Köln – Ärger, Wut, Zorn – kein Problem. Das sind schlechte Gefühlszustände, mit denen ich mich auskenne. Leider. Weil ich nur selten in der Lage bin, etwas wegzulächeln. Mir wäre auch lieber, wenn sämtlicher Blödsinn an mir abprallen würde wie ein Fußball am Garagentor. So ist es aber nicht. Ich verschwende zu viel Energie für Idioten und Volltrottel. Solche etwa, die mir auf dem Fahrradweg entgegenkommen, auf mich zubrettern, obwohl sie in der falschen Richtung unterwegs sind.
Ich muss abbremsen und ausweichen, was nervt, weil ich schnell unterwegs bin; und von Fahrern auf der falschen Seite grundsätzlich Demut erwarte. Fast noch besser sind die, die mit ihrem Fahrradschloss mein Rad mit anschließen. Das macht mich fassungslos. Einmal habe ich drei Tage gewartet, bis mein Rad befreit war. Mein Fahrrad ist mein wichtigstes Fortbewegungsmittel.
Zwanzig Minuten in der Warteschleife
Zu viel sinnlose Energie verwende ich darauf, um mich über Menschen aufzuregen, die zu blöd, zu ignorant sind oder zu langsam denken. Auch Umstände, die nicht zu ändern sind, können mich leider rasend machen: Haben Sie schon mal eine Stunde und zwanzig Minuten in der Hotline des Telefondienstleisters gehangen, um dann um 21:59 Uhr aus der Leitung geworfen zu werden mit dem blechernen Hinweis, dass jetzt Feierabend ist? Da raste ich aus. Und wären mir 70 Euro für ein neues Telefon nicht zu schade, der Hörer würde an der Wand zerschellen.
Aber hasse ich deswegen Netcologne? Hasse ich die Idioten auf dem Radweg? Nein. Dafür sind sie mir nach kochendem Zustand dann doch zu egal. Sie werden verbucht unter Volltrottel, mit seelischer Verletzung hat das nichts zu tun, weil sie mich ja nicht ohnmächtig zurück lassen, sondern nur wütend.
Woher kommt der Hass?
Was aber fällt mir zu Hass ein? So hieß nun mal der Auftrag, weil die Kollegen schon alle über die Vorstufen des schlechtesten und gefährlichsten Gefühls in dieser Serie geschrieben haben. Also, was ist mit meinem Hass?
Ehrlich – ich muss lange nachdenken und ganz weit zurück. Ich komme auf genau zwei Ereignisse, die beide in meiner frühen Jugend stattfanden. Das erste ist schnell abgehandelt. Es war die erste Silvesterparty, auf die ich ohne Eltern ging. Eine begehrte Feier. Eine Einladung zu ergattern, war wie ein Sechser im Lotto. Beziehungsweise: Die Einladung war wichtiger. Coole Musik, dichtes Gedränge, nette Menschen und eine Klassenkameradin, die es auf mich abgesehen hatte.
Mit der glühenden Kippe kam sie auf mich zu, und hätte ein guter Freund direkt hinter mir in der Schlange und mit mehr Weitblick nicht seine Hand vor mein Gesicht geschoben, wäre ich heute auf dem rechten Auge blind. Die Party war jedenfalls gelaufen, das neue Jahr begann nicht schwungvoll, sondern eben voller Hass. Nach den Winterferien war davon zum Glück nur noch ein schales Gefühl übrig, ich ignorierte die Person bis zum Schulabschluss weiterhin so, wie ich sie bis zum Silvesterabend ignoriert habe.
Hass gegen die Mutter
Das andere Hass-Ereignis war schwerwiegender: Der Hass richtete sich gegen meine Mutter, meinen älteren Bruder und den Fußball im allgemeinen. Ein Fernsehgerät in unserem Haushalt, drei Programme. TV-Unterhaltung interessierte mich eigentlich nicht, bis auf – wir befinden uns in den späten 1980er Jahren – Denver- Clan, mittwochs, 21 Uhr bis 21.45 Uhr. Das war meine Sendung. Leider lief im anderen Programm irgendein wichtiges Länderspiel.
Meine Mutter stand im Wohnzimmer und bügelte, mein älterer Bruder kam dazu und nahm, ohne mich zu fragen, die Fernbedienung – diese technische Errungenschaft gab es im letzten Jahrhundert schon. Jedenfalls schaltete er um. Ich war fassungslos. Zunächst in Schockstarre und wartete – auf das Einschreiten meiner Mutter. Und was passierte? Sie bügelte, redete etwas von wichtigem Spiel, das er schließlich sehen müsse. Mein Kram käme ja im Wochenrhythmus.
Dabei war doch schon samstags und sonntags zur Sportschau das Gerät von meinem Bruder blockiert, und während der Europa- und Weltmeisterschaften lief Grün mit Schwarz-Weiß ohnehin in Dauerschleife. So viel Ungerechtigkeit auf einmal war mir zuvor in diesem Haushalt nicht begegnet. Wir drei Geschwister wurden immer zum gerechten Aufteilen angehalten, ob es sich um Schokolade oder Legosteine handelte. Aber zwischen Süßkram, Spielsachen und Fußball lagen offenbar Welten, die sich mir nicht erschlossen.
Wochenlang mit beiden nicht gesprochen
Ich schrie rum, meine Mutter schrie rum, minutenlang, mein Bruder saß in Siegerpose auf dem Sofa und schaute – Fußball. Bis ich aufstand, das Bügeleisen schnappte und auf meine Mutter losging. Ich weiß nicht, was mich kurz von ihrem nackten Oberarm entfernt davon abhielt, ihr ein hübsches Dreieck zu verpassen, jedenfalls knallte ich in letzter Sekunde das Ding auf die Halterung zurück und genauso laut die Haustür hinter mir zu. Die halbe Nacht verbrachte ich am Bach hinterm Haus bis ich wieder denken konnte und nach Hause ging.
Wochenlang habe ich mit beiden nicht gesprochen, sie noch nicht mal angeschaut. Morgens nicht, mittags nach der Schule nicht und abends sowieso nicht. Mein Vater und mein jüngerer Bruder fanden das ziemlich irritierend, helfen konnten sie nicht. Das Tuch war zerschnitten bis nach den Sommerferien. Vier Wochen war ich mit Freundinnen, Rucksack, Zelt und Interrail-Ticket in Südeuropa unterwegs. Auf der letzten Zugfahrt, von Paris Richtung Heimat, freute ich mich, sie alle wiederzusehen. Der Hass war endlich verflogen. Seither gibt es keinen Hass mehr in meinem Leben. Nur ein paar Volltrottel und Idioten.
