Home GardeningIm Idyll der heimischen Fensterbank lauert die Industrie

Die Rebellion beginnt auf der Fensterbank. Die meisten Samen, die wir heute angeboten bekommen, sind Hybrid-Saatgut. Darauf sollten wir achten.
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- Home Gardening ist in aller Munde. Essbares zu züchten und zu ernten hat etwas Versöhnliches und Meditatives.
- Doch auch hier lauert die Industrie. Bei gekauften Samen muss man ganz genau hingucken.
- Auch in diesem Bereich ist es Zeit für eine Rebellion, findet unser Autor in seiner Kolumne „Köln kulinarisch” und gibt Tipps dazu.
Köln – Während der vergangenen Wochen erschien in den Timelines meiner sozialen Medien nichts so häufig wie selbst gebackenes Brot, Kimchi und Home Gardening. Der vermeintliche Trend zur Selbstversorgung erweckte den Anschein, dass während dieser Zeit der Blick aufs Wesentliche geschärft wurde und ausnahmsweise auch unsere Nahrungsmittel mit einbezog. Zurückgeworfen auf uns selbst, ganz ohne Restaurants, mussten wir uns wieder mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen.
Zugegeben, Homegardening hat damit nicht viel gemein, schließlich dauert es eine gewisse Zeit, bis man von der Fensterbank ernten kann. Dennoch scheint dies ein Trend, der deutlich zugenommen hat. Schaue ich in meinen Innenhof, ist jede Fensterbank belegt mit Blumenkästen, Töpfen und Tiegeln. Vom Basilikum bis zur Strauchtomate – jeder verfügbare freie Zentimeter wird genutzt, um etwas Essbares zu züchten. Sei es, dass die Pandemie den Wunsch nach Kontrolle in uns weckt oder wir uns rückbesinnen auf das Essenzielle: Unser Essen.
Die Rebellion beginnt ganz bieder hier auf der Fensterbank
Schließlich hat es etwas Versöhnliches und vor allem Meditatives, wenn wir den Pflanzen beim Wachsen zusehen dürfen – Bohnen, Erbsen oder Küchenkräuter. Es hat etwas zutiefst Befriedigendes, ein paar Kirschtomaten von der Fensterbank in der Pasta zu versenken.
Doch auch im friedvollen Idyll der heimischen Fensterbank lauert die Industrie: Die meisten Samen, die wir heute angeboten bekommen, sind Hybrid-Saatgut. Das bedeutet, dass die daraus erwachsenen Früchte kein reproduzierbares Saatgut liefern. Möchten wir jedoch reproduzierbare Pflanzen aus unmanipuliertem Saatgut, müssen wir auf alternative Samendatenbanken zurückgreifen. Und so beginnt die Rebellion hier ganz bieder auf der Fensterbank. Aber die lohnt sich.
Rebellion durch Kultivierung seltener Arten
Erst vor wenigen Jahren stellte man fest, dass eine bestimmte Sorte Bohnen ihr verbrieftes Aussterben seit den 60er Jahren in den Schrebergärten des Ahrtals überdauert hatte. Privatpersonen selektierten dort Jahr für Jahr die Kerne der angepflanzten Sorte – ohne Wissen über deren Einzigartigkeit und Seltenheit. Und so überdauerte das Ahrtaler Köksje seine rechtlich verbriefte Existenz und gelang durch Schrebergärten und die heimische Gastronomie zur neuen Blüte. Doch dies ist nur ein Einzelfall, denn in denvergangenen 40 Jahren haben wir bei den Nutzpflanzen 75 Prozent der Bio-Diversität eingebüßt. Doch dagegen revoltieren wir, indem wir seltene Arten auf der Fensterbank kultivieren.
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Ein Besuch auf dem Saatgutfestival, das einmal jährlich in Köln oder Düsseldorf (voraussichtlich wieder im Frühjahr 2021) statt findet, lohnt sich auf jeden Fall. Wer keine Zeit für diese Messe hat, kann online bei entsprechenden Anbietern bestellen und somit sicher gehen, dass er auch nächstes Jahr aus den Samen seiner Ernte das kleine Glück von der Fensterbank ernten kann.


