Düsseldorf – Nach sechseinhalb Wochen Sommerferien beginnt am Mittwoch für die meisten der 2,5 Millionen Schüler in Nordrhein-Westfalen der Unterricht. Auch die 197 000 Lehrer an den mehr als 6200 Schulen des Landes starten in ein neues Schuljahr. Für die meisten der über 149.000 I-Dötzchen fängt „der Ernst des Lebens“ an den rund 2900 Grundschulen traditionell erst einen Tag nach offiziellem Schulbeginn an.
Von einem neuen Reformreigen bleiben Schüler und Lehrer in diesem Jahr verschont. Neu ist aber der Rechtsanspruch behinderter Kinder auf Unterricht an Regelschulen - er gilt zunächst für die Eingangsklassen 1 und 5.
Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hatte in der vergangenen Woche betont, die Herausforderung sei für die Schulen zu meistern. Die Zuwachsraten an inklusivem Unterricht seien maßvoll. Der Anteil der Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen werde zum neuen Schuljahr voraussichtlich von fast 30 auf über 35 Prozent steigen. Opposition und Lehrerverbände sehen die Schulen dagegen unzureichend gerüstet. (dpa)
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Sie Ihr Kind zum Schulstart - und auch sonst - motivieren können.
Ute Glaser ist Erziehungsexpertin und Lehrerin. Das Gespräch führte Christina Rinkl.
Frau Glaser, heute ist Schulanfang. Vielen Eltern graut schon vor dem Kampf um die Erledigung der Hausaufgaben. Warum wollen Kinder eigentlich so oft nicht das, was wir wollen?
Sie leben noch nicht in unseren Zwängen und kennen den Sinn unserer Normen oft noch nicht. Kinder handeln nach dem Lustprinzip und sagen, was sie denken. Genau das ist die Krux an der Erziehung, dass wir das Kind bei sich selbst sein lassen, ihm aber beibringen, wie man sich in unserer Gesellschaft bewegt.
Wie bringt man Kinder dazu, dass sie auf einen hören?
Besonders wirkungsvoll ist der Abschied vom "nicht". Eltern sollten sich positiv ausdrücken, um etwas zu erreichen, nicht negativ. Also besser "Halt dich fest" sagen , statt "fall nicht runter". Wenn wir "nicht" sagen, kommt das oft missverständlich an, nicht nur bei Kindern. Jedem fällt es schwer, nicht an den blauen Elefanten im Kühlschrank zu denken. So funktioniert unser Gehirn.
Wie klappt Motivieren im Alltag, zum Beispiel beim Zähneputzen?
Ein kleiner Wettstreit kann ein gutes Mittel sein. Also etwa die Eieruhr stellen und dann wetteifern, wer die meisten Putzbewegungen in dieser Zeit schafft. Oder wenn das Kind auf der Treppe trödelt, vorschlagen: "Wer von uns schafft es schneller runter?" Wenn man den Ehrgeiz der Kinder kitzelt, gefällt ihnen das meist.
Warum geht es oft leichter, wenn man ein Spiel daraus macht?
Weil Kinder gerne spielen. Sie haben noch nicht unsere Zwänge und Normen, sie begreifen weniger intellektuell und mehr mit den Sinnen. Im Spiel können sich Kinder ausprobieren und Fehler machen, das hat etwas Sympathisches. So lässt sich das gewünschte Ergebnis mit Spaß erzielen.
Was machen Eltern oft falsch, wenn sie ihr Kind motivieren wollen?
Ein großer Punkt ist die Ungeduld, wenn Eltern sich nicht einstellen aufs Kind. Etwa wenn man zwei Minuten vor der geplanten Abfahrt ins Kinderzimmer stürmt: "So wir müssen jetzt los zum Arzt!" Natürlich fühlt sich das Kind dann in seinem Spiel gestört und wird erst einmal trödeln oder bockig sein. Besser unnötigen Druck rausnehmen, das Thema vielleicht schon beim Mittagessen ansprechen, und später noch einmal ankündigen: "In zehn Minuten fahren wir los." Das bedeutet auch, dem Kind Respekt zu zollen.
