Die Schöpfer von Online-Spielwelten haben es nicht einfach. Einerseits sollen sie den Spielern ständig etwas Neues bieten. Andererseits wird jede Änderung an der Welt oder den zugrundeliegenden Regeln oder dem Spielsystem von den Fans äußerst kritisch beäugt. Jedes neue Add-on, also jede Erweiterung des ursprünglichen Spiels, löst erbitterte Diskussionen in den einschlägigen Foren aus.
Das ist auch bei "Mists of Pandaria" nicht anders, das dem "World of Warcraft"-Universum (WoW) nicht nur eine von Panda-Wesen bevölkerte Insel, sondern auch ein runderneuertes Spielsystem beschwert. Unter anderem betreffen die Veränderungen die Art, wie man seinen Charakter mit Talenten und Fähigkeiten, den Skills verbessert.
Farbenfroher Detailreichtum
Denn darum geht es bei Rollenspielen in erster Line. Ansonsten muss man sich "Massively multiplayer online games", kurz MMO, als eine Art digitalen Spielplatz vorstellen, in denen die Spieler miteinander gegen computergesteuerte Feinde oder gegeneinander kämpfen. Das Problem der Entwickler: Sie müssen auch jenen genug zu tun geben, die sieben oder acht Stunden am Tag in der Spielwelt verbringen. Gleichzeitig sollen auch Neueinsteiger nicht sofort von einer virtuellen Welt voller unüberwindlicher Gefahren und Krieger auf der höchsten Stufe abgeschreckt werden, für die sie nur harmlose Sparringspartner sind. Auch die tierischen Neuzugänge sind vielen ernsthaften Spielern zu infantil ausgefallen. Dabei sind Panda und Riesenschildkröte seit jeher fest in der chinesischen Mythologie verankert, die dem neuen Landstrich als offensichtliches Vorbild diente. Wem der "Herr der Ringe"-Anteil bei WoW bislang zu groß war, der bekommt nun also auch eine gehörige Portion östlichen Flair serviert. WoW-typisch leben Figuren und Umgebungen von ihrem farbenfrohen Detailreichtum und einem fantasievollen Comic-Stil, die Neueinsteiger sofort in ihren Bann ziehen. Und das ist auch nötig, denn nach einem Allzeithoch im Oktober 2010, als man weltweit zwölf Millionen zahlende Spieler zählte, gehen die Zahlen nur wenige Wochen nach jedem neuen Add-on zuverlässig nach unten. "Die Spieler spielen neue Inhalte mittlerweile in einem atemberaubenden Tempo durch", erklärt ein Insider beim Entwickler Blizzard diese Achterbahnfahrten. "Die Leute legen dann eine Pause ein und sind spätestens bei der nächsten Erweiterung wieder dabei."
Der WoW-Slang ist für Außenstehende unverständlich
Zu diesem Rhythmus gehört eben auch die Klage der Fans über die Neuerungen - bis hin zu Kündigungsdrohungen und wilden Beschimpfungen. Auch diesmal ist die Stimmung in den einschlägigen Foren mit kontrovers noch sehr milde beschrieben. Es gibt aber auch viel Anerkennung für "Mists of Pandaria". Etwa von einem Spieler, der in der virtuellen wahlweise als Menschen-Schurkin Imsohoodz, Magierin Sweetshop oder als Blutelfen-Schurkin Jimxx unterwegs ist. "Das neue Talentsystem gibt Hoffnung, dass sich Klassen wieder individueller spielen lassen", sagt der Kenner des WoW-Universums. "Bei den letzten Erweiterungen war es verdammt nervig, dass sie sich immer ähnlicher wurden und man das Gefühl hatte, dass jede Klasse jetzt alles kann." Offenbar versuche Blizzard nun, die Leute wieder mehr zur Erkundung der Spielwelt zu ermuntern. "Nach den letzten Erweiterungen fehlte einfach das World in ,World of Warcraft'."
Viele Spieler hätten sich vor allem in den Städten aufgehalten, um auf Einladungen anderer Spieler zu warten, gemeinsam in den Kampf zu ziehen. Im Online-Chat hört sich das übrigens so an: "In Wotlk und Cata sind die Leute sind nur in Dala, OG oder SW rumgehockt und haben auf Inv gewartet." Tatsächlich brauchen Außenstehende zum Verständnis des WoW-Slangs einen Übersetzer. Aber genau das ist es auch, was einen Reiz solcher Spiele ausmacht: Man bewegt sich, abweichende Meinungen eingeschlossen, unter Gleichgesinnten, grenzt sich gegen die unwissende Außenwelt ab.
MMO-Erzfeind "Guild Wars"
Natürlich braucht man dazu auch einen gemeinsam Erzfeind. Und das ist der MMO-Konkurrent "Guild Wars" (GW), von dem gerade der zweite Teil erschienen ist. In GW 2 bereist der Spieler eine vergleichsweise erwachsen wirkende, wunderschön gestaltete Spielwelt. Der Aufbau ist weniger von Einzelaufgaben, den Quests bestimmt. Abhängig vom gewählten Charakter erlebt er vielmehr eine durchgängige Handlung, innerhalb derer ein Ereignis auf dem anderen aufbaut.
"Dynamische Events" nennen das die Entwickler. Der Grundgedanke des Spiels liegt aber, wie es der Titel bereits nahelegt, im Zusammenschluss der Spieler zu Gilden. Diese treten gegeneinander in sogenannten PvP-Schlachten (Player versus Player, deutsch: Spieler gegen Spieler) an. Mit dem neuen Konzept sollen nun verstärkt Einzelkämpfer angesprochen werden, die das gigantische Reich von Tyria auf eigene Faust erkunden wollen.
Aber hat das neue "Guild Wars" wirklich das Potenzial, "World of Warcraft" als MMO-König vom Thron zu stürzen? Obwohl in den Foren immer wieder von massenhaften Abwanderungen gemunkelt wird, ist das eher unwahrscheinlich.
