Als die spanischen Eroberer im 16. und 17. Jahrhundert große Teile Amerikas und der Philippinen in Besitz nahmen, trugen sie unsichtbare Waffen mit sich: die Erreger von Masern, Windpocken, Scharlach, Keuchhusten und grippalen Infekten, mit denen die Ureinwohner nie in Berührung gekommen waren. Unzählige Indianer erlagen den Krankheiten der Europäer. An diese Tragödie fühlt sich der britische Biologe Stuart E. Reynolds angesichts sogenannter invasiver Arten erinnert, die mit ähnlichen biologischen Waffen bestückt sind. Jüngstes Beispiel: Der Asiatische Marienkäfer, Harlekin genannt, hat sich in kürzester Zeit in ganz Europa ausgebreitet und heimische Marienkäfer-Arten verdrängt.
Harmonia axyridis stammt ursprünglich aus Japan und China. Weil er besonders viele Blattläuse verzehrt, wurde und wird er als lebendes Insektizid in Gewächshäusern verwendet. Seit 2001 in Belgien die ersten Exemplare in freier Wildbahn auftauchten, wurden sie in manchen Regionen schon zur regelrechten Plage. Doch was genau verleiht dem Harlekin eigentlich eine solche Durchschlagskraft? Diese Frage sind Forscher um Andreas Vilcinskas, Leiter des Instituts für Phytopathologie und Angewandte Zoologie der Universität Gießen, nachgegangen. Sie suchen im Rahmen des Schwerpunkts Insektenbiotechnologie, das vom Land Hessen mit 4,5 Millionen Euro gefördert wird, unter anderem nach Substanzen, die als Basis für neuartige Antibiotika dienen könnten. Im Blut von Harmonia axyridis fand Vilcinskas mit Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie zunächst hohe Konzentrationen eines Harmonin genannten Stoffs, der sich tatsächlich als potentes Antibiotikum erwies, im Reagenzglas besonders wirksam gegen Tuberkulose- und Malaria-Erreger.
Pilzartige Einzeller im Gepäck
Heiko Vogel vom Jenaer Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie konnte zudem mehr als 50 verschiedene, ebenfalls antimikrobiell wirksame Peptide identifizieren - "der absolute Rekord im Tierreich". Nun präsentieren die Wissenschaftler im US-Magazin "Science" das jüngste Ergebnis ihrer molekularbiologischen Detektivarbeit. In der Körperflüssigkeit des Asiatischen Marienkäfers entdeckten sie Massen von pilzartigen Einzellern, die mit einer Art namens Nosema thompsoni verwandt sind. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt Vilcinskas. Diese Mikrosporidien, die unter dem Mikroskop sichtbar waren, können dem Harlekin selber kaum etwas anhaben. Offenbar sei er imstande, sie mit seiner körpereigenen Abwehr in Schach zu halten - anders als hiesige Käfer, die ihnen hilflos ausgeliefert sind. Siebenpunkt-Marienkäfer, denen die Parasiten mit einer Mikronadel injiziert wurden, starben innerhalb von zwei Wochen.
Die Forscher nahmen inzwischen Harlekine aus der ganzen Welt unter die Lupe: "In jeder Population, jedem einzelnen Tier, selbst in den Eiern finden wir Mikrosporidien." Wie sich heimische Marienkäfer auf natürlichem Wege mit den pilzartigen Sporen infizieren könnten, ist noch unbestimmt. Sie könnten sie über verzehrte Harlekin-Eier und -Larven aufnehmen.
Die gute Nachricht: Nur eine Minderheit der invasiven Arten ist mit biologischen Waffen so martialisch bestückt wie der Harlekin. In den meisten Fällen behält die ortsansässige, an die jeweiligen Bedingungen schon seit langer Zeit angepasste Verwandtschaft die Oberhand.