Woher weiß man, welche Reaktion in welcher Situation angebracht ist? Brauchen Eltern mehr Entspanntheit oder mehr Konsequenz?
Sie brauchen beides. Natürlich sollten sie konsequent handeln, nach dem Motto: B geht nur wenn vorher A war. Erst die Hausaufgaben, dann zum Freund. Das brauchen sie auch nicht mit Missmut oder Leidensmine zu verkünden, sondern ganz freundlich als Selbstverständlichkeit.
Wie geht es besser?
Bei Schulhof-Prügeleien habe ich gute Erfahrungen gemacht mit der Frage: "Ist das jetzt Spaß oder Ernst?" Meist lächeln sie dann und sagen "war nur Spaß." Man sollte Jungs auch mal Jungs sein lassen.
Manchen Eltern fällt es aber schwer, sich locker zu machen.
Mein Tipp, zumindest an alle Eltern mit nur einem Kind, ist sich zu fragen: "Wie wäre das beim zweiten Kind?" Etwa wenn man überlegt, ob der Einjährige schon Pommes essen darf. So entschärfen sich viele Situationen.
Wie ermutige ich mein Kind, vom Einmeter-Brett zu springen, wenn ich weiß, dass es das eigentlich schon kann?
Eltern können Brücken bauen. Das Kind nicht zwingen, sondern dafür sorgen, dass es selbst den Schritt wagt, indem man ihm zum Beispiel sagt: "Ich weiß, du kannst das". Ein Junge, den ich kenne, hat sich nicht getraut, mit seiner Trompete im Orchester vorzuspielen. Er hat sich erst sicher gefühlt, als die Eltern zu ihm gesagt haben: "Stell dich doch einfach hinten in die letzte Reihe zu den anderen". Danach war er stolz.
Ich möchte gerne ins Museum, mein Kind hat aber "absolut keinen Bock". Was tun?
Wem das wichtig ist, der sollte mit solchen Ausflügen schon möglichst früh anfangen. Wenn das Kind so etwas noch nie gemacht hat, dann ist die Hemmschwelle groß, dann hat es keinen Bezug dazu. Gut ist das Angebot, einen Freund mitzunehmen. Oder eine Zeitbegrenzung zu haben und dann ein interessantes Ziel in Aussicht zu stellen: "Wir gehen jetzt eine halbe Stunde ins Museum und hinterher noch auf den Spielplatz."
Was hilft gegen Aufräum-Allergie?
Kleinere Kinder brauchen eine konkrete Aufgabe. Einfach zu sagen "Räum mal auf", ist zu unspezifisch. Besser: "Wir räumen jetzt auf, was rot ist" oder "Alle Legos kommen in die große Kiste". Teilaufgaben sind erfolgversprechender. Und bei kleinen Kindern dürfen sich Eltern auch mit ein, zwei Aufgaben zufrieden geben.
Auf der nächsten Seite finden Sie konkrete Tipps und Hilfen zur Motivation von Kindern.
Kinder machen nicht immer das, was wir wollen. Wenn es Zeit für die Hausaufgaben ist, zocken sie erst lieber eine (oder acht) Runden auf der Playstation. Wenn wir einen aufwändigen Gemüseauflauf gekocht haben, stochern sie gelangweilt auf dem Teller rum. Und wenn sie ihre Zähne putzen sollen, kreischen zumindest die Kleinen manchmal so unglaublich laut, als würde man sie plötzlich eigenhändig durch den Fleischwolf drehen.
Ein strenger Gesichtsausdruck, Ermahnungen und flehentliches Betteln helfen meist nicht weiter. Viel besser klappt es mit Humor und ein paar ungewöhnlichen Ideen.
Spazieren gehen
"Ich kann nicht mehr!" hören fast alle Eltern irgendwann auf einem längeren Spaziergang durch den Wald oder Park. Besser als jede Argumentationskette funktioniert die Eltern-Tankstelle. Also etwas sagen wie: "Du bist schon sehr weit gelaufen, prima. Und jetzt bekommst du ganz viele neue Kraft."
