Nachlese zum Rundschau Podium mit Video„Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger“

Ein gespenstisch leeres Bild von der in normale Zeiten pulsierenden Hohe Straße in Köln.
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Köln – „Unser Ziel muss ein R-Wert unter 0,7 sein und eine Sieben-Tage-Inzidenz von 25.“ Klar und deutlich benannte der Epidemiologe und Bundestagsabgeordnete Professor Dr. Karl Lauterbach (SPD) was seiner Meinung nach nötig ist, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. „Bei diesen Werten geht die alte Virus-Variante zurück und die neuen stagnieren“, führte Lauterbach aus.
Am Donnerstagabend diskutierte der Gesundheitsexperte beim „Rundschau-Podium“ mit dem Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen, Dr. Peter Achten, und Basti Campmann, Sänger der Kölner Band „Kasalla“. Thema der Veranstaltungsreihe: die Auswirkungen des Lockdowns auf Handel, Veranstaltungsgewerbe und Künstler. Klar wurde: Die Beschränkungen, die mit Unterbrechung seit bald einem Jahr bestehen, haben massive Auswirkungen.
Händler in der Innenstadt besonders betroffen
Vor allem Händler in den Innenstädten leiden enorm. Während der Lebensmittelhandel in der Pandemie Zuwächse verzeichnet und einige Branchen durch Online-Handel gegensteuern können, seien die Innenstadthändler auf „Spontankäufe“ ausgerichtet. Die fallen nun seit langem weg. Bei Kleidung, Schuhen, Lederwaren und Spielzeug seien im Jahr 2020 Umsatzrückgänge von etwa 25 Prozent zu verzeichnen, sagte Achten. „Die Umsätze im November und Dezember sind gerade für Innenstadt-Händler wichtig. Dezember ist der Monat, der vielen zum Jahresergebnis verhilft“, verdeutlichte er.
Das Podium
Experten diskutieren bei der Veranstaltungsreihe „Rundschau-Podium“ über aktuelle Fragestellungen. Die Veranstaltungsreihe, die Nathalie Bergdoll moderiert, wird von der Kreissparkasse Köln und der Sparkasse KölnBonn unterstützt.
Momentan seien die Lager voll, Rechnungen würden sich stapeln. „Es fehlt den Händlern die Liquidität, um die Rechnungen zu bezahlen“, mahnte Achten. „Im Augenblick ist bei vielen die Stimmung auf dem Nullpunkt.“ Zwar würden die Unterstützungsmittel reichen, es sei aber wichtig, dass die Förderbedingungen an die realen Ansprüche angepasst werden. „Wir müssen Existenzen retten“, sagte Achten und forderte schnelle Abschlagszahlungen. In NRW stünde die Zukunft von rund 15 000 Einzelhandelsbetrieben mit rund 200 000 Beschäftigten auf der Kippe.
Viele Geschäfte werden sterben
Unbestritten ist schon jetzt, dass die Innenstädte nach der Pandemie ein anderes Bild bieten werden. Viele Geschäfte dürften nicht überleben. „Wir müssen uns auch über andere Nutzungen Gedanken machen, beispielsweise darüber, ob Gewerbetreibende in die Innenstädte zurückgeholt werden“, findet Achten. Bei einem „Innenstadtgipfel“ mit dem NRW-Bauministerium sollen am kommenden Dienstag Chancen und Konzepte ausgelotet werden. „Die Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger gewirkt bei Problemen, die es schon vorher gab“, stellte Achten mit Blick auf den Innenstadt-Handel fest.
Schlechte Stimmung in der Kulturszene
Aus eher heiterem Himmel, dafür allerdings um so vernichtender, haben die Pandemie-Beschränkungen Künstler und Veranstaltungsgewerbe getroffen. „Wir waren die ersten, die nicht arbeiten konnten und wir werden die letzten sein, die wieder richtig arbeiten können“, brachte es Campmann auf den Punkt. Dementsprechend schlecht sei die Stimmung in der Branche. Kollegen seien inzwischen auf Harz-IV-Leistungen angewiesen. Der Wegfall der Karnevalsauftritte ist für kölsche Bands wie Kasalla ein herber Verlust. „50 Prozent unseres Jahresumsatzes machen wir in der Karnevalszeit“, erläuterte Campmann. Zudem ist aus seiner Sicht die Perspektive für Künstler alles andere als rosig. „Ich glaube, es wird lange dauern, bis die Leute sich trauen, wieder rauszugehen“, befürchtet er.
Trotz aller Einschränkungen stehen Campmann und Achten dafür ein, solidarisch gegen die Ausbreitung von Covid-19 zu kämpfen. Das scheint auch angezeigt. „Es ist noch einmal ein gemeinsamer Kraftakt nötig“, beschwört Gesundheitsexperte Lauterbach vor allem mit Blick auf die neuen Varianten des Virus, die weitaus ansteckender sind als die bisher bekannte.
