: In den Niederlanden löst der sogenannte Facebook-Mord Entsetzen aus. Die 15 Jahre alte Winsie aus Arnheim hat auf dem Netzwerk Facebook verbreitet, dass ihre Freundin Polly Sex mit mehreren Jungen hatte. Polly will sich rächen und schmiedet mit ihrem Freund ein Mordkomplott. Der 15-Jährige ersticht Winsie. Im September wird er zu einem Jahr Jugendgefängnis und drei Jahren Zwangstherapie verurteilt.
März 2011: Eine 18-Jährige wird in Berlin von Mitschülerinnen auf der inzwischen indizierten Internetplattform Isharegossip längere Zeit schwer beleidigt. Ihr 17-jähriger Freund will die Angriffe beenden und verabredet sich mit anderen Schülern zu einem Schlichtungsgespräch. Dabei tauchen etwa 20 Jugendliche auf und prügeln den 17-Jährigen krankenhausreif.
Die 14-jährige Trisha Prabhu hat einen neuen Ansatz entwickelt, um Cybermobbing zu verhindern: Sie will, dass Nutzer, bevor sie etwas Beleidigendes posten, noch einmal gefragt werden, ob sie das wirklich möchten. Was halten Sie von der Idee?
Ich finde die Idee von einem so jungen Mädchen sensationell. Dass man Nutzern einen Spiegel vorhält, kann durchaus abschrecken. Dieses Konzept kennen wir auch aus der Sozialpsychologie. Deswegen gibt es ja auch in vielen Aufzügen Spiegel: Weil man sich schwerer tut, etwas zu beschmieren, wenn man sich selbst dabei zusehen muss. Im Netz muss der Täter sich dann fragen: Was mache ich hier eigentlich? Will ich, dass mir selbst sowas passiert? Vielleicht könnte man Anbieter wie Facebook oder Youtube sogar verpflichten, bei jeder Anmeldung oder bei jedem Post einen Button aufploppen zu lassen, auf dem steht: "Denk darüber nach, wie du dich verhältst".
Trisha Prabhus Konzept beruht vor allem auf der Idee, dass Jugendliche nicht genug über ihr Handeln reflektieren. Trotzdem ist Cybermobbing mittlerweile auch unter Erwachsenen verbreitet. Wie erklären Sie sich das?
Im Internet ist man körperlich nicht aktiv, man nimmt sein Verhalten anders wahr. Die meisten Menschen wissen, dass man im Laden kein Buch klauen darf. Aber im Internet ist die Hemmschwelle für Straftaten niedriger. Das liegt einerseits daran, dass man im Netz anonymer ist. Andererseits sieht man die Konsequenzen seines Handelns nicht direkt. Ein Cybermobbing-Täter muss nicht mit ansehen, wie sein Opfer weint und schreit. Aber gerade deswegen ist es für die Opfer wichtig, dass die Anonymität aufgebrochen und der Täter bestraft wird.
Was ändert sich beim Cybermobbing für die Opfer?
Früher war Mobbing begrenzt auf den Schulhof und nur wenige wussten Bescheid. Cybermobbing hingegen ist extrem öffentlich. Rein theoretisch können Hunderte Millionen Menschen sehen, was über das Opfer veröffentlich wird. Und das ein Leben lang. Denn selbst, wenn der Anbieter das Video oder die Seite löscht, liegen die Daten längst auf anderen Servern. Dadurch gibt es keinen Ort mehr, an den das Opfer sich zurückziehen kann. Das Mobbing kommt bis ins Kinderzimmer. Das ist ein 24-Stunden-Terror. Aber die Gesellschaft versteht diese Dramatik nicht. Und auch die Täter sind sich über die weitreichenden Folgen nicht bewusst.
Generell sollten Sie Ihrem Kind deutlich machen: Ich verstehe, dass du gerne im Netz bist, aber wenn dort Dinge passieren, die dir Sorgen machen, dann kannst und musst du damit zu mir kommen.
Beobachten Sie Ihr Kind genau: Schaltet es den Computerbildschirm häufig aus? Hat es keine Lust mehr, sich mit seinem Smartphone zu beschäftigen? Möchte es nicht mehr in die Schule? Das können Hinweise auf Cybermobbing sein.
Wenn es Cybermobbing ist, entwickeln Sie gemeinsam einen Notfallplan: Reden Sie mit dem Kind, dokumentieren Sie alle Veröffentlichungen mit Screenshots, informieren Sie die Lehrer oder reden mit den Eltern der Täter-Kinder.
Verbessern Sie generell das Eltern-Netzwerk an der Schule und sprechen Sie mit den anderen Eltern über die Dinge, die Ihren Kindern zurzeit wichtig sind. Veranstalten Sie gemeinsam einen Info-Abend zum Thema Cybermobbing.
Hier finden Sie weitere Informationen und Hilfe:
www.bündnis-gegen-cybermobbing.dewww.i-kiz.dewww.juuuport.dewww.save-me-online.de
Viele Eltern raten ihren Kindern sicherlich, einfach nicht mehr ins Internet zu gehen. . .
Nun ja, aber das Cybermobbing geht trotzdem weiter. Am nächsten Tag werden die Jugendlichen in der Schule gefragt, ob sie dieses oder jenes Foto nicht gesehen haben. Wenn man den Kopf unter die Decke steckt, dann eskaliert die Situation noch mehr.
Wie sollten die Opfer sich stattdessen verhalten?
Die Opfer sollten das Mobbing dokumentieren, indem sie Kopien oder Screenshots machen. Dann sollten sie sich beim Anbieter melden und ihn auffordern, die entsprechenden Veröffentlichungen zu löschen. Die Opfer müssen aber auch den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Oft haben sie es allerdings schwer, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Eltern beispielsweise überreagieren oft und verhängen eine Facebook- oder gar Internetsperre. Das hilft natürlich gar nicht. Oft suchen die Opfer deswegen Hilfe im Netz, bei Onlineberatungsportalen. Das ist eine gute Möglichkeit, denn hier gibt es Portale, in denen Jugendliche anderen Jugendlichen helfen.
Wie können wir als Gesellschaft Cybermobbing verhindern?
Mit Prävention. In den skandinavischen Ländern, wo schon seit Jahren mehr Präventionsarbeit geleistet wird, ist Cybermobbing weniger verbreitet. Hier ist es auch wichtig, die Jugendlichen mit einzubeziehen und sie Konzepte ausdenken zu lassen. So entwickeln sie Empathie. Außerdem müssen Jugendliche verstehen, was es heißt, im Netz zu handeln. Viele wissen immer noch nicht, was es bedeutet, ein Bild von sich zu posten, auf dem sie betrunken oder sexy sind. Deswegen brauchen wir ein flächendeckendes Angebot für den richtigen Umgang mit dem Internet an allen Schulformen. Da sehe ich das Bundesfamilienministerium in der Pflicht. Nur so können wir verhindern, dass mehr Kinder zu Cybermobbing-Tätern werden.
