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Gedenken in Belgien300.000 Soldaten kämpften bei Waterloo

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Männer in Uniformen der französischen Armee zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellen eine Szene der Schlacht nach. (Foto: afp)

Brüssel – Zum dritten Mal binnen eines Jahres wird Belgien an seine blutige Vergangenheit erinnert: Nach den beiden Weltkriegsgedenktagen steht jetzt das 200-jährige Jubiläum der Schlacht von Waterloo an, ein weiteres Gemetzel von historischer Dimension auf dem Boden des - erst 15 Jahre später begründeten - Königreichs. Doch im Unterschied zu den Vernichtungsorgien des 20. Jahrhunderts bei Ypern, Passchendaele oder in den Ardennen ist Napoleons letztes Gefecht kaum mehr Gegenstand von Trauer und Entsetzen. Waterloo, 200 Jahre danach, ist vor allem Show und Geschäft.

Scheiterhaufen brannten tagelang

Es ist eine friedlich anmutende, sanft hügelige Landschaft, eine halbe Autostunde südlich von Brüssel. Hier stoppte am 18. Juni 1815 ein Bündnis der europäischen Monarchien ("Die siebte Koalition") den Emporkömmling Napoleon endgültig, um ihn alsdann in seinem 46. Lebensjahr aufs Altenteil nach St. Helena zu schicken. Im Besucher-Zentrum, zu Füßen des Wahrzeichens "Butte du Lion" informiert eine Schautafel, was es zu sehen gibt. Das große Panorama etwa, 110 Meter kreisförmiges Schlachtengemälde, mit vielen naturgetreuen Leichen von Menschen und Pferden, Geschützdonner und einem modrigen Aroma, von dem man nicht weiß, ob es zur Inszenierung gehört, oder absichtslos den alten Holzbohlen entströmt. "Ein riesiges Fresko mit verblüffend real wirkenden Klageffekten versetzt Sie mitten in die Schlacht", verkündet die Schautafel. "Besonders beeindruckend für Kleinkinder!"

Dabei war es damals, nach Dauerregen am Vortag, eine widerwärtige Schlammschlacht, ein brutales Blutbad. Der Ex-Kaiser, aus der Verbannung auf Elba entwichen, und seine Gegner schickten rund 300 000 Soldaten ins Feld.

Die Auftaktschlachten von Ligny und Quatre-Bras eingerechnet, bezahlten schätzungsweise bis zu 60 000 Menschen den Sieg der Feldherren Wellington und Blücher über Bonaparte mit dem Leben, mit Verstümmelung oder Verwundung. Noch Tage danach brannten die Scheiterhaufen, auf denen die Gefallenen eingeäschert wurden, das Körperfett lief in die Straßengräben. In den Triumph der Sieger mischte sich Beklemmung. "Nur eine verlorene Schlacht ist noch schlimmer als eine gewonnene", sinnierte der Herzog von Wellington.

Ihm ist es im übrigen zu verdanken, dass die finale Niederwerfung des Korsen das historische Markenzeichen "Waterloo" trägt, das heute für jede vernichtende Niederlage sowie den ersten Abba-Hit steht. Wellington pflegte Schlachten nach dem Ort seines jeweiligen Hauptquartiers zu benennen, und das (heute ebenfalls ein Museum) lag in diesem Fall im Örtchen Waterloo, gut fünf Kilometer nördlich der eigentlichen Walstatt. Diese ist als leicht welliges Feld-, Wald- und Wiesen-Gelände mit ein paar verstreuten Gehöften von moderner Überbauung verschont geblieben, dank einer Verfügung des belgischen Staates von 1914 zum Schutz des berühmtesten Stückchen Erde in seiner Obhut. Freilich ließ man die erhaltenen Gebäude aus napoleonischer Zeit und die später hinzugekommenen Gedenkstätten ziemlich verkommen. Erst das Jubiläum veranlasste die wallonische Regionalregierung, immerhin 40 Millionen Euro auszugeben, um das angegammelte Ensemble zu renovieren und zu ergänzen.

