Köln – Die Kurve, die auf dem Laptop von Professor Ortwin Adams aufleuchtet, ist so etwas wie der Beweis, dass sie ständig unter uns sind. Die violetten Balken zeigen an, in wie vielen Blutproben von Patienten im Jahresverlauf sogenannte Rhinoviren entdeckt wurden – jene infektiösen Partikel, die beim Menschen Symptome wie Schnupfen, Husten und Heiserkeit hervorrufen. In den nasskalten Herbstmonaten ist die Verbreitung mit 16 bis 18 Prozent am größten. Aber auf dem Nullpunkt ist die Kurve nie.
Auch für Adeno-, Influenza- und andere Grippeviren kann sich Adams auf Knopfdruck Häufigkeitskurven anzeigen lassen. Die Online-Datenbank des Respiratorische Viren Netzwerks, deren Koordinator der Virologe der Universität Düsseldorf ist, speist sich aus den Daten aus knapp 20 Laboratorien in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist für jedermann abrufbar (Internet-Link am Ende des Textes). „Ziel ist, Ärzten ein Werkzeug zur Verfügung zu stellen, in dem sie sich jederzeit über die Zirkulation der Erreger informieren können“, sagt Adams. Außerdem wolle man ein Bewusstsein dafür schaffen, wie häufig virale Infekte eigentlich sind.
Wenn sich Mediziner aufs Datensammeln statt auf Therapieforschung verlegen, kann das ein Zeichen dafür sein, dass einer Krankheit im Labor kaum beizukommen ist. Dass gerade die banale Erkältung eine derart harte Nuss ist, scheint verrückt: Die Medizin hat die Pocken ausgerottet und die Pest besiegt, sie kann Tumore zerstören und Kunstherzen einsetzen. Warum ist gegen den Schnupfen noch kein Kraut gewachsen?
200 verschiedene Erreger
„Das große Problem bei den Rhinoviren ist, dass es davon 150 bis 160 verschiedene Typen gibt – vermutlich sogar noch mehr“, sagt Ortwin Adams. Jeder einzelne Virustyp hinterlässt nur einen unvollständigen Schutz im Körper, wenn man sich infiziert hat. „Mit anderen kann man sich dann trotzdem wieder anstecken.“ Die Hoffnung, in absehbarer Zeit einen Impfstoff gegen Rhinoviren zu entwickeln, hat die Medizin deshalb fast aufgegeben.
„Man müsste einen Impfschutz entwickeln, der alle Typen enthält – das wäre wahnsinnig aufwändig, falls es überhaupt möglich ist“, erklärt Adams. Vor allem, weil solch ein Stoff auch noch verträglich sein müsste. Hinzu kommt, dass die Rhinoviren zwar die häufigste, aber auch nur eine Erreger-Gattung sind: Insgesamt 200 Schnupfenviren können Auslöser einer viralen Rhinitis sein.
Diese enorme Artenvielfalt ist der Grund, warum unser Immunsystem immer wieder von Angriffen der Partikel überrascht wird. Sind sie einmal über die Schleimhautzellen in den Körper gelangt, springt das Immunsystem an: Um die Eindringlinge loszuwerden, reagiert es mit einer Entzündung der Nasenschleimhaut. Die Gefäße werden durchlässig, Flüssigkeit tritt aus, die Nase „läuft“. Dafür, dass wir uns abgeschlagen fühlen, ist unsere Abwehr ebenfalls selbst verantwortlich: Stoffe, die von den weißen Blutkörperchen produziert werden, zwingen den Körper auf diese Weise ins Bett.
Kein Allheilmittel
Eine simple Erkältung verläuft meist harmlos, wenn nicht noch ein sogenannter Superinfekt wie etwa eine Lungenentzündung hinzukommt. Allerdings verursachen grippale Infekte hohe Kosten. Experten schätzen, dass Kinder fünf bis sechs Mal im Jahr an Schnupfen erkranken, Erwachsene zwei bis drei Mal. Husten, Bronchitis und Lungenentzündung verursachten laut DAK-Gesundheitsmonitor 17,3 Prozent aller Fehltage im Jahr 2013.
Zwar gibt es eine Reihe von Medikamenten, mit denen sich Symptome lindern lassen. Mit den Erregern selbst muss der Körper aber alleine zurechtkommen. Wirkstoffe, die Rhinoviren direkt angreifen, gibt es bislang nicht. Lange ruhte die Hoffnung der Forscher hier auf sogenannten Canyon-Blockern: Stoffen, die sich auf die grabenartige Oberfläche der Erreger setzen, sodass diese nicht mehr an Wirtszellen andocken können. Das Problem: Es ist nie gelungen, ein Mittel zu entwickeln, das an alle 150 Virentypen andockt.
Deshalb hat sich die Wissenschaft inzwischen auf eine andere Frage verlegt: Warum sind manche Menschen eigentlich anfälliger für eine Erkältung als andere? Gibt es tatsächlich so etwas wie eine robuste Konstitution? Oder kann man dem Schutz vor der Schniefnase womöglich nachhelfen?
