Sean Connery lächelt süffisant, als er der schwarz verschleierten Witwe kondoliert. Dann schlägt er ihr mit einem rechten Haken ins Gesicht. Die Witwe ist ein Kerl! Mich haut es fast vom Sperrsitz. Ich bin neun und habe mich soeben in meinen ersten James-Bond-Film geschmuggelt. "Feuerball" ist zu diesem Zeitpunkt schon 13 Jahre alt, aber unser Dorfkino nimmt mit Bond-Wiederholungen mehr ein als mit den meisten Neustarts.
Jetzt erwürgt Connery seinen Gegner mit dem Kaminbesteck. Nicht gerade zimperlich. Eher widerlich. Ist mein Held nur ein gewöhnlicher Mörder? Keine Zeit zum Nachdenken, Handlanger versuchen die Tür aufzustoßen, Bond muss fliehen. Aber nicht, ohne eine Handvoll Tulpen aus einer Vase zu nehmen und schwungvoll über die Leiche zu werfen.
Das ist der Moment, in dem ich verstehe, was James Bond, diesen Brutalo-Dandy, einmalig macht. Er ist allein mit seinem Opfer, niemand schaut ihm zu. Die Blumen dienen ihm einzig dazu, sein Stilbedürfnis zu befriedigen. Wie einen Geck oder einen Serienkiller könnte die Geste den Agenten aussehen lassen. Aber sie ist perfekt ausgeführt, eine angemessen sarkastische Antwort auf einen Gangster in Witwenklamotten. Wenige Sekunden später entkommt Connery seinen Häschern mit Hilfe eines Jetpacks, landet fauchend und dampfend neben seinem silbernen Aston Martin DB5, verstaut den Raketenrucksack mit Hilfe einer hübschen Assistentin im Kofferraum und findet die Zeit, ihr den Wagenverschlag zu öffnen, bevor die ersten Kugeln peitschen. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen mehr.
„Das ganze Universum der herandämmernden Pubertät“
Es sind nur zwei Minuten Celluloid, aber sie enthalten das ganze Universum der herandämmernden Pubertät: die Wut und den Witz, die Aussicht auf eine jetgetriebene Zukunft mit einer schönen Frau auf dem Beifahrersitz.
Das Klischee besagt, dass Männer Bond gucken, weil sie Bond sein wollen, und Frauen Bond gucken, weil sie mit einem Mann wie Bond schlafen wollen. Wahrscheinlich gibt es nicht wenige Männer, die mit Bond schlafen wollen (wenn er nicht gerade von Timothy Dalton gespielt wird). Aber Bond sein wollen? Ein verwaister Alkoholiker ohne Sozialkontakte, in ständiger Lebensgefahr? Vielleicht sehe ich das nur heute so, wo ich etwas älter bin, als es der fiktionale Bond jemals sein wird (aber noch lange nicht so alt wie manche seiner Darsteller). Aber damals, als Junge, will ich nicht wie Bond sein. Ich bin Bond, kann und will mich nicht dagegen wehren, da ist kein Wunsch, nur Erfüllung. Zwei Stunden lang hält das Bond-Sein an, bis der Tag den Tagtraum langsam wegschwemmt.
Bond-Sein: Ich werde bei der Mannschaftsverteilung im Sportunterricht als Letzter reingewählt. Mädchen betrachte ich verklemmt aus der Ferne, und beim Unterwasserkampf wäre ich keine große Hilfe, ich bekomme schon auf dem Drei-Meter-Brett Panikanfälle. Alles kein Problem auf dem Sperrsitz. Ich bin im Geheimdienst Ihrer Majestät. Ich habe die Lizenz zu allen Dingen, die mir niemand zutrauen und meine Eltern mir verbieten würden.
James Bond ist die reine Potenz, mächtig, kräftig, herrlich, den gewöhnlichen Prozess des Erwachsenwerdens unterlaufend. Sollen andere verantwortungsbewusste Staatsbürger, treu sorgende Ehemänner und liebende Väter werden. Bond hat bei der mühsamen Ich-Bildung geschwänzt. Er ist das reine Es, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Das hat niemand jemals besser dargestellt als Sean Connery, der Bond als böses, feixendes Tier spielte. Schauen Sie sich mal "Goldfinger" im englischen beziehungsweise schottischen Original an. Die Hauptblondine hört auf den unfassbaren Namen "Pussy Galore" (Mike Myers hat ihn in "Austin Powers" kongenial mit "Allota Fagina" übersetzt). Wenn Connery mit geschürzten Lippen "Pushy" sagt, ist das schlichtweg obszön. Aber davon ahne ich mit meinen neun Jahren nichts.
