Schon wieder dieser Bieber. Ein Gesicht wie aus der Kinderschokolade-Werbung. In jeder Mädchenzeitschrift ist er dutzendfach abgebildet. Und gerade wurde er in den USA wieder zum beliebtesten Teeniestar gewählt. Ein Tag ohne Bieber-Zitat ist wie die "Bravo" ohne Dr. Sommer. Wenn er mal nichts zu sagen hat, dann verbreitet er zum Beispiel, er wolle auch jetzt "nicht damit anfangen, über Sex, Drogen und Fluchen zu singen". Und davon auch nichts selbst ausprobieren. Das war kurz nach seinem 18. Geburtstag im März dieses Jahres.
Zurzeit bildet er ein Traumpaar mit dem Disney-Teeniestar Selena Gomez und erzählt: "Ich nehme mir die Zeit und mache besondere Sachen, und ich glaube, das finden Mädchen toll, denn das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit." Sauberkeit geht vor.
Und da wäre dann noch Conor Maynard, der sich langsam an die Popularität von Bieber heranarbeitet. Der ist gerade 19 und wie Bieber über Youtube bekanntgeworden. "I can't say no", heißt seine Single, und damit meint er Mädchen, zu denen er nicht Nein sagen kann. Aber so richtig glauben kann man das diesem Milchgesicht nicht. Bieber-mäßig beschreibt er sein Verhältnis zum anderen Geschlecht so: "Ich achte auf Humor und darauf, dass wir gleiche Interessen haben."
Früh vergreist und total langweilig?
Dritter im Bunde ist Liam Hemsworth, mit 22 schon fast zu alt für kleine Mädchen, aber ein australischer Traumjunge wie aus dem Bilderbuch mit blütenweißem Image. Wilde Affären: Fehlanzeige. Hemsworth ist inzwischen mit Miley Cyrus, dem größten weiblichen Teeniestar, verlobt.
Das sind also die Typen, die die Welt der neun- bis 14-jährigen Mädchen weltweit beherrschen. Langweilig? Spießig? Früh vergreist? Oder einfach nur durch und durch Produkte durchtriebener Vermarkter, die den Kindern das letzte Taschengeld für Merchandising-Produkte abnehmen? Gibt es denn wirklich keine originelleren Typen mit besserer Musik?
Doch, jetzt mal ganz ehrlich, welche Typen mochten wir denn, als wir Teenager waren? David Cassidy, die Bay City Rollers, Rob Lowe, Caught in the Act. Die waren auch alle nur süß und brav, die Musik zum Weglaufen und die Schauspielkünste - so lala. So müssen Teeniestars heutzutage offenbar sein.
Die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Bettina Fritzsche hat sich in ihrer Dissertation mit den Idolen der Teenies - und das ist vor allem eine Mädchensache - beschäftigt und kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die Stars und die Plattenfirmen, sondern auch die Fans von dem ganzen Rummel profitieren.
Diese braven Typen bewahrten Mädchen am Ende vor Fehltritten mit echten Kerlen. Die Mädchen, mitten in der Pubertät, befänden sich in einer Zeit der Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung und dabei seien die Stars Orientierungspunkte. Wichtig dabei: Die Idole sind allesamt nicht viel älter als sie selbst oder sehen zumindest so aus. Sie haben etwas geschafft - und sind dabei (angeblich) total normal geblieben.
Mit den Stars können die Mädchen erste Träumereien ohne Risiko haben, einen "gefahrlosen Testlauf" für Liebesgefühle. Bettina Fritzsche sagt: "Sie erleben die intensiven Emotionen der ersten Liebe ohne die Risiken einer echten Beziehung." Bei einer Umfrage von "Popcorn" gaben 74 Prozent der Mädchen an, ihre Stars auch mal gerne küssen zu wollen. Und knapp die Hälfte wäre sogar zu Sex bereit.
Aber das ist wirklich nur Träumerei: Teenies von heute sind in Wahrheit konservativer als frühere Generationen. Nach Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung werden Jugendliche zwar eher reif als früher, haben aber später Sex als ihre Altersgruppe vor einigen Jahren.
Der Teenietraum muss harmlos aussehen - und darf nicht zu männlich sein. Der Diplom-Psychologe und Attraktivitätsforscher Martin Gründl meint zu Justin Biebers Gesicht: "Das ist halt ein Junge und noch kein Mann. Ihm fehlen die typischen männlichen Gesichtszüge."
Kindergesicht als Projektionsfläche
Ein männliches Gesicht ist nicht automatisch attraktiv, schon gar nicht für Mädchen in der Pubertät. Typische männliche Attribute wie ein kräftiges, kantiges Kinn, hervorstehende Wangenknochen, Bartwuchs und eine ausgeprägte Augenbrauenwulst führten bei Foto-Tests von Gründl und seinem Team nicht immer zu höheren Attraktivitätswerten. "Möglicherweise, weil allzu viel Männlichkeit auch mit negativen Charaktereigenschaften wie Machismo, Aggressivität und Untreue assoziiert wird", so Gründl.
Oder wie es in der Zeichentrickserie "Die Simpsons" auf ganz eigene Weise dargestellt wird: Lisa Simpson, acht Jahre, hochbegabt und eine Außenseiterin, liest ihre Art von "Bravo" - und die heißt "Non-threatening Boys" (Jungs, die einem keine Angst machen). Also, solange Justin Bieber sein Kindergesicht behält, kann er Projektionsfläche bleiben. Danach muss er seine Zielgruppe wechseln. Und die Mädchen sich einen neuen Schwarm suchen.
Total brav und süüüüß.
