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Interview zum Schulstart„Benimmregeln erleichtern den Start in der Schule“

8 min

Damit nicht nur der erste Schultag, sondern auch der Schulalltag zu einem Erfolgserlebnis wird, sollten Eltern ihre Kinder beim Lernen behutsam begleiten.

Frau Saval, welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Schultag?

Ich erinnere mich, dass ich mich sehr auf die Schule gefreut habe. Ich wollte unbedingt Bücher lesen und schreiben lernen. Schon vor der Einschulung habe ich oft Schule gespielt. Allerdings ist meine Begeisterung von Jahr zu Jahr gesunken.

Warum denn das?

Es wurde mehr und mehr das Augenmerk auf meine Schwächen gelegt. Sicher, in Mathematik war ich wirklich nicht so gut. Deshalb hieß es immer: Schreiben kannst du eh schon gut, aber in Mathe da musst du jetzt üben, üben, üben. Ich musste mich also vor allem mit Dingen beschäftigen, die ich eigentlich nicht mochte, für meine Interessen blieb kaum mehr Zeit. Und wenn bei Kindern vor allem die Schwächen beachtet werden, geht die Freude am Lernen leicht verloren.

Aber Schule ist ja auch gar kein Spaß. Zumindest heißt es doch immer, dass mit dem ersten Schultag der "Ernst des Lebens" beginnt...

Niemand sollte Kindern gegenüber mit der Schule drohen. Denn Schule ist weder Tragödie noch Komödie, sondern ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden. Wie Kinder der Schule begegnen, hängt auch von der Haltung der Eltern ab. Haben Vater oder Mutter selber mit Angst und Unbehagen behaftete Erinnerungen an die Schule, dann übertragen sie diese Gefühle leicht auf ihre Kinder. Sonst geben wir ihnen eine negative Grundeinstellung mit auf den Weg.

Wie sollten Eltern denn ihr Kind auf die Schule vorbereiten?

Kinder wissen, dass Schule etwas ganz Selbstverständliches ist. Es ist schön für ein Kind, wenn seine Eltern ihm zeigen, dass sie stolz sind, so ein großes Schulkind zu haben! Wenn es möglich ist, sollte das Kind vor dem ersten Schultag sowohl die Schule schon einmal gesehen und auch die Lehrerin oder den Lehrer kennengelernt haben. Vorsicht aber vor unrealistischen Erwartungen und Versprechungen wie "Mit der Lehrerin wird es bestimmt immer toll" oder "Du wirst sofort viele Freunde haben!" Das weiß man als Eltern doch nicht wirklich. Dass Kinder vor dem ersten Schultag aufgeregt sind, ist völlig normal. Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule. Der erste Enthusiasmus verflacht dann häufig im Laufe der nächsten Monate. Aber das ist auch normal - solange er nicht ganz abhanden kommt und das Kind prinzipiell gerne zur Schule geht.

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Was sollten Kinder schon können, wenn Sie in die Schule kommen?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass jedes Kind, das gut in der Kita zurechtgekommen ist, auch in der Schule klarkommt. Es gibt natürlich ein paar Basics, die ein Schulkind können sollte. Ganz normale Dinge wie den Stift richtig halten, mit der Schere umgehen, sich klar und deutlich ausdrücken können. Darüber hinaus sollte es auch mit kleinen Enttäuschungen und Wartezeiten umgehen können, in der Schule können ja nicht alle gleichzeitig drankommen. Es soll zuhören und andere ausreden lassen. Fünf bis zehn Minuten sollte es sich konzentrieren können, auch auf Dinge, an denen es gerade nicht drängend interessiert ist. Einfache Benimmregeln wie grüßen oder Danke sagen erleichtern den Anfang in der neuen Gemeinschaft. Auch ein gewisses Maß an Selbstständigkeit ist wichtig, sich selber zügig aus- und anziehen, im kleinen Rahmen Ordnung halten. Ein Gefühl für Zeit erleichtert die Selbstorganisation. Das lernen sie ganz spielerisch, indem man den Kindern etwa nicht nur sagt, dass man in einer halben Stunde losfahren will, sondern ihnen an Zeigern der Uhr zeigt, wie lange das noch dauert.