Dann in die Knie gehen, Augen schließen, tief ein- und ausatmen und das Kind für einen längeren Moment fest umarmen. Wenn Kinder dann gefragt werden, ob sie schon die Energie spüren, spielen sie in der Regel mit.
Auch gut: Auf der bekannten Strecke, die man immer wieder geht, unterwegs einfach einmal eine Mini-Tüte Gummibärchen in den Baum hängen oder einen Schokoriegel unter einer Bank verstecken. Eine Überraschung, die Wunder wirkt.
Museum
Kinder kriegen Lust auf Kunst und Kultur, wenn man sie dabei nicht überfordert. Anstatt hektisch von einem Objekt zum anderen zu hetzen, pro Raum immer nur ein Bild betrachten, das aber dann intensiv. Oder das Kind das Tempo vorgeben lassen und den Museumsbesuch unter das Motto stellen: Wir bleiben nur da stehen, wo du möchtest. Gesprächsstoff ergibt sich von ganz allein, wenn man ab und zu mit ehrlichem Interesse fragt: "Was findest du an diesem Bild beeindruckend?" Falls es Audio-Führer für Kinder gibt, lohnt sich das oft, viele Kinder finden die Kommentare aus dem Kopfhörer, zumindest für eine Zeit, ziemlich spannend.
Zähneputzen
Für kleine Kinder: Einfach Singen! Die Putz-Prozedur wird erträglicher, wenn sie mit etwas Angenehmen verbunden wird. Kinder mögen es, wenn ihnen etwas vorgesungen wird und erst wenn das Lied zu Ende ist, ist fertig geputzt. Entweder Sie suchen sich ein bekanntes Lied mit vielen Strophen oder Sie dichten jeden Abend neu auf eine bekannte Melodie. Alternative: Erst putzt das Kind der Mutter die Zähne und dann umgekehrt.
Für Ältere Kinder: Das Spiel "Erst du oder erst ich?" Das Kind darf entscheiden, wer anfängt. So wird aus dem lästigen Ritual ein spielerischer Wettbewerb.
Hausaufgaben
Einige Rituale helfen dem Gehirn des Kindes, in den Arbeitsmodus zu schalten. Dazu gehört nicht nur ein fester Platz und eine feste Zeit für die Hausaufgaben, auch kleine Helfer können das Kind wunderbar zum Lernen motivieren: Zum Beispiel ein spezieller, schöner Stift, der nur für die Hausaufgaben verwendet werden darf oder eine bestimmte Tasse, die immer für Mathe-Hausaufgaben herausgeholt wird.
Ebenfalls effektiv: Der Durchstreich-Trick. Alles, was erledigt ist, wird im Aufgabenheft kräftig durchgestrichen - das ist energisch und macht Spaß.
Anziehen
Elternteil und Kind legen eine lange Straße aus ihren jeweiligen Klamotten, einen Anziehsachenparcours also. Dieser verläuft dann einmal längs durchs Kinderzimmer - oder sogar durch die ganze Wohnung. Erst die Unterhose, dahinter die Socken, dann das T-Shirt. Wer als erster seinen Parcours geschafft hat, ist Sieger.
Kleinere Kinder bekommen zwei oder drei "Stationen" Vorsprung.
Gemüse essen
Wer die Möhre selber geschnippelt hat, isst sie auch lieber. Freude bereiten Sie Ihrem Kind auch, wenn sie Rohkost in Form knabbern sollen: Schneiden Sie das Gemüse in dicke Scheiben und dann geht die Fantasiereise los.
Zuerst sieht die runde Gurkenscheibe noch aus wie ein Ball, nach dem ersten Bissen wie ein Halbmond. Wenn genug Zeit ist, mal einen Thementag einlegen. Für ältere Kinder eignen sich Deals: Jedes Gericht wird zumindest probiert und Familienmitglieder dürfen sich einmal pro Woche ein Lieblingsgericht wünschen, dafür ist Schluss mit dem Nörgeln am Tisch. Wer meckert, hat nächste Woche Wunschpause.
