In Spanien kennt sie jeder. Wenn Irene Villa über die Straße geht, wird sie regelmäßig von Passanten angesprochen. "Hallo Irene, wir wünschen dir viel Kraft", sagen ihr die Leute. Oder: "Wir haben dich aufwachsen sehen und denken oft an dich." Irene Villa ist in Spanien prominent, sie wurde vor 20 Jahren mit einem Schlag landesweit bekannt.
Es war der 17. Oktober 1991, als auf ihrem Schulweg eine Bombe unter dem Auto ihrer Mutter explodierte. Drei Tage lang lag sie im Koma, bevor sie in ihrem neuen Leben erwachte: Der Anschlag der baskischen Terrororganisation ETA hatte Irene beide Beine - eines bis übers Knie - und drei Finger einer Hand gekostet. "Es war natürlich ein Schock, als ich im Krankenhaus davon erfuhr", erzählt sie heute, mit 33 Jahren, in einem Café im Zentrum von Madrid.
Ganz Spanien erschütterte das Schicksal des jungen Mädchens; die Fassungslosigkeit über die sinnlose Gewalt im baskischen Kampf für Unabhängigkeit bekam mit Irene ein junges, unschuldiges Gesicht. "Ich habe aus ganz Spanien unglaublich viel Unterstützung erhalten. Ich habe viele Briefe bekommen, sogar die Infantin Elena, die älteste Tochter des Königs, hat mich im Krankenhaus besucht." Auf ihrem Weg zurück ins Leben half auch ihre Mutter, die mit ihr im Auto saß, als die Bombe explodierte. "Sie hat es schlimmer erwischt als mich, sie hat bei dem Attentat ein Bein und einen Arm verloren", erzählt Irene.
Irene Villa verlor bei dem ETA-Anschlag am 17. Oktober 1991 in Madrid im Alter von zwölf Jahren beide Beine und drei Finger einer Hand. Das erste Jahr nach dem Attentat lebte sie im Rollstuhl, bis sie mit ihren Beinprothesen wieder laufen lernte. Nach dem Schulabschluss studierte sie Journalismus, Psychologie und Geisteswissenschaften. Sie arbeitet als Journalistin und Motivationstrainerin, ist in mehreren Wohltätigkeitsorganisationen tätig. Außerdem fechtet sie und ist im paralympischen Skiteam Spaniens. Sie lebt mit ihrem Ehemann Juan Pablo in der Nähe von Madrid. Im Sommer soll ihr erster Sohn zur Welt kommen.
Die baskische Terrororganisation ETA kämpft seit 1959 für die Unabhängigkeit des Baskenlands in Nordspanien, das sich historisch betrachtet bis auf den Süden Frankreichs erstreckt. Die baskische Sprache ist über Jahrtausende in der Pyrenäenregion erhalten geblieben und mit keiner anderen Sprache Europas verwandt.
In den Gründungsjahren der ETA waren unter Spaniens Diktator Francisco Franco die baskische Kultur komplett verboten. Wer auf der Straße Baskisch sprach, wurde von Polizisten verprügelt oder festgenommen. 1968 begann die ETA, mit Terroranschlägen für ihre Ziele zu kämpfen, besonders aufsehenerregend war 1973 die Ermordung des damaligen spanischen Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco. Aber auch nach Francos Tod 1975 und der Wiedereinführung der Demokratie, in der die regionale Kultur und Sprache gefördert werden, ließ die Untergrundorganisation, deren Abkürzung für Euskadi Ta Askatasuna, auf Deutsch "Baskenland und Freiheit", steht, von der Gewalt nicht ab.
Bei etwa 4000 Terroranschlägen wurden insgesamt mehr als 820 Männer, Frauen und Kinder getötet, 2300 Menschen wurden verletzt. Nach mehreren vorübergehenden Waffenruhen hat die ETA im Oktober 2011 das definitive Ende der Gewalt verkündet. Sich auflösen und die Waffen abgeben möchte die Terrorgruppe aber nicht.
Ihre Mutter gab ihr Lebensmut
Vor allem ihre Mutter habe es geschafft, ihr das Lebensglück zurückzubringen. "Als wir uns das erste Mal nach dem Anschlag wiedersahen, hat meine Mutter zu mir gesagt: »Irene, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wir leben verbittert vor uns hin, oder wir tun einfach so, als wären wir so geboren worden«." Wer Irene heute trifft, merkt schnell, für welche der beiden Optionen sie sich damals entschied. Die 33 Jahre alte Madrilenin ist selbstbewusst und mit sich im Reinen. Der 20. Jahrestag des Anschlags war nicht nur emotional ein wichtiger Tag für sie. Denn auch wenn die ETA sich zu dem Anschlag bekannte, so wurden die Attentäter nie gefasst. Heute ist klar, dass die Täter für ihr Handeln nie mehr belangt werden können, denn nach 20 Jahren ist die Tat nach spanischem Gesetz verjährt. Für Irene ist das kein Problem mehr. "Viele Leute verstehen das nicht, aber ich habe den Tätern vergeben", erzählt sie, "denn nur so kann ich ein glückliches Leben führen; voller Wut und Hass würde das nicht funktionieren."
