Wer Dr. Frank Eberhardt zum ersten Mal bei greller Neonbeleuchtung zu Gesicht bekommt, für den ist es meist schon zur spät - oder gerade noch rechtzeitig. "Ich sehe die meisten Patienten erst, wenn sie nach einem Herzinfarkt auf meinem OP-Tisch liegen", sagt der leitende kardiologische Oberarzt des Evangelischen Krankenhauses Köln-Kalk. Gerade noch rechtzeitig, weil die allermeisten Herzinfarkt-Patienten gerettet werden können - wenn sie denn früh genug den Notruf wählen und in die Klinik gebracht werden. Zu spät, weil die Koronare Herzkrankheit, die oft einem Infarkt vorausgeht, schon länger unbemerkt in der Brust der Patienten geschlummert hat.
Klassische Symptome
"Das Problem ist, dass nur 50 Prozent der Herzinfarkt-Patienten vorher klassische Symptome wie einen heftigen Druck auf der Brust spüren", sagt Eberhardt. Die sogenannte Angina Pectoris (lateinisch: Brustenge) - der Brustschmerz, der meist verschwindet, wenn die Belastung nachlässt -, ist eines der typischen Warnzeichen für einen drohenden Infarkt. Sie ist das auffälligste Zeichen einer Koronaren Herzkrankheit: Der Tatsache also, dass die Gefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen, gefährlich verengt sind. Vorausgegangen ist meist ein Prozess der umgangssprachlich Gefäßverkalkung genannt wird: Die sogenannte Arteriosklerose, bei der sich Blutfette oder auch Kalk an den Gefäßwänden ablagert.
Erst wenn das Gefäß nur noch zu 30 Prozent durchlässig ist, schlägt der Körper durch einen drückenden Schmerz Alarm. "Das fühlt sich dann an, als würde jemand auf der Brust sitzen oder einen Gürtel um den Brustkorb zuziehen", erklärt Professor Marc Horlitz, Chefarzt der Klinik für Kardiologie im Krankenhaus Porz. Drückt es bei Belastung also plötzlich heftig auf der Brust, strahlt der Schmerz in Rücken oder Arm aus und geht auch in Ruhe nicht weg, sollte man sofort über die 112 einen Notarzt rufen, rät Frank Eberhardt. "Auch wenn der Druck rasch nachlässt, muss man das als Warnzeichen ernst nehmen", sagt der Kardiologe. Über ein EKG und andere Untersuchungen könne der Hausarzt eine Koronare Herzkrankheit gut diagnostizieren und anschließend therapieren.
100 000 Menschen sterben jährlich am Herzinfarkt
Schwieriger ist die Selbstdiagnose für Patienten, bei denen die typischen Warnsignale fehlen. Denn nicht nur die Koronare Herzkrankheit, sogar ein Infarkt kann weitgehend ohne Schmerzen in der Brust verlaufen. Ein stummer Infarkt, der sich nur mit unklaren Beschwerden ankündigt, ist eine tückische Krankheit. "Zeit ist Herzmuskel", sagt Marc Horlitz. "Je früher man das verschlossene Herzkranzgefäß entdeckt, desto früher kann der lebensrettende Herzkatheter durchgeführt werden." Tatsächlich haben es von 100 000 Menschen, die in Deutschland pro Jahr an einem Herzinfarkt sterben, zwei Drittel nicht bis zum Arzt geschafft - weil sie die Symptome nicht ernst genommen haben.
Vor allem Frauen bemerken den Infarkt zu spät
Vor allem Frauen laufen Gefahr, einen Herzinfarkt zu spät zu bemerken. Während Männer dazu neigen, eindeutige Warnzeichen wie Brustschmerzen herunterzuspielen, können Frauen ihre Symptome oft gar nicht als Vorboten eines Herzinfarkts deuten. "Im akuten Fall haben sie etwa Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen, leichte Kurzatmigkeit und Müdigkeit - alles Symptome, die man nicht direkt mit einem Infarkt in Verbindung bringt", sagt Horlitz. Brustenge dagegen haben zwei Drittel der weiblichen Herzinfarkt-Patientinnen nicht. Unter Medizinern kursierte deshalb früher die Bezeichnung vom "lügenden Frauenherzen". "Dabei lügt das Frauenherz nicht - es zeigt die Krankheit nur anders an", sagt Horlitz. Nach dem Grund dafür, dass Frauenherzen anders ticken, werde momentan aber intensiv geforscht.