Als "Moonraker", der neueste Bond-Film, im Dorfkino anläuft, laufe ich auch, und zwar mit fliegenden Fahnen ins Lager der Roger-Moore-Fans über. Zu diesen beiden Personalien muss man Ende der 70er Jahre auf dem Schulhof eine Meinung vertreten: Didi oder Otto, Connery oder Moore? Letzterer bietet die glattere Projektionsfläche. Ein Held braucht keine herausstechenden Eigenschaften.
Mit gezückter Waffe im silberglänzenden Astronauten-Anzug
Wegen Roger Moore, nicht wegen der Aufklärungsseiten kaufe ich mir meine erste "Bravo". Er lässt sich als Autogrammkarte aus dem Heft heraustrennen, mit gezückter Waffe im silberglänzenden Astronauten-Anzug. Heute gilt das "Moonraker"-Abenteuer als Tiefpunkt der Serie. Die Produzenten schauten neidisch auf die Einspielergebnisse von "Star Wars" und beschlossen, James Bond in den Orbit zu schießen. Connery wäre das nicht passiert. Denkste. Zwei Jahre später findet sich der Ex-Bond in einer Umlaufbahn des Jupiter wieder, im Weltraum-Western "Outland". Dem ultrablasierten Moore gelingt es wenigstens, zum Kinderspiel mit Laserkanonen und kanariengelben Overalls den gleichen ironischen Abstand zu halten wie zu allen Dingen. Ob er über Krokodile hüpft, mit Sportwagen taucht oder im Clownskostüm Atombomben entschärft, Moores Bond gewährt mir einen tiefen Einblick in die Lächerlichkeit aller Dinge. Ihm reicht es nicht, die unmöglichsten Taten zu vollbringen und dabei Haltung zu wahren. Er macht sich über seine steife Oberlippe lustig, hält sie nie ohne hochgezogene rechte Augenbraue in die Kamera.
Meine Mutter kassiert die "Bravo" ein, klebt die Aufklärungsseiten mit einem Pritt-Stift zusammen und überreicht mir das zensierte Exemplar. Ich bin nicht wütend, mich hat Roger Moore aufgeklärt. Die Briefe an Dr. Sommer öffne ich später überm dampfenden Wassertopf, wie sich das für Spione gehört.
Ich spare auf James-Bond-Modelle der Firma Corgi, im Maßstab 1:43. Den weißen Lotus Esprit, der sich in ein U-Boot verwandeln kann, der elegante Bell-206-Hubschrauber aus "Der Spion, der mich liebte" und den silbernen Aston Martin mit Schleudersitz und einem Plastikhandlanger, der auf Knopfdruck durchs Kinderzimmer katapultiert wird. Bond-Bösewichte sind wie greinende, jüngere Geschwister. Megalomanisch, maßlos und schnell eingeschnappt. Sie kommunizieren mit Vorliebe via Erpressung. Mal wollen sie alles menschliche Leben ausrotten, um ein neues Atlantis aufzubauen (Stromberg in "Der Spion, der mich liebte"), mal drohen sie nur damit, alles menschliche Leben auszurotten, damit ihr Adelstitel anerkannt wird (Blofeld in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät"). Verrückte, deren Gemeinheiten allein unserem Genuss dienen.
Gegen Goldfinger und Dr. No anzugehen heißt, die Trotzanfälle seiner Kindheit mit neu gewonnener Coolness auszutreiben. Kurz darauf kauft Vater einen Video-2000-Rekorder und mein Leben wird ums 2000-Fache besser. Dank Heimvideo kann jetzt jeder Filme immer wieder sehen, auch weit abseits der großen Städte und ihrer Cinematheken. Nur dass ich Bud Spencer Ingmar Bergman vorziehe. Wenn Buddy nicht den Lukas haut, gucken wir James Bond, jeden James Bond. Einmal abends, einmal am nächsten Morgen, bevor wir den Film wieder in die Videothek tragen.