Auch wenn sie heute ruhig und abgeklärt ihre Geschichte erzählen kann, die Jahre nach dem Attentat waren nicht leicht für die jugendliche Irene. "Ich bin immer wieder verzweifelt und musste mich wieder und wieder motivieren, weiterzukämpfen. Heute weiß ich: Der Anschlag hat mein Leben verändert, mich nicht." Der Besuch im Krankenhaus der Infantin Elena nach dem Attentat gab ihr Kraft, es sollte erst der Beginn einer ungewöhnlichen Jugend sein. Im Laufe der Jahre traf sie viele Prominente, lernte weitere Mitglieder des spanischen Königshauses kennen und erhielt von Lady Di die Auszeichnung "Kind Europas".
Sie kehrte im Rollstuhl an die Schule zurück, nach einem Jahr konnte sie mit Hilfe ihrer Prothesen wieder laufen, machte ihren Schulabschluss und studierte Journalismus, Psychologie und Geisteswissenschaften. Sie schreibt heute eine wöchentliche Kolumne in der überregionalen Tageszeitung "La Razón", ist Radiojournalistin, hat ein Buch veröffentlicht, arbeitet als Motivationstrainerin und hilft anderen Menschen, die wie sie Gliedmaßen verloren haben, nicht aufzugeben. Zuletzt besuchte sie einen Jungen im Krankenhaus, dem nach einer schweren Krankheit beide Arme und beide Beine amputiert werden mussten. Für ihr Durchhaltevermögen erntet sie viel Lob und Anerkennung.
Am Internationalen Frauentag Anfang März wurde sie von der Autonomen Region Madrid für "ihre Kraft und ihren Mut" ausgezeichnet, einen Tag später sprach sie auf Einladung des Europäischen Parlamentes in Brüssel mit Terroropfern aus anderen europäischen Ländern. Nachdem sie jahrelang ohne Hilfsmittel auf ihren Prothesen unterwegs war, braucht Irene derzeit wieder einen Gehstock, bald sogar wieder einen Rollstuhl. Der Grund dafür ist jedoch erfreulich: Mit ihrem argentinischen Ehemann Juan Pablo erwartet sie im Sommer die Geburt ihres ersten Sohnes. Carlos soll er heißen. "Durch die Vorfreude auf mein Kind hat sich mein Optimismus vervielfacht", erzählt sie und zeigt stolz die neuesten Ultraschallaufnahmen ihres ungeborenen Sohnes. Das einzige Problem, das ihre Schwangerschaft für sie mit sich bringt, betrifft ihre Karriere als Sportlerin: Sie ist Mitglied im paralympischen Ski-Nationalkader und wollte eigentlich 2014 bei den Winterspielen in Sotchi antreten. "Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob ich das nach der Geburt von Carlos überhaupt noch machen kann."
Nach insgesamt 15 verschiedenen Prothesenpaaren in den vergangenen 20 Jahren freut sich Irene in diesen Tagen auf ihre neuen Beine, die sie schon probetragen konnte; momentan befinden sie sich für letzte Anpassungen in England. "Jetzt bekomme ich endlich die Beine, die ich mir immer gewünscht habe: lebensechte aus Silikon mit Fußnägeln aus Porzellan. Endlich werde ich Röcke tragen können", erzählt sie. Bislang trug sie mit Hartplastik verschalte Prothesen. An die Beine, die sie bis zu kurz vor ihrem 13. Geburtstag durchs Leben trugen, kann sich Irene Villa heute nicht mehr erinnern. "Ich weiß nur noch, dass ich mit zwölf Jahren schon Schuhgröße 41 hatte, meine neuen Füße aus Silikon haben 38." Und wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn der Anschlag an jenem 17. Oktober 1991 niemals stattgefunden hätte? "Ich wäre nicht mehr und nicht weniger glücklich als so, wäre aber natürlich nicht so viel rumgereist und hätte auch nicht so viel studiert oder so viele Berühmtheiten kennengelernt. Mein Leben wäre nicht so tiefgründig verlaufen", resümiert sie. "Mein Vater behauptet immer, ich wäre eine ganz normale Friseurin bei uns im Viertel geworden."
