Abo

Kurse gefordertHerzdruck-Massage sollte jeder lernen

7 min

Die Herzdruck-Massage soll an Schule in Nordrhein-Westfalen als Unterrichtsthema eingeführt werden. (Foto: dpa)

Professor Böttiger, das NRW-Schulministerium überarbeitet gerade auf Ihre Initiative hin seinen Erste-Hilfe-Erlass. Schüler sollen ab Klasse 7 zwei Stunden pro Jahr Reanimations-Unterricht bekommen. Allerdings soll es jeder Schule freigestellt bleiben, ob sie den Kurs einführt. Wie finden Sie das?

Ich finde das ganz toll. Und ich hätte es noch besser gefunden, wenn die Kurse Pflicht würden. Auch aufgrund der Begeisterung, die Reanimationstraining regelmäßig bei Schülern hervorruft, habe ich aber wenig Sorge, dass dies jetzt nicht flächendeckend kommt. Geld kosten dafür allenfalls die Puppen, die man für die Kurse nehmen kann, aber nicht muss. Und was investieren wir alles in sichere Fahrzeuge und Straßen? Würde man nur einen Bruchteil davon in solche Kurse stecken, könnten wir 10 000 Menschen zusätzlich pro Jahr retten - drei Mal so viel, wie im Straßenverkehr sterben.

Nehmen wir an, ich werde jetzt bewusstlos und kippe um. Sie sind der einzige Mensch im Raum. Was tun Sie?

Ganz einfach: Prüfen, rufen, drücken. Zuerst werde ich überprüfen, ob Sie tatsächlich bewusstlos oder nur eingeschlafen sind. Ich würde Sie laut ansprechen, ein wenig schütteln - einmal hab ich auch jemanden gezwickt in so einer Situation. Wenn Sie keine Reaktion zeigen und auch keine normale Atmung haben, dann haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Kreislaufstillstand.

Auch wenn ich noch atme?

Die Betonung liegt auf: keine normale Atmung. Wir hören immer wieder, dass Helfer nicht erkennen, dass jemand einen Kreislaufstillstand hat, weil der Mensch ja noch atmet. Aber auch wenn das Herz nicht mehr schlägt und das Hirn nicht mehr durchblutet wird, gibt es manchmal für eine gewisse Zeit noch eine sogenannte agonale Atmung, eine Art Japsen.

So viel zum Prüfen. Aber warum danach zuerst Hilfe rufen und nicht sofort mit der Herzdruckmassage beginnen?

Eigentlich muss man sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen anfangen, weil jede Sekunde Abwarten die Überlebenschancen verschlechtert. Wenn man zu zweit ist, sollte man deshalb auch sofort drücken. Ist man aber alleine und beginnt damit sofort - ohne Hoffnung auf Ablösung -, dann kommt auch der Kräftigste irgendwann ans Ende seiner Energie. Deswegen: Erst prüfen, dann die 112 anrufen.

Haben Sie für die richtige Drücktechnik auch einen Dreiklang?

Habe ich: Hauptsache heftige Herzmassage. Einfach anfangen, 100 bis 120 Mal pro Minute drücken. Das ist in etwa der Rhythmus von "Get lucky" von Daft Punk oder "Staying alive" von den Bee Gees.

Mein letzter Erste-Hilfe-Kurs ist schon eine Weile her. Wo genau muss ich noch mal drücken?

In der Mitte des Brustkorbs zwischen den Brustwarzen. Man kniet sich am besten neben die Person auf den Boden und drückt mit gestreckten Armen fünf bis sechs Zentimeter tief beim Erwachsenen. Nach jedem Druck entlastet man wieder.

Was passiert bei der Herzdruckmassage im Körper genau?

Man übernimmt die Funktion des Herzens. Das Drücken führt dazu, dass wieder Blut im Kreislauf fließt. Das ist fürs Gehirn wichtig. Wenn kein Blut mehr fließt, stellt es nach 15 bis 20 Sekunden seinen Dienst ein, man wird bewusstlos. Nach drei bis fünf Minuten beginnen Hirnzellen abzusterben. Unwiederbringlich.

Was ist mit Mund-zu-Mund-Beatmung?

Vergessen Sie die - erst einmal. Herzdruckmassage ist Pflicht, alles andere die Kür. Im Blut des Bewusstlosen ist meist noch Sauerstoff, und auch in der Lunge sind noch ein paar Liter Luft. Bei der Herzdruckmassage nimmt das Blut also auch ohne Beatmung Sauerstoff auf, der dann zum Gehirn transportiert wird. Das reicht meist für ein paar Minuten. Allerdings gilt das nur für den plötzlichen Herztod. Wenn jemand ertrunken oder erstickt ist oder sich erhängt hat, muss man von Anfang an beatmen. Dann ist kein Sauerstoff mehr im Körper. Das empfehlen wir auch bei der Reanimation von Kindern.

Wie sollte man in solch einem seltenen Fall beatmen?