Der Sturz des Adlers

Das versteht sich als Investition - im Gefolge des Jubiläums soll die Besucherzahl von 250 000 pro Jahr verdoppelt werden. Glanzstück ist das neue - wegen des konservatorischen Bauverbots unterirdisch errichtete - "Memorial", das mit den Mitteln moderner Museumstechnik das geschichtliche Drama und seine Akteure, Schlachtenlenker wie Gelenkte, verlebendigt. Besonders ein 15-minütiger 3-D-Film bringt dem Besucher das zehnstündige Morden und Sterben beängstigend nahe.

Viel älter ist das zentrale Monument, an dem der historische Schauplatz schon von weitem zu erkennen ist: 1826 wurde der "Löwenhügel" (Butte du Lion) errichtet, ein 40 Meter hoher, pyramidenförmiger Kegel, gekrönt von einem bronzenen Leu.

Das Wahrzeichen erinnert an den Prinzen Wilhelm von Oranien, der unter Wellington das niederländisch-belgische Korps befehligte und an dieser Stelle einen Schulterschuss davontrug. Wer die 262 Stufen bewältigt, wird mit einem hervorragenden Überblick über das gesamte Gelände und die diversen Brennpunkte des Kampfgeschehens belohnt. Allerdings ist der Löwenhügel für eine gewisse Verflachung der Umgebung verantwortlich: Für die Aufschüttung wurden 300 000 Kubikmeter Erdreich abgetragen, was das Gelände-Relief veränderte und vor allem den Hügelkamm um zwei Meter niedriger legte, hinter dem Wellingtons Truppen den Angriff der Franzosen erwarteten.

Die große "Reconstitution"

Höhepunkt der Festivitäten zum Jubiläum ist vom 18. bis zum 20. Juni die große "Reconstitution" - Nachstellung der Schlacht mit allen Kostüm-Schikanen. Das Spektakel ist fester Bestandteil des sommerlichen Veranstaltungskalenders der Region, soll aber diesmal alles bisher Dagewesene übertreffen. Mehr als 5000 Laiendarsteller, darunter 350 hoch zu Ross, verkörpern in originalgetreuen Uniformen die Soldaten der verschiedenen Armeen. Gut 1100 Männer und Frauen sind als Tross mit von der Partie, hundert Kanonen warten auf ihren Böller-Einsatz. 2000 Grill-Hähnchen, 60 Duschen und 170 Toiletten sorgen für einen Komfort, von dem die bedauernswerten Vorbilder im Brabanter Schlamm nur träumen konnten.

Belgien, zum Zeitpunkt der Schlacht noch Teil des Königreichs Niederlande, hat zum "Sturz des Adlers" Bonaparte ein zwiespältiges Verhältnis gehabt. Bürger des späteren Königreichs hatten auf beiden Seiten gefochten, aber insgesamt fühlte man sich zunächst als Sieger. Stolz blickt der Löwe auf seinem Hügel Richtung Frankreich, in Brüssel wurden Boulevards auf den Namen "Waterloo" oder "Quatre-Bras" getauft, und eine Zeitlang war der Jahrestag sogar ein Feiertag.

"Doch das kollektive Gedächtnis ist ins Rutschen geraten", sagt der belgische Historiker Sébastien Dubois. "Jetzt heißt es eher "die Niederlage von Waterloo"". Einen späten Triumph haben die Belgier erst in diesen Tagen davongetragen. Gegen den Widerstand der Franzosen haben sie Gedenkmünzen geprägt, zum Nennwert von zweieinhalb Euro. Die Ausgabe von Zwei-Euro-Stücken hatte Paris nach den Regeln der Europäischen Währungsunion noch verhindern können, bei irregulärem Nennwert herrscht nationale Münzhoheit. Zu sehen ist, was sonst, der Löwe auf seinem Hügel, für sechs Euro in der Standardausführung, 40 Euro für die Silber-Prägung.