Herr Westrich, mehr als die Hälfte aller Bienenarten steht auf der Roten Liste - die Honigbiene aber nicht. Müssen wir uns also keine Sorgen machen um die Lebensmittelproduktion?
Bienen sind die wichtigste Bestäubergruppe überhaupt. Aber die Honigbiene wird überschätzt in ihrer Bestäuberleistung. Verschiedene Nutzpflanzen werden von Honigbienen nicht oder nur ungenügend bestäubt, weil ihr Körperbau dies nicht ermöglicht oder die Pflanzen für sie nicht attraktiv sind. Honigbienen sind außerdem sehr lernfähig und nutzen Blüten oft auf eine Weise, die nicht zur Bestäubung führt.
Aber bestäubt nicht die Honigbiene am meisten Blumen?
Es gibt eine alte Behauptung, die seit Jahren durch die Landschaft geistert. Derzufolge ist die Honigbiene für die Bestäubung von 80 Prozent der insektenblütigen Pflanzen verantwortlich - das ist etwa so seriös, als wenn ich behaupte, dass sich die Sonne um die Erde dreht.
Die Wildbienen sind also fleißiger?
Es kommt auf das Verhalten beim Blütenbesuch an. Nehmen Sie die Tomatenblüte: Die kann die Honigbiene nicht bestäuben, die Erdhummel aber ist sehr effizient. Es ist auch günstiger, eine wildlebende Bienenart wie die Erdhummel dafür zu nutzen: Ein Honigbienenvolk muss man das ganze Jahr über betreuen, das Hummelvolk nur für die Zeit, in der es für die Bestäubung eingesetzt wird.
Warum sterben die Bienen?
In Mitteleuropa gibt es meiner Meinung nach drei Ursachen. Die Hauptursache ist die moderne, immer intensivere Landwirtschaft.
Rein grüne Wiesen haben zunehmend die frühere bunte Pflanzenvielfalt ersetzt.
Wenn man fünfmal im Jahr eine Wiese mäht, halten das auf Dauer nur die wenigsten Pflanzen aus. Von der Vielfalt des Blütenangebots hängt aber die Zahl der Blütenbesucher ab.
In einer von Mais dominierten Landschaft können die meisten Bienenarten nicht mehr existieren.
Zweiter Grund?
Die Ausweitung der Siedlungen, Gewerbegebiete, der Straßenbau, die Flurbereinigung - alle Eingriffe des Menschen in die Natur gefährden die Vielfalt .
Drittens?
Eine fragwürdige Ordnungsliebe vieler Menschen führt zu eintönigen Gärten - obwohl der Garten ein vielfältiger Lebens- und Nahrungsraum für Wildbienen sein kann.
Aber viele haben offensichtlich das Bedürfnis, ein von der Industrie erzeugtes Schönheitsideal im eigenen Garten zu erreichen: kurz geschnittener Rasen, Schotter und vielleicht noch eine Ziertanne.
Also ist der Mensch schuld?
Die Leute fahren in den Urlaub, um Wildnis zu erleben. Wenn sie dann wieder nach Hause kommen ist das erste, was sie in die Hand nehmen, ihr Rasenmäher, weil das Gras zwei Wochen gewachsen ist.
Es gehört zu meiner gesellschaftlichen Verantwortung als Naturwissenschaftler, auf die natürlichen Konsequenz des Artenrückgangs aufmerksam zu machen.
Gleichzeitig will ich andere Menschen für Vielfalt und Lebensweisen der Bienen begeistern - und sei es nur auf dem eigenen Balkon.