Man atmet selbst tief ein, überstreckt den Kopf des Patienten in den Nacken, setzt seinen Mund auf den des Patienten und hält ihm die Nase zu. Dann bläst man Luft rein und überprüft kurz, ob der Brustkorb sich hebt. Nach zwei Atemspenden kommt dann die Herzdruckmassage - 30 Mal drücken, dann wieder zwei Beatmungen. Das Ganze macht man so lange, bis der Notarzt kommt.

Die Chance, dass in Deutschland ein Laie bei einem Menschen mit Herzstillstand eine Reanimation versucht, liegt bei nur 20 Prozent. In Skandinavien helfen viel mehr Leute. Warum zögern viele Deutsche im Notfall?

Darüber kann ich nur spekulieren. Vermutlich haben die Deutschen einfach mehr Angst, etwas falsch zu machen. Aber das ist natürlich Unsinn: Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun. Selbst wenn man die Frequenz nicht ganz richtig hält oder nicht tief genug drückt, ist das immer noch besser, als nichts zu tun. Bei jedem Druck auf den Brustkorb fließt Blut.

Viele wissen wohl auch nicht, was sie tun sollen.

Was auch daran liegt, dass die meisten in ihrem Leben nur diesen einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben, den für den Führerschein. Ich weiß noch, wie ich mich damals gefühlt habe: Ich war müde, hatte an dem Tag eigentlich was anderes vor. Und dann wurde man viel zu lange mit der stabilen Seitenlage konfrontiert.

Klingt, als sei die unwichtig.

Die ist vielleicht dann angeraten, wenn ein Mensch bewusstlos ist, aber noch regelmäßig atmet. Ansonsten braucht man sie nicht. Trotzdem sieht man immer wieder, dass jemand zur Reanimation in die stabile Seitenlage gebracht wird. Ich kenne niemanden, der dadurch gerettet worden wäre. Was ich sagen will: Erste-Hilfe-Kurse sind gut und wichtig, und die Wiederbelebung ist nur ein ganz kleiner Teil davon. Dabei ist sie das Wichtigste. Und für spezielle Reanimationskurse würde schon eine halbe Stunde reichen.

Warum gibt es die ausführlichen Erste-Hilfe-Kurse dann überhaupt?

Die sind ein Kind der 1960er Jahre. Damals gab es auf deutschen Straßen 20 000 Verkehrstote pro Jahr. Fast jeder war damals schon an einem Verletzten vorbeigefahren, daher diese Fokussierung auf die stabile Seitenlage. Dann wurde viel Geld in die Sicherheit investiert. Und 2013 gab es nur noch 3300 Tote im Straßenverkehr. Ein anderes Problem dagegen steht nicht im Fokus, weil es meist in aller Stille passiert: der plötzliche Herztod. In Deutschland werden deswegen jeden Tag 200 Menschen erfolglos vom Rettungsdienst wiederbelebt. Das ist so, als würde jeden Tag bei uns ein Flugzeug abstürzen.

Wie kann man gegen diese alltägliche Katastrophe angehen?

Mit flächendeckenden Reanimations-Kursen. Stellen Sie sich vor, es würden tatsächlich täglich 200 Menschen im Verkehr sterben. Wir würden Milliarden ausgeben, um das zu beheben. Beim Kreislaufstillstand dagegen guckt keiner hin. Vielleicht, weil man damit kein Geld verdienen kann.

Welche Maßnahmen fordern Sie?Zum Beispiel, dass die Zahl der Wiederbelebungen - wie etwa in Norwegen - zentral erfasst wird. In Amerika ist der plötzliche Herztod inzwischen als die dritthäufigste Todesursache erkannt. Wir sollten flächendeckend Telefonreanimation anbieten.

Was ist das?

Ein Angebot, das Menschenleben retten kann. Ein Laie ruft bei der Leitstelle an, sagt, da liegt eine leblose Person, die nicht atmet. Der Disponent erklärt: "Ich schicke Ihnen einen Notarzt - und jetzt legen Sie bitte nicht auf, ich sage Ihnen, was Sie tun können." Wir haben mal ausgerechnet: Wenn eine Leitstelle diese Telefonberatung 40 Mal macht, wird ein Menschenleben gerettet.

Was ist mit Defibrillatoren? Sofern zur Hand: Sollte man die nutzen?

Das Wichtigste ist die Herzdruckmassage. Ein Mensch stirbt, wenn sein Blut nicht fließt. Sie können theoretisch 70 Minuten lang Herzdruckmassage machen - nur müssen Sie nach einigen Minuten dann natürlich auch beatmen -, das ist ausreichend, damit das Gehirn nicht abstirbt, und erst dann defibrillieren. Auch wenn also ein Defi in der Nähe ist, hören Sie nicht auf zu drücken! Ein anderer kann einen Defi holen. Aber schicken Sie nicht alle weg, Sie brauchen nach zwei Minuten eine Abwechslung beim Drücken.

Also sind die Defis, die überall aushängen, relativ sinnlos?

Auf der Raumstation ISS ist ein Defi überlebenswichtig - ein Notarzt würde zu lange brauchen. Wenn jemand in Köln auf der Domplatte zusammenbricht, ist es das Beste, Herzdruckmassage zu machen. Da sollte man nie als erstes in der Gegend rumlaufen und so ein Ding holen.