Frau Rossellini, in "Late Bloomers" wird Bette Davis mit dem Satz "Älter werden ist nichts für Feiglinge" zitiert. Sie selbst wurden gerade 60 - wie sehen Sie das?
Ach, bislang finde ich die Sache mit dem Älterwerden noch ziemlich leicht. Abgesehen von Interviews, wo ich immer wieder danach gefragt werde, spielt das Thema in meinem Leben eigentlich keine allzu große Rolle. Die Medien tun so, als wäre das eine Aufgabe, der man sich stellen müsse. Aber in Wirklichkeit ist das Alter einfach irgendwann da, und man kann nicht viel dagegen tun. Wobei ich natürlich gut reden habe, denn ich rauche nicht, trinke nicht und bin auch sonst zum Glück sehr gesund.
Mary, Ihre Figur im Film, sieht die Sache nicht so locker . . .
Isabella Rossellini wurde am 18. Juni 1952 in Rom geboren. Sie ist die Tochter von Schauspielerin Ingrid Bergman und Regisseur Robert Rossellini. Mit 19 Jahren ging sie nach New York, wo sie zunächst als Journalistin und später als Model arbeitete. Rossellini war zweimal verheiratet, zunächst mit dem Regisseur Martin Scorsese, dann mit dem Model Jon Wiedemann. Auch mit David Lynch war sie mehrere Jahre liiert. Sie hat zwei Kinder.
Viel Aufsehen erregte sie 2008 mit ihren "Green Pornos", originellen Kurzfilmen, die das Sexualleben von Insekten erklärten. Der Film "Late Bloomers" mit Rossellini und William Hurt startet am 6. September in den Kinos.
Nein, sie ist ganz schön neurotisch. Allerdings hat sie diese Schwierigkeiten weniger mit dem Altern als mit der Sterblichkeit, die sie sich immer mehr vor Augen führt. Plötzlich wird ihr bewusst, dass die Zeit womöglich knapp wird, weil sie und ihr Mann dem Tode stetig näher kommen.
Sie leidet aber auch darunter, dass sie von Ihrer Umwelt plötzlich mit anderen Augen gesehen wird.
Das stimmt. Und tatsächlich ist auch mir das nicht fremd, dass Menschen einen irgendwann anders behandeln. Mit einem Mal sehen sie dich als respektableren, aber eben auch älteren Menschen, den man mit Samthandschuhen anfassen muss. Oft braucht es dazu nicht einmal viele Worte, man sieht ihnen diese Haltung einfach an. Was vor allem deswegen seltsam ist, weil man selbst sich eben kaum anders fühlt als zehn oder 20 Jahre früher. Zumindest habe ich bei mir selbst den Eindruck, das sich zwar mein Körper verändert, aber nicht meine Persönlichkeit.
Ist es mit steigendem Alter auch schwieriger, neue Leute kennenzulernen, sich zu verlieben?
Oh nein, kein bisschen. In meiner Sportgruppe ist eine Frau, die sicherlich schon 75 ist und mir trotzdem kürzlich erst vorschwärmte, dass sie sich diesen Sommer frisch verliebt habe. Sie fühlt sich wieder wie ein Teenager! Für Romantik und Liebe ist man also nie zu alt, selbst wenn vielleicht manche Bedürfnisse weniger werden und man sich natürlich nicht ständig in jemand anderen verguckt, so wie das bei Teenagern der Fall ist.
Sie selbst waren ja nie ein Fan des Datings.
Das mochte ich tatsächlich nie und heute noch viel weniger. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich war immer sehr gerne verliebt und in einer Beziehung oder sogar in einer Ehe. Aber diese ständigen Verabredungen, dieses unbedingte Suchen nach männlicher Begleitung - das fand ich immer schon sehr nervig und mühsam.
Ab einem gewissen Alter haben Frauen es in Ihren Berufen als Schauspielerin und Model normalerweise schwerer. Warum gilt das scheinbar nicht für Sie?
Ich bin selbst unglaublich irritiert davon, dass ich in diesem Jahr auf dem Cover der italienischen Vogue zu sehen war und noch mal einen Vertrag mit der Firma Bulgari bekommen habe. Zumal ich ja bekanntlich in den Neunzigern von Lancôme gefeuert wurde, weil ich denen mit 42 Jahren schon zu alt war. Aber natürlich weiß ich, dass diese Jobs die ganz große Ausnahme sind. Denn eigentlich hat man als Model ab Mitte 30 keine Chance mehr, wenn man nicht gerade ein Superstar ist. Deswegen bin ich einfach dankbar und freue mich.
Herrscht im Filmgeschäft eine ähnliche Altersdiskriminierung?