Und Lesen und Schreiben können müssen sie auch nicht.....

Nein, allerdings wenn ein Kind bereits vorher von selber immer danach fragt, dann würde ich die Fragen beantworten und dem Kind das zeigen, was es lernen möchte.

Wie sollte der Alltag mit einem Schulkind aussehen?

Gerade am Anfang sind klare Strukturen und neue Routinen wichtig. Zum Beispiel feste Aufsteh- oder Zubettgeh-Rituale oder auch fixe Abläufe für die Hausaufgaben. Wenn ich etwa merke, dass mein Kind nach der Schule erst einmal eine längere Pause braucht, dann gebe ich ihm die Pause und lege die Hausaufgabenzeit eben etwas später fest. Zumindest in den ersten Wochen ist es auch wichtig, jeden Abend gemeinsam mit dem Kind die Schulsachen für den nächsten Tag zu kontrollieren. Feste Routinen geben Halt und verhindern unnötige Diskussionen, die auch den Kindern viel Kraft rauben. Es ist entlastend, die Nachmittage nicht mit Terminen vollzustopfen. Ein Kind braucht neben den Pflichten auch genug Zeiten zum Spielen und Entspannen.

Hausaufgaben sind in vielen Familien ein Reizthema. Wie sehr sollten Eltern ihre Kinder kontrollieren? Oder sollten sie sich gerade in Zeiten von Ganztagsschulen ganz heraushalten?

Kinder wollen Eltern, die sie bei den ersten Schritten im Schulalltag interessiert begleiten und unterstützen - falls es nötig ist. Jedes Kind ist einzigartig, das eine Kind schafft vielleicht früher als das andere, die Hausaufgaben komplett alleine zu machen. Wenn Eltern gerade am Anfang aber zu viel Selbstständigkeit erwarten, kann das manche Schulneulinge überfordern. Deshalb empfehle ich zu Beginn zu kontrollieren, wie ein Kind die Hausaufgaben erledigt. Wenn bestimmte Abläufe mehr und mehr alleine klappen, soll das Kind sie auch Stück für Stück alleine machen. An Ganztagsschulen werden die Hausaufgaben generell in der Schule gemacht. Ich halte es für wichtig, mit den Lehrern zusammen zu arbeiten und zu fragen, wie man unterstützen kann, ob sie z.B. wünschen, dass man abends noch kurze Zeit zum Lesen üben einschiebt. Eltern tun das meist gerne und sind auch neugierig, was ihr Kind in der Schule alles macht. Dann ist es vielleicht eine Idee, das Kind zu bitten, freitags seine Schulsachen mit nach Hause zu bringen. Übers Wochenende kann es dann zeigen, was es schon alles kann und gelernt hat.

Warum tun sich manche Kinder mit dem Wechsel auf die Schule so schwer? Manche ziehen sich erst einmal zurück, andere sind aggressiv. Haben Sie als Psychotherapeutin eine Erklärung dafür?

Manchen Kindern fällt die Umstellung schwer, weil sich Schule als anstrengender herausstellt als sie es erwartet haben. Erstmals sind sie wirklich damit konfrontiert, dass es fast immer jemanden gibt, der sich leichter tut oder schneller ist. Manchmal sind auch die schulischen Regeln und Routinen völlig anders als die im Elternhaus. Das kann Kinder überfordern und sogar wütend oder aggressiv machen. Dahinter steckt jedoch immer Unsicherheit, Angst, Enttäuschung oder Traurigkeit. Nur Kinder, die Probleme haben, machen Probleme! Vielleicht hatte das Kind im Kindergarten eine bessere Position in der Gruppe? Da gehörte es schließlich zu den Großen, in der Schule ist es erst einmal wieder bei den Kleinen. In den ersten Wochen und Monaten formt sich die Klassengemeinschaft, auch Rivalitäten oder heftige Positionskämpfe sind möglich.

