Es gibt viele Varianten des Schwindels, so viele, dass einem glatt schwindelig werden könnte: Schwankschwindel, Drehschwindel, Liftschwindel und und und. Eins haben sie alle gemeinsam: Sie machen dem Menschen zu schaffen. Und wenn der Mensch leidet, geht er zum Arzt und will, dass ihm geholfen wird. „Schwindel ist das Symptom für eine Krankheit.“ Das sagt Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der HNO-Uniklinik, denn Schwindelattacken bei Patienten gehören zum Praxis-Alltag. „Es gibt sehr viele Medikamente, die verschrieben werden. Nur einige wenige helfen gegen spezielle Formen des Schwindels.“ Der Arzneistoff Betahistin werde bei einigen Schwindelpatienten erfolgreich verordnet, so Hüttenbrink, „aber wir wissen nicht genau, was das Betahistin am Organ bewirkt“.
Die falschen Signale
Wer aber als einzige Maßnahme gegen Gleichgewichtsstörungen morgens den Mund öffnet, eine Pille einnimmt und das war’s, der darf sich nicht wundern, wenn Erfolge nicht sonderlich durchschlagend sind. Die beste Therapie gegen Schwindel ist tägliches Training, auch wenn diese Aussage bestimmt nicht jedem gefällt. Wenn der HNO-Experte Hüttenbrink erläutert, warum das so ist, leuchtet selbst Trainings-Gegnern diese rezept- und kostenfreie Behandlungsmethode ein.
Schwindel kann ausgelöst werden durch falsche Impulse, die von den Ohren, Augen, Füßen, ja selbst vom Gesäß abgegeben werden. Eine spürbare Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans verursachen an erster Stelle die Augen, dann die Ohren und an dritter Stelle die Drucksensoren an den Füßen. All diese Impulse, egal ob korrekt oder nicht, landen im Gehirn, wo sie verarbeitet werden und dem Menschen signalisieren, wo er sich befindet und wie der Körper ausgerichtet werden muss. Mit verfälschten Impulsen aber lässt sich logischerweise kein korrektes Ergebnis erzielen.
Falsche Signale können verursacht werden durch unterschiedliche Schwerhörigkeit auf beiden Ohren. Oder durch irritierende Impulse aufgrund einer Sehschwäche der Augen. Das hat jeder schon mal erfahren, der eine fremde Brille spaßeshalber aufgesetzt hat, obwohl die Dioptrien-Werte mit den eigenen nicht übereinstimmen. Der Effekt: Die Brille wird schnell wieder abgesetzt, weil uns schwindelig wird.
Die sensiblen Nerven an den Fußsohlen funken unkorrekt, wenn ein Diabetes oder eine andere Neuropathie – die Erkrankung des Nervensystems – sie bereits geschädigt hat und die Druckbelastung von der Fußsohle ans Hirn ungenau übermittelt wird. Wenn Nackenwirbel, Wirbelsäule, Hüft- und Kniegelenke geschädigt sind, kommen auch von ihnen und vom Gesäß die falschen Signale im Hirn an.
Rund 40 Prozent aller Bundesbürger leiden unabhängig vom Alter an Schwindel. Je älter die Menschen werden, desto höher steigt die Zahl. Karl-Bernd Hüttenbrink: „Bei den über 60-Jährigen sind es bereits weit mehr als 50 Prozent.“ Eher selten, so der Experte, sind direkte Schäden am Gleichgewichtsorgan, wovon jeder Mensch in jedem Ohr eins hat. „Es gibt keine Hinweise, dass sich das Gleichgewichtsorgan im Lauf des Lebens abbaut oder abnutzt. Meist funktioniert mit zunehmendem Alter die zentrale Verarbeitung der Impulse im Hirn nicht mehr so gut. Das Hirn tut sich ziemlich schwer mit dem nachlassenden Zusammenspiel der Sensoren im Körper.“ Diese Defizite lassen sich in der Regel nicht medikamentös kompensieren, sondern am besten mit Training.
Mobil bleiben schützt
Hüttenbrink: „Da wir Menschen nur auf zwei Beinen stehen und damit von Natur aus eine instabile Körperlage haben, muss unser Kopfcomputer, also unser Gehirn, immer wieder trainiert werden. Ein Tier mit seinen vier Beinen braucht das nicht. Da kann das Gehirn ruhig etwas dödelig sein.“ Für den Mediziner ist klar, „dass derjenige weniger Schwindel hat, der viel auf den Beinen ist“. Noch besser ist es, wenn man regelmäßig leichte Geh- und Stehübungen kombiniert. Das Paradebeispiel für Hüttenbrink ist auf einem Bein zu stehen – mit geöffneten und danach mit geschlossenen Augen. Wer sich dabei unsicher fühlt, muss sich festhalten. Die Kacheln auf dem Badezimmerboden sind ein guter Übungsplatz, um aufrecht und mit Blick nach vorn auf der schmalen Linie der Fugen zu gehen oder zu balancieren.
Empfehlenswert ebenfalls, sich abwechselnd auf einen harten Untergrund und eine weiche Decke zu stellen. Dadurch haben Sensoren und Gehirn eine gute Trainingseinheit, weil die Drucksensoren der Füße und die Impulse aus dem Gesäß aufgrund der weichen Unterlage irritierende Werte ans Hirn senden, während Augen und Ohr signalisieren: Es ist alles okay. Der HNO-Experte: „Unser Kopfcomputer schaltet bei solchen Angaben auf Höchsttouren. Das Hirn kocht und qualmt sprichwörtlich. Wenn es dem Gehirn zu bunt wird, geht der Befehl an seinen Menschen: Mir wird schwindelig und mir wird schlecht.“ Aber mit gezieltem Training lassen sich solche Herausforderungen gut meistern. Hüttenbrink: „Wer beispielsweise eine Pirouette dreht und danach nicht umfällt wie eine Latte, hat kein besseres Gleichgewichtsorgan, sondern ist besser trainiert. Die Lymphflüssigkeit im Innenohr dreht sich nämlich weiter, auch wenn der Mensch längst steht. Damit das Gleichgewichtsorgan mit der rotierenden Lymphe aber nicht ewig dazwischenfunkt, schaltet sich das Hirn ein und das Gleichgewichtsorgan aus.“
Wer an Herzrhythmusstörungen leidet, sollte auf Schwindeltraining verzichten. Zudem können Medikamente gegen Herzschwäche und zu hohen Blutdruck das Gleichgewichtsorgan negativ beeinflussen. Gefährlich wird es für das Gleichgewichtsorgan, wenn am Innenohr operiert werden muss. Hüttenbrink: „Sobald man das Innenohr aufmacht, läuft man Gefahr, dass das Gleichgewichtsorgan geschädigt wird.“