Deutschland gähnt: Etwa jeder dritte Bundesbürger über 16 Jahren leidet immer wieder unter Abgeschlagenheit und Müdigkeit. Bei der Ursachensuche wird dem Patienten oft Blut abgenommen. Doch wann ist das tatsächlich sinnvoll, und welche Werte sollen dabei gemessen werden? Experten warnen vor einer „Schrotschussdiagnostik“.
Eisenmangel?
Als Ursache von Müdigkeit wird immer wieder eine durch Eisenmangel ausgelöst Blutarmut (Anämie) angeführt. Dabei betont das Bundesamt für Risikobewertung, dass sich „Hinweise für eine Eisenmangelanämie lediglich bei 0,6 Prozent der Bundesbürger“ finden ließen. Das ist wenig, und die tatsächliche Zahl muss geringer eingeschätzt werden, weil ja das Bundesamt betont von „Hinweisen“ und nicht von diagnostizierten Befunden spricht.
Im Umkehrschluss heißt dies, dass Beschwerden wie Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Gesichtsblässe und spröde Haare, die gerne als typische Symptome der Eisenmangelanämie gedeutet werden, in der Regel eine Ursache jenseits von Blut und Eisen haben.
Sichtbar genervt berichtet der Patient seinem Hausarzt, dass er sich seit etwa einem Monat „völlig erschlagen“ fühle. Er sei morgens unausgeschlafen, tagsüber drohten ihm immer wieder die Augen zuzufallen und abends schlafe er vor den Nachrichten ein. Der Mediziner stellt ein paar Fragen, doch dann wird dem Patienten auch schon Blut abgenommen. „Damit wir etwas Konkretes in der Hand haben“, so der Arzt.
Schwierige Suche nach der Ursache
Mit diesem Satz rennt er beim Patienten in der Regel offene Türen ein. Denn der leidet unter seiner Müdigkeit meistens schon mehrere Monate, und im Unterschied zum Schmerz lässt sie sich nur schwer einordnen. Man weiß oft nicht, woher sie kommt, und deswegen wird jede Ankündigung, jetzt endlich mal etwas Konkretes auf den Tisch zu bringen, dankbar angenommen. Tatsache ist jedoch: Die Blutabnahme trägt nicht unbedingt zur Klärung des Problems bei – manchmal führt sie sogar in die Irre.
So werden bei ihr in der Regel auch die Eisenwerte erhoben. Was auch durchaus logisch klingt, insofern der Sauerstoff im Blut durch Hämoglobin transportiert wird, in dessen Zentrum ein Eisenmolekül sitzt. Von daher können niedrige Eisenwerte tatsächlich müde machen. Doch Peter Maisel, Leitlinienautor der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), betont: „Es gibt auch viele Menschen mit niedrigem Eisen-Status, die keine Beschwerden haben.“
Man kann ihn also nicht immer als hinreichende Erklärung für die Müdigkeit des Patienten heranziehen und ihn in der Folge – wie es oft geschieht – einfach ein Eisenpräparat einnehmen lassen. Nicht selten ist der Patient daraufhin genauso müde wie vorher, und die nervtötende Ursachensuche geht wieder von vorne los. Wie man sich laut DEGAM ohnehin vor „Schrotschuss-Diagnostik“ hüten sollte, die nach dem Muster vorgeht: Testen, was geht, und irgendwas wir schon zutreffen. So gehört es derzeit zum Trend, bei Müdigkeit auf Borrelien zu testen. Diese per Zeckenbiss übertragenen Erreger sind mittlerweile in Deutschland so präsent, dass sie relativ oft ihre Spuren im Blut hinterlassen. „Tatsächlich aber gibt es keine Studien, die zeigen, dass bei Verdacht auf eine chronische Borreliose eine antibiotische Therapie den Verlauf der Beschwerden verbessert“, so die DEGAM.
Besser also, die Blutuntersuchung kommt gezielt und bedarfsgerecht zum Einsatz. Was nicht nur dann gegeben ist, wenn sich beispielsweise konkrete Hinweise auf Arzneimittelnebenwirkungen oder Infektionen ergeben haben. Sondern umgekehrt auch dann, wenn vorherige Untersuchungen keine Hinweise auf eine Ursache ergeben haben, die nicht im Blut nachweisbar ist. Wie etwa auf eine Depression, die sich bei mindestens jedem fünften Müdigkeitspatienten feststellen lässt.
Doch auch in diesem Falle muss man nicht alle Register der Labormedizin ziehen.Vielmehr reicht hier in der Regel eine Basis-Untersuchung. Zu ihr gehört das klassische Blutbild, das einen Überblick über die im Blut enthaltenen Zellen liefert. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise ein Mangel an roten Blutkörperchen ermitteln. Darüber hinaus empfiehlt sich die Überprüfung des C-reaktiven Proteins (CRP), weil es ein relativ verlässlicher Indikator für Infektionen, Entzündungen und Gewebeschäden ist. Dass sie den Menschen müde machen, hat wohl schon jeder einmal erlebt, wenn er mit einem kräftigen Schnupfen zu kämpfen hatte.
Aber auch bei unbemerkten Entzündungen – etwa in den Kieferhöhlen oder am Zahnfleisch – werden Botenstoffe ausgeschüttet, die einen direkten Einfluss auf das zentrale Nervensystem haben und den Menschen müde machen. Wobei dieser Mechanismus aus biologischer Sicht durchaus erwünscht ist, denn wer müde ist, unternimmt weniger, das seinen geschädigten Organismus überlasten könnte.
Leberwerte können entscheidend sein
Ein weiterer Teil der basismäßigen Blutuntersuchung: Das Thyreoidea-stimulierende Hormon, TSH. Denn es liefert Auskünfte über die Funktionen der Schilddrüse, und Müdigkeit und Abgeschlagenheit gehören zu den typischen Symptomen einer Unterfunktion dieses Organs. Ganz zu schweigen davon, dass auch der Blutzuckerspiegel in die Messungen einfließen sollte, insofern das Gehirn auf Zucker als Brennstoff angewiesen ist.
Wesentlicher Teil einer Basis-Untersuchung sollten schließlich auch die Leberwerte sein, wie Maisel betont,. „Denn unter Ärzten kursiert nicht umsonst der Satz: Die Müdigkeit ist der Schmerz der Leber“, so der Allgemeinmediziner. Denn Krankheiten an diesem Drüsen- und Entgiftungsorgan verlaufen lange Zeit unbemerkt. Ein weiteres Argument für die Erhebung der Leberwerte, denen die Eiweiße zugrunde liegen, die das Organ im Schadensfall abgibt: Laut aktuellen Schätzungen soll hierzulande ungefähr jeder vierte Erwachsene eine Fettleber im rechten Oberbauch haben.
Doch trotz aller Präzision, die mittlerweile die Blutuntersuchungen in den Labors liefern können: Man sollte nicht zu viel von ihnen erwarten. „Es gibt Menschen, die sich trotz schlechter Blutwerte putzmunter fühlen“, so Maisel, „während andere sich müde fühlen, ohne dass ihre Blutwerte auffällig wären“. Weswegen der Allgemeinmediziner, der auch an der Universität Münster lehrt, seinen Kollegen rät, vorher die herkömmlichen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten in ihrer Praxis auszuschöpfen. Dazu gehört nicht zuletzt das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Und seit 2012 sind Kommunikation und Gesprächsführung auch offiziell Gegenstand der ärztlichen Ausbildung.
