InterviewDas Risiko ist doppelt so hoch
Herr Dr. Mallmann, was würden Sie einer Frau sagen, die ihr Kind zu Hause oder im Geburtshaus zur Welt zu bringen möchte?
Eine Frau muss darüber aufgeklärt werden, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Geburten einen nicht vorhergesehenen Verlauf nehmen, der auch zu einer Behinderung des Kindes führen kann. Eine große englische Studie hat ergeben, dass bei 45 Prozent der Erstgebärenden und zwölf Prozent der Mehrgebärenden während einer geplanten Hausgeburt Probleme auftraten, die durch Hebammen nicht mehr beherrscht werden konnten. Schwere Komplikationen wie Hirnschäden, Armlähmungen und Lungenprobleme traten bei Hausgeburten in 9,3 von 1000 Fällen auf - in der Klinik nur bei 5,3.
Eine Hausgeburt ist also riskanter?
Wenn man bedenkt, dass ausschließlich gesunde Frauen ohne Risiken normalerweise eine Hausgeburt planen, somit eine positive Selektion stattfindet, ist die Hausgeburtshilfe mit einem ungefähr doppelt so hohen Risiko verbunden. In den Niederlanden entbinden etwa 20 Prozent aller Frauen zu Hause. Hier lag die Säuglingssterblichkeit bei Hausgeburten um den Faktor 2,3 höher als bei Klinikgeburten. Die Säuglingssterblichkeit in den Niederlanden gehört damit europaweit zu den höchsten. Das erhöhte Risiko bei Hausgeburten hat auch zu dem Anstieg der Haftpflichtprämien von Hebammen geführt.
Raten Sie per se von Geburten zu Hause oder im Geburtshaus ab?
Nein. Das Ganze steht und fällt mit der Gewissenhaftigkeit der Hebamme. Wenn sie mit hoher Selbstkritik darangeht, ist eine Hausgeburt auch zu verantworten. In jedem Fall aber sollte der Gynäkologe in die Entscheidung einbezogen werden.
Wann würden Sie einer Hausgeburt zustimmen?
Wenn alle Risiken ausgeschlossen werden können. Außerdem muss die Hebamme bereit sein, rechtzeitig abzubrechen, wenn ein Problem auftritt. Das machen auch die allermeisten Haushebammen. Das größte Problem ist wohl, dass sich Frauen schon sehr früh um eine Hebamme bemühen müssen. Die Nachfrage ist sehr groß. Dabei ist das Vertrauensverhältnis zwischen der Schwangeren und der Hebamme gerade für eine Geburt zu Hause oder im Geburtshaus sehr wichtig.
Viele Frauen wünschen sich eine natürliche Geburt. Angesichts der hohen Kaiserschnittrate fürchten viele, dass in der Klinik vorschnell eingegriffen werden könnte.
Die Kaiserschnittrate von 30 Prozent ist sicher zu hoch. Der medizinisch notwendige Bedarf liegt bei 15 bis 20 Prozent maximal. Wir glauben auch, dass die natürliche Geburt die Kinder am besten auf das Leben vorbereitet.
Woran liegt es denn, dass so viele Kaiserschnitte gemacht werden?
Zum einen gibt es auf beiden Seiten die Angst vor geburtshelferischen Schäden. Eltern sind im Regelfall immer an der maximalen Sicherheit für ihr Kind interessiert. Dann gibt es noch den gewünschten, medizinisch nicht begründeten Kaiserschnitt.
Früher war es normal, dass eine Frau ihr Kind zu Hause bekam. Warum ist das heute anders?
Einmal übernehmen heute die Krankenkassen die Klinikkosten bei einer Geburt. Aber auch die Toleranz gegenüber Problemen war früher eine andere. Als die Frauen noch fünf oder mehr Kinder bekamen, hat man eher toleriert, dass mal was schiefläuft. Wer heute maximale Sicherheit will, geht ins Krankenhaus. Wer Wert auf Atmosphäre legt, geht eher ins Geburtshaus oder bringt sein Kind zu Hause zur Welt. Seitdem die Kinder vor allem im Krankenhaus zur Welt kommen, gibt es einen drastischen Rückgang an durch Geburtsproblemen verursachten Behinderungen bei Kindern. Starben 1955 noch 43 von 1000 Kindern bei oder kurz nach der Geburt, sind es heute fünf. Und 1950 starben 230 von 100 000 Frauen bei der Geburt, heute ist es eine. Das liegt auch daran, dass im Krankenhaus Probleme frühzeitig erkannt werden und viel schneller unmittelbar reagiert werden und die Frau in den allermeisten Fällen gerettet werden kann.
