Die Aufnahmen sind faszinierend. Sie erscheinen bunt und bizarr, zeigen Gebirge, Meere, Wüsten, Gletscher und verschlungene Flussarme, die wie zerlaufende Tinte wirken. Aber neben aller Schönheit dokumentieren sie auch Naturkatastrophen und Umweltschäden auf allen Kontinenten.
2,5 Millionen Bilder
40 Jahre Erdgeschichte kann man auf diesen Bildern sehen. Historisch ist das ein Klacks. Aber für die Raumfahrt bedeuten sie eine ganze Ära. Diese begann vier Jahre, nachdem die Erde zum ersten Mal in ganzer Pracht auf einem Foto aufgetaucht war - als blaue Kugel über dem Mondhorizont. „Oh, mein Gott! Hier geht die Erde auf. Wow, ist das schön!“, rief der „Apollo 8"-Astronaut Frank Borman, als er sie 1968 fotografierte.
Zu dieser Zeit hatte die amerikanische Kartographie-Behörde bereits die Idee, Satelliten ins All zu schicken, um nicht nur ein paar schöne Bilder zu machen, sondern die Erdoberfläche systematisch abzutasten - rund um die Uhr, Streifen für Streifen. 1972 startete die Nasa den ersten Satelliten im Rahmen des „Land-sat"-Programms. Ihm folgten sechs weitere. Einige blieben nur wenige Jahre auf der Umlaufbahn. Einer ging verloren, als die Trägerrakete explodierte.
Doch der absolute Star ist „Landsat 5“, der seit 1984 unermüdlich um die Erde kreist und Bilder zur Erde funkt, insgesamt bisher 2,5 Millionen. Wir zeigen einige der eindrucksvollsten, die er und seine Gefährten in insgesamt 40 Jahren machten. Jetzt wird der Satellit in den Ruhestand verabschiedet. Die Nasa senkt ihn auf eine niedrigere Umlaufbahn ab, wo er seinen Lebensabend verbringt, bis er vielleicht eines Tages verglüht.
Die Nachrufe auf den ältesten Erdbeobachtungs-Satelliten klingen angemessen heroisch. „Landsat 5 hat vermutlich jedes wichtige Ereignis aufgenommen, das seit 1984 auf der Erde passierte und größer ist als ein Football-Spielfeld - sei es ein Wirbelsturm, ein Tsunami, ein Waldbrand, eine Brandrodung oder eine Ölpest“, sagte Marcia McNutt, die Direktorin der Kartographie-Behörde, offiziell: US Geological Survey. Aber „Landsat“ dokumentierte nicht nur Ereignisse, sondern vor allem längerfristige Entwicklungen: das Schmelzen des Eises auf dem Kilimandscharo, die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien, die Verwandlung großer Seen in Wüsten. Die Bilder lieferten erstmals einen Draufblick, der eindrucksvoll zeigt, was da oft unwiederbringlich verloren geht.
Auge des Kalten Krieges
Dass „Landsat“ auch ein Auge des Kalten Krieges war, nimmt im offiziellen Erinnerungsalbum nur einen Randplatz ein. Doch bereits in seinem ersten Jahr zeigten Aufnahmen zum Beispiel, wie sowjetische U-Boote neuartige Tests in der Arktis durchführten. Japan nutzte „Landsat“-Bilder zur Aufklärung militärischer Aktivitäten der Sowjets in Sibirien und im Pazifik. Den „Landsat“-Pionieren folgte seit den 1970er Jahren eine ganze Armada von Erdbeobachtungssatelliten verschiedener Nationen. Eine unvollständige Liste zählt allein 200 auf, einschließlich Wettersatelliten.
„Wir nutzen für unsere Arbeit die Daten von etwa 40 bis 50 Erdbeobachtungsmissionen“, sagt Professor Günter Strunz, Leiter der Abteilung Georisiken und zivile Sicherheit im Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum in Oberpfaffenhofen, das zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gehört. Er berichtet, wo heute überall Satelliten eingesetzt werden können.
Zum Beispiel im Falle von Katastrophen. Grundlage dafür bietet die International Charter Space and Major Disasters, in der Raumfahrtagenturen und Satellitenbetreiber vereinbart haben, bei großen Naturkatastrophen kurzfristig Satelliten einzusetzen. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 fragte zum Beispiel Japan das internationale System um Hilfe an. Mehrere Satelliten wurden auf die Region ausgerichtet, darunter zwei deutsche Radarsatelliten.
Wie groß sind die Schäden und Überflutungen, welche Orte und Straßen sind betroffen? Wo können Flüchtlingscamps eingerichtet werden? Informationen dieser Art gehen im Katastrophenfall an die Behörden und Einsatzkräfte.
Dafür arbeiten immer mehrere Satellitensysteme flexibel zusammen, erklärt Günter Strunz. Doch die Arbeit setzt weit vor dem Katastrophenfall an.
Nutzen auch für die Archäologie
Mittels Satellitendaten erarbeiten Forscher Karten von gefährdeten Regionen. Sie kartieren Landflächen, Wälder, Wüsten, Ozeane. Sie können Eisrouten für Schiffe berechnen oder gefährliche Wellengebiete - bis hin zu Extremwellen - erkennen.
Auch in der Archäologie werden sie genutzt, etwa zum Auffinden antiker Stätten. Während „Landsat 5“ nun nach fast 30 Jahren zur Ruhe kommt, wartet schon ein Nachfolger: „Landsat 8“. Er arbeitet mit moderneren Geräten und sendet bis zu 400 Aufnahmen pro Tag - fast dreimal so viele wie die bisherigen Satelliten.