Das ist schon vergleichbar. "Late Bloomers" ist nicht umsonst meine erste Hauptrolle seit sehr langer Zeit. Sonst bekomme ich eigentlich nur Nebenrollen, egal, ob beim Film oder im Fernsehen. Die spiele ich sehr gerne, und es waren einige sehr tolle darunter. Aber man verkörpert eben doch meistens nur die Mütter oder Großmütter, denn es werden kaum Filme gedreht, in denen die Protagonistin mein Alter hat.
Trotzdem hat man das Gefühl, dass sich etwas ändert. Einige Firmen haben zuletzt ganz bewusst grauhaarige Models für ihre Kampagnen gebucht. Und im Kino feiern Filme wie "Best Exotic Marigold Hotel" mit Judi Dench und Maggie Smith große Erfolge.
Es wäre ja schön, wenn Sie recht behielten. Zumal mir dieser Jugendwahn immer ein wenig rätselhaft war. Als Lancôme damals meinen Vertrag nicht verlängerte, gab es Studien, die zeigten, dass die Konsumenten mich gerade dafür mochten, dass ich eben kein junges Mädchen war. Denn die Kunden sind ja selbst eher 40, 50 oder 60 Jahre alt und nicht Anfang 20. Dieser Widerspruch ist seltsam, auch in der Filmbranche. Wir sehen doch alle, wie erfolgreich Meryl Streep ist, und jeder liebt Maggie Smith. Aber die Produzenten und Regisseure setzten trotzdem auf das Image der Jugend.
Vielleicht spielt da auch Sexismus herein, schließlich sind es in diesen Industrien meist die Männer, die die Fäden ziehen.
Gut möglich, dass das eine Rolle spielt. Aber es sind wohl auch ganz allgemeine kulturelle Muster, die Jugend mit Energie, Lebensfreude und anderen positiven Eigenschaften assoziieren. Man hat eben noch sein ganzes Leben vor sich, nicht den Tod. Und schließlich ist es sicher auch so, dass junge Menschen als Kunden und Konsumenten einfach leichter zu beeinflussen sind. Also spricht man in erster Linie die an. Was so gut funktioniert, dass 25-jährige Mädchen heute sogar fast schon mehr Geld für Anti-Falten-Crèmes ausgeben als Frauen meiner Generation.
Trotz allem klingen Sie nicht so, als würden Sie sich danach sehnen, noch einmal jung zu sein.
Bloß nicht. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, so wie es heute ist. Zumal ich ganz froh bin, dass ich nicht heutzutage meine Karriere als Model beginnen muss. All das in den Achtzigern durchgemacht zu haben war ein Segen. Damals waren die Firmen noch keine riesigen Konzerne, der zwischenmenschliche Kontakt war enger. Man konnte direkt Gespräche mit dem Firmenchef führen, bei Meetings waren selten mehr als zehn Personen anwesend. Ich will mir nicht anmaßen zu behaupten, dass Mode und Werbung heute weniger kreativ sind. Aber auf jeden Fall fühlte sich damals alles freier und nicht so sehr nach einem Kapitalgeschäft mit großen Finanzrisiken an.
Und ganz allgemein war die Promi-Kultur damals eine andere.
Wem sagen Sie das! Nicht zuletzt deswegen lebe ich inzwischen in Long Island auf dem Land. Alles andere habe ich nicht mehr ausgehalten. Ich hasse das Posieren auf dem roten Teppich, das inzwischen ein eigener Job geworden zu sein scheint. Es gibt Journalisten, die nichts anderes mehr tun, als zu berichten, welcher Star welches Kleid getragen hat. Noch schlimmer ist allerdings, wie über Prominente gesprochen und geurteilt wird. Kürzlich zerrissen sich im Fernsehen Moderatoren den Mund darüber, dass die Sängerin Jessica Simpson nach der Geburt ihres Kindes nicht sofort wieder gertenschlank war. Entsetzlich! Wir sind doch kein öffentliches Eigentum, Schauspieler oder Popstars sind nicht dazu verpflichtet, immer blendend auszusehen.
Haben Sie überhaupt noch Spaß an Ihrem Beruf?
Nicht an dieser Seite des Jobs. Sechs Monate lang für Interviews, Fotos und Ähnliches zur Verfügung zu stehen für einen Film, in dem ich drei Szenen habe - das finde ich nicht mehr verhältnismäßig. Deswegen wird man mich nicht mehr allzu oft als Schauspielerin sehen. Selbst Projekte zu entwickeln und Regie zu führen, so wie etwa bei meinen "Green Pornos", das interessiert mich dagegen nach wie vor sehr.