Zum ersten Mal zeigt Bond Nerven
Dazu lese ich das großformatige Citadel-Filmbuch "Die James-Bond-Filme". Lese es noch einmal. Lerne es auswendig. Wenn ich nicht gerade auf das tolle Bild von Shirley Eaton starre, die halbnackt - aber noch nicht mit Gold überzogen - in Bonds Lotterbett posiert, begreife ich sogar etwas. Jetzt unterscheide ich gute, mittelmäßige und schlechte Ian-Fleming-Verfilmungen. Mein Lieblingsbond ist "Liebesgrüße aus Moskau", vor allem wegen der Zweikampfszene im Zug zwischen Connery und Robert Shaw. Gefolgt von, ausgerechnet, "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" mit dem australischen Dressman George Lazenby in der 007-Rolle. Und zum ersten Mal zeigt Bond Nerven. Als er, von Blofelds Häschern gejagt, auf Diana Rigg trifft, liegt in seinem Blick die schiere Panik. Sie rettet ihn, er macht ihr einen Heiratsantrag. Der Film endet mit einem Drive-by-Shooting und einem geschüttelt, gerührten, ja völlig zerstörten Bond, seine tote Frau im Arm haltend.
In den Bonds, die in dieser Zeit ins Kino kommen, kämpft sich ein sichtlich zu alter Roger Moore durch eine übergagte Spielzeugwelt. Meine große Liebe kühlt mächtig ab. Für Timothy Dalton kann ich mich auch nicht erwärmen. Das Dorfkino gibt es nicht mehr. Video 2000 hat den Kampf der Systeme verloren. Dass ihm zwei Jahre später der gesamte Ostblock folgen wird, ahnt kaum jemand. Aber die Uhr tickt, auch für Bond. Daltons Agent ist ernsthaft, knallhart und verzweifelt, aber bar jeden Charmes. Gleichzeitig spielt Bruce Willis einen Jedermann mit Bond-Charisma. Gegen die explosive Architektur-Kritik von "Stirb Langsam" wirken Bond-Filme wie Reiseprospekte aus der Zeit des Kalten Krieges. Ich bin aus Versehen erwachsen geworden. Als ein Mitschüler versucht, mir den Spitznamen "James Bos" zu verpassen, ist mir das sagenhaft peinlich.
Die Welt braucht ihn nicht mehr
Bond macht Pause. Er hat sie bitter nötig. Die Welt braucht ihn nicht mehr, ich ganz bestimmt nicht. Höchstens noch die Dritten Programme, in denen die alten Filme des Nachts in Dauerrotation laufen. Als Pierce Brosnan 1995 die Doppelnull übernimmt, muss er sich im Film als "sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier" beschimpfen lassen. Ich studiere, lese Julia Kristeva und Judith Butler. Das männliche Geschlecht und sein heterosexuelles Begehren seien nur kulturelle Konstrukte, behauptet Butler. Festgeschrieben durch die stetige Wiederholung stilisierter Handlungen. Etwa durch obsessives Bond-Gucken in der Pubertät? Bond ist eine Männlichkeits-Maschine. In "Goldeneye" nimmt Pierce Brosnan mit einem alten Panzer den geradesten Weg durch marode Bauten in St. Petersburg, richtet sich nach erfolgter Zerstörungsorgie den Krawattenknoten. Die folgenden Brosnans sitze ich nur noch aus alter Treue ab. Dann tritt Daniel Craig an die Bar. Auf die Frage des Barkeepers, ob er seinen Wodka-Martini geschüttelt oder gerührt bevorzugt, blafft Craig: "Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?". "Casino Royale" ist der beste Bond-Film seit langer, langer Zeit.
Craig ist ein Jahr älter als ich. Mein Leben ist nicht so aufregend geworden, wie ich mir das erträumt habe, als ich auf dem Sperrsitz saß und "Feuerball" guckte. Aber Craigs Bond ist auch nur auf Arbeit. Die Technik-Spielzeuge, an denen sich Bond einst erfreuen konnte, trägt heute jeder in der Tasche. Der Spaß ist vorbei, der Lack ist ab. Fast bemitleide ich Bond. Ich habe bessere Laune, beziehe weniger Prügel, und meine Frau hat keinen albernen Namen.
