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FleischesserKein Mitleid mit den Schweinen

4 min

Sind Schweine dreckig, faul und dumm? Oder gar das Gegenteil? Oder einfach ein Schnitzel auf Beinen?

Frau Joy, was verbinden Sie mit dem Wort "Schwein"?

Schweine sind sensibel, intelligent, sie haben ein Bewusstsein und eine Persönlichkeit.

Sie haben diese Frage Ihren Studenten gestellt. Wie haben die sie beantwortet?

Sie antworten auf diese Frage für gewöhnlich, dass Schweine faul, dick, dumm und dreckig sind. Tatsächlich hatten die meisten von ihnen aber bis dahin überhaupt keinen direkten Kontakt zu Schweinen.

Haben Sie Schweine denn schon immer für intelligent und sensibel gehalten?

Nein. Ich bin ja auch in dem Glauben aufgewachsen, dass man Schweine und andere Tiere essen soll. Und ich habe auch an diese Mythen geglaubt, die uns das einfacher machen sollen.

Sie halten das also für eine Strategie, damit wir uns beim Essen von Fleisch nicht schlecht fühlen?

Es ist keine bewusste Strategie. Die meisten Leute fühlen sich sehr unwohl, wenn sie Bilder von Tieren beim Schlachten sehen oder nur daran denken. Wir vermeiden also, diese Verknüpfung zu machen, weil wir Tiere essen wollen, ohne dabei Mitgefühl für sie zu empfinden - das wir natürlicherweise empfinden würden, wenn wir Schweine ebenso wie Hunde als die sensiblen Lebewesen sehen würden, die sie sind.

Der Pferdefleischskandal hat gezeigt, dass es uns nicht egal ist, welches Tier wir auf dem Teller haben. Warum essen wir Schweine und keine Hunde?

Weil wir in ein unsichtbares Glaubenssystem hineingeboren wurden, das wir nicht infrage stellen. Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst darüber, dass wir eine Wahl haben. Ich nenne dieses System Karnismus. Es formt unsere Gefühle gegenüber den Tieren, die wir essen, und denen, die wir nicht essen. Es hält uns davon ab, darüber nachzudenken, und es lehrt uns, beim Fleischessen nichts zu fühlen.

In Ihrem Buch reden Sie von den drei "N" der Rechtfertigung. Was ist das?

Karnismus ist ein unterdrückendes System, das unserer menschlichen Natur eigentlich nicht entspricht. Um es trotzdem leben zu können, brauchen wir diese Mythen über das Fleischessen, nämlich die, dass es normal, natürlich und nötig sei - das ist, was ich die drei "N" der Rechtfertigung nenne. Das sind übrigens die gleichen Argumente, die man in der Geschichte benutzt hat, um Sklaverei zu rechtfertigen.

Warum sollte es nicht normal sein, Fleisch zu essen?

Es gibt einen Unterschied zwischen normal und normalisiert. Fleischessen ist eine soziale Norm. Aber nur, weil es jeder tut, muss es ja nicht richtig sein. Ich glaube, die meisten Menschen würden kein Fleisch essen, wenn sie sich bewusst wären über die Bedingungen, unter denen Tiere gehalten und geschlachtet werden, und über das System des Karnismus. Wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man eine Entscheidung treffen.

Einer Theorie zufolge hat unser Fleischkonsum die Gehirnentwicklung vorangebracht. Das spricht doch dafür, dass Fleischessen Teil unserer Natur ist?

Unsere Evolution ist nicht abgeschlossen, wir entwickeln uns ja weiter. Und zwar zu moralischeren, weniger gewalttätigen Wesen. Wir müssen heute anders als früher kein Fleisch mehr essen, um zu überleben - damit wird Fleischessen zu einer moralischen Frage. Wir schauen nur so weit zurück auf unsere Geschichte, wie unser Dasein als Fleischesser zurückreicht, nicht bis zu unseren Früchte essenden Vorfahren. Mord gehört auch zu unserer Geschichte und müsste demzufolge ebenfalls als natürlich bezeichnet werden.

Reagieren Fleischesser feindselig auf Sie und Ihre Arbeit?

Es gibt manche, die nicht gut finden, was ich geschrieben habe. Aber Feindseligkeit erlebe ich nur sehr selten. Ich habe ja selbst den Großteil meines Lebens Fleisch gegessen und sage nicht, dass ich anders bin. Das Problem sind nicht die einzelnen Menschen, die Fleisch essen, die sind nicht schlecht. Es ist das System, das uns dazu bringt, gegen unsere eigenen Werte zu verstoßen.

BUCHTIPP

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen, Compassion Media, 240 S., 20 Euro.