Raucher haben ein hohes Risiko
Seit Jahrzehnten wird nach den Risikofaktoren für grippale Infekte geforscht. Heute ist die Faktenlage komplex. Klar ist, dass sich Menschen mit bestimmten Krankheiten wie Diabetes und Patienten, die immununterdrückende Mittel nehmen, schneller erkälten. Epidemiologische Studien legen zudem nahe, dass Erbanlagen eine Rolle spielen. Unstrittig ist auch, dass Raucher ein höheres Risiko haben, sich Viren einzufangen: Tabakkonsum schädigt das Flimmerepithel im Rachen, das für die Reinigung der Atemwege sorgt. Auch Vitamin-C-Mangel erleichtert den Erregern das Eindringen, weil dadurch die Abwehr schwächelt. Allerdings leidet in den westlichen Industrieländern heute kaum jemand unter einem Mangel an Zitrusfrüchten. Ob die Zufuhr des C-Vitamins darüber hinaus vorbeugt, ist nicht belegt.
Überhaupt leiden Beobachtungsstudien, die einen Einfluss des Lebensstils auf die Erkältungsanfälligkeit untersuchen, unter einem methodischen Problem: Es gibt einfach zu viele Faktoren. „Oft gehen die Einflüsse Hand in Hand“, sagt Ortwin Adams. „Wenn Sie viel Sport treiben, sind Sie in der Regel auch nicht übergewichtig und ernähren sich gut.“ Auch Saunagänger achten vermutlich mehr auf ihren Körper. Daher könne man einen positiven Einfluss des Saunierens oder anderer Einflüsse auf die Abwehr nur schwer belegen.
Logischer erscheint da schon die These, dass Erzieherinnen und Eltern besser als Kinderlose vor Schnupfen gefeit sind. Wer viel mit Menschen zu tun hat, kommt mit mehr Virentypen in Kontakt, auf die er Antikörper entwickelt – zumal kleine Kinder oft Erreger mit sich herumtragen. In einem Experiment infizierten US-Forscher Eltern mit Schnupfenviren und konnten zeigen: Je mehr Kinder ein Paar hat, desto seltener reagieren die beiden mit Husten und Schnupfen. Aus demselben Grund sind auch ältere Menschen, die bereits viele Infektionen durchgemacht haben, besser geschützt.
Attacke auf alte Immunzellen
Dass das Ausmaß, mit dem eine Erkältung zuschlägt, auch mit dem biologischen Alter der Zellen zu tun haben könnte, legt eine Studie im renommierten „Journal of the American Medical Association“ nahe. Der Virologe Sheldon Cohen und sein Team von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh (USA) hatten dafür 152 jungen und mittelalten Probanden ein Nasenspray verabreicht, dem Schnupfenviren zugesetzt waren. Sie nahmen den Teilnehmern Blut ab und beobachteten, wer welche Symptome entwickelte. Tatsächlich gab es Unterschiede: Diejenigen, denen einen Tag später die Nase lief, unterschieden sich von der Gruppe, die sich zwar infiziert hatte, aber symptomfrei blieb, in einem biologischen Detail: Bei einem Teil ihrer weißen Blutkörperchen, der Körperpolizei, waren die Telomere verkürzt.
Diese fadenförmige Strukturen an den Chromosomen schrumpfen mit der Zeit und sind daher ein Anzeichen für Zellalterung. Zwar erklären die Forscher selbst, dass nicht notwendig ein Zusammenhang mit der Erkältung bestehen muss. Sollten aber tatsächlich weitere Studien den Verdacht erhärten, könnte irgendwann vielleicht ein einfacher Bluttest zeigen, wie hoch das persönliche Infektionsrisiko ist.
In einer früheren Studie, die heute als Meilenstein der Stressforschung gilt, hatte Cohen bereits einen anderen Risikofaktor für Erkältungsanfälligkeit enttarnt. Auch hier hatte er gesunden Probanden Schnupfenviren in die Nase sprühen lassen. Die Teilnehmer unterschieden sich diesmal in ihren Stresslevel. Das Ergebnis war eindeutig: Menschen, die sich überlastet fühlen und in deren Blut mehr Stresshormone zirkulieren, fangen sich schneller eine Erkältung.
Pausen statt Pillen
Für Professor Manfred Schedlowski, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen, ist der Zusammenhang zwischen Stress und Schnupfen heute gut belegt: „Wenn Menschen eine größere Belastung haben, sind sie anfälliger.“ Das habe vor allem mit der Feinsteuerung des Immunsystems zu tun. „Unser stresstreibendes Organ ist das Gehirn. Dort entstehen unsere Bewertungen und Gefühle“, erklärt Schedlowski. Gefühle von Überlastung etwa bewirken, dass über die Nervenbahnen und in den Nebennieren verstärkt Hormone wie Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol zirkulieren. „Diese beeinflussen dann die Rezeptoren der Immunzellen, die für unsere Abwehr wichtig sind.“
Die Psyche spielt offenbar eine wichtige Rolle bei der Abwehr. Schedlowski rät deshalb Menschen, die ihr Immunsystem stärken wollen, eher zu Ruhephasen im Alltag oder Sport als psychischem Ausgleich als zu Pillen und Nahrungsergänzungsmitteln. Allerdings macht das relativ neue Feld der Psychoimmunologie auch Hoffnung auf ein erstes, echtes Medikament gegen die Virenplage. „Wenn wir die genauen Mechanismen dieses komplizierten Kommunikationsnetzwerks zwischen Geist, Gehirn und Immunsystem besser kennen, wäre der nächste Schritt, das auch pharmakologisch zu nutzen“, sagt Schedlowski. In Israel und den USA sollen bereits die ersten vorklinischen Studien für solche Medikamente laufen.
Die Datenbank des Netzwerks für Respiratorische Viren der Universität Düsseldorf zeigt, welche Erkältungsviren derzeit kursieren. Sie ist abrufbar unter http://rvdev.medical-dpc.com