Können Eltern ihr Kind unterstützen, neue Freunde zu finden?

Da in dem Alter die Verabredungen meistens noch über die Eltern getroffen werden, können Erwachsene sehr wohl auch mithelfen. Man kann zum Beispiel immer wieder nachfragen, mit wem das Kind denn in der Pause gespielt hat und ob es sich mit dem Kind gerne verabreden möchte. Allerdings: Man sollte bei den Freunden dem Kind seine eigene Wahl lassen und nicht in Freundschaften hereinreden. Das schafft nur Unwillen. Genauso wenig will ein Kind gedrängt werden, wenn es sich partout zunächst noch nicht mit anderen verabreden möchte. Manche sind zurückhaltender und brauchen einfach etwas länger, um Kontakte zu knüpfen. Aber auch diese Kinder haben irgendwann einen Freund oder eine Freundin.

Wie kann man eigentlich bei einem Kind die Freude am Lernen wecken?

Die ist generell schon da. Ich sehe die Aufgabe von Eltern eher darin, die natürliche Freude und Motivation am Lernen nicht zu zerstören.

Und wie macht man das?

Zeigen Sie Interesse an dem, was das Kind lernt, aber machen Sie die schulischen Belange nicht zum Mittelpunkt im Familienleben. Wichtig sind auch die Stärken und Interessen des Kindes. Dort lernen Kinder am liebsten, dort liegt ihr Erfolg. Motivation kommt vor allem aus der Beschäftigung mit Dingen, die mir Freude machen. Das in der Schule Gelernte im Alltag umzusetzen macht Kindern Spaß. Wenn es etwa um das Lernen von Maßeinheiten geht, kann man zum Beispiel beim nächsten gemeinsamen Kuchenbacken das Kind selber die Zutaten auswiegen lassen. Oder wenn die ersten Buchstaben erlernt sind, kann man bei Fahrten mit der Straßenbahn das Kind an den Haltestellen-Namen fragen wo z.B. das nächste U ist.

Was hemmt die Motivation?

Vor allem übertriebener Ehrgeiz der Eltern und Druck aus der Umwelt. Mit bestem Willen wird manchmal die Grenze zwischen fördern und überfordern überschritten. Auch ständige Vergleiche mit anderen Kindern - egal ob mit Mitschülern oder Geschwistern, bremsen die Motivation. Wenn überhaupt sollte man nur mit einer vorher erbrachten Leistung des Kindes selbst vergleichen: Hast du weniger Fehler beim Diktat als beim Letzen? Prima!

Und wie sollte man mit schlechten Noten umgehen?

Ein Kind braucht die Sicherheit, dass es von seinen Eltern geliebt und geschätzt wird - unabhängig von Noten und Leistung. Und das Kind sollte wissen, dass Schwächen und kleine Misserfolge kein Drama sind. Ein Kind muss auch nicht in allen Fächern toll sein. Ich sage immer, dass man sich mit Schwächen so viel wie nötig befassen muss, um ohne Probleme weiter zu kommen. Und bevor die Beschäftigung mit einem ungeliebten Fach die Familienatmosphäre vergiftet, empfehle ich das Üben zumindest zeitweise nach außen zu verlagern und von einer neutralen Person, z.B. einem Nachhilfelehrer übernehmen zu lassen.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Ihre eigene Schulzeit?

Der erste Schultag war wunderschön. Ich hatte eine schöne Schultüte und fühlte mich groß. Heute sind die prägendsten Erinnerungen an Schule vor allem meine Freunde und das Erleben von Gemeinschaft. Meine erste Schulfreundin habe ich immer noch.

Ingeborg Saval ist Pädagogin, Psychotherapeutin und Buchautorin. Sie arbeitet als Supervisorin in Schulen. Mit ihr sprach Angela Horstmann über das, was Eltern und Kinder für einen gelungenen Einstand im Klassenzimmer tun können.