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Neu im Kino: „Asche ist reines Weiß“Land der Atemlosigkeit im modernen China

4 min
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Schießen lernen: Die beiden Liebenden vor Naturkulisse

Die chinesische Provinz Shanxi ist eine jener tieftraurigen Regionen, wie es sie überall auf der Welt gibt. Die Maschinen, Fabriken, Loren und Lokomotiven, die man früher benötigte, um Kohle zu fördern und weiterzuverarbeiten – sie sind zu nutzlosem, rostigem Zeug geworden, ein großer, aber angesichts vergangener Größe auch erhabener Haufen Schrott namens Schwerindustrie, den niemand wegräumt, weil auch dazu das Geld fehlt. Wie eine Totenklage auf die eigene Arbeit hallen zu Beginn von Jia Zhangkes Film „Asche ist reines Weiß“ die Worte eines ehemaligen Bergarbeiters über die Brache, der doch nichts für Globalisierung, Kapitalismus und Digitalisierung kann. All das hat auch das vorgeblich kommunistische China erreicht.

Als hätte er mit der ganzen Misere nichts zu tun, führt Bin das Leben eines Fürsten. Er ist ein Mann, vor dem man sich fürchten muss, eine Provinzgröße der chinesischen Mafia, der Triaden, aber auch die ist in Jias Film zu einem Verein von alkoholisierten Spielern verkommen. „Asche ist reines Weiß“ setzt ein zu einer Zeit, als sich China noch nicht zum Musterknaben einer staatlich gelenkten 2.0.-Wirtschaft durchoptimiert hatte. Das Land ist noch nicht ein einziges Start-up-Unternehmen, sondern eine planwirtschaftliche Ruine, die Jia Zhangke in betörend melancholischen Bildern einfängt. Es ist der raue Glanz des Verfalls, der seinen Film zunächst bestimmt, und wie das Gras über den Gleisen der Grubenbahn wuchert hier die Anarchie von einem wie Bin. Einer, der machen kann, was er will.

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Die Hauptdarstellerin Zhao Tao

Gangsterfilm mit Tiefgang

„Asche ist reines Weiß“ ist ein Gangsterfilm, der über dem mafiösen Treiben seines Protagonisten nie die sozialen Verwerfungen, die gesellschaftlichen Umbrüche seines Umfelds aus den Augen lässt. Es ist die genaue Studie eines Landes, das seine Revolutionen noch längst nicht alle hinter sich hat – im Gegenteil: diejenige, die China zur Weltmacht emporspülen wird, steht noch bevor.

Vor allem aber ist dies ein Film, dessen wahrer Held eine Heldin ist, denn auch Bin wird in die Kraftströme der Geschichte geraten, aber seine Verlobte Qiao ist eine Liebende, die an ewige Werte glaubt: Als er von einer gegnerischen Bande krankenhausreif geprügelt wird, feuert sie eine Pistole ab, wandert für fünf Jahre ins Gefängnis und vertraut nach ihrer Freilassung darauf, dass Bin sie immer noch liebt. Doch inzwischen ist der Kapitalismus übers Land gekommen, Bin residiert in einer todschicken Bürohausetage und ist dennoch zu einem armen Würstchen geworden.

Alles ist in Bewegung

Die von Zhao Tao gespielte Qiao ist eine fragile Person, aber sie hält den Film mit ungeheurer Kraft und Zähigkeit zusammen. Sie reist durch die Höhen und Tiefen ihrer eigenen Geschichte wie durch die politischen Umdeutungen ihres Landes. Vor allem aber reist sie auch durch dessen Landschaften: Auf dem Weg zu Bin besteigt sie einen Dampfer, der sie den Jangtse entlang transportiert, auch durch die drei Schluchten, die der neue Staudamm noch nicht unter Fluten begraben hat. Jia besichtigt gewissermaßen ein Land, das bald untergehen wird, bevor es neue Archipele aus dem Wasser spuckt. Die Asche dieses vulkanisch gewalthaften Vorgangs ist reines Weiß.

Hier ist alles in Bewegung, wie die Hauptfigur selbst, die auf ihrer Odyssee bestohlen wird, sich das Raubgut zurückerobert und von der ehemaligen Gangsterbraut zu einer Entdeckerin in einer Welt verwandelt hat, die sie verstehen will, nachdem ihr über fünf Jahre hinweg Gefängnismauern die Sicht versperrten: Wir sehen durch ihre Augen, wodurch es Jia Zhangke gelingt, dass wir uns diese fremde Welt allmählich genauso aneignen, wie Qiao es tut.

Das ist die große Qualität dieses Films, der das Vertraute wie das Gangstergenre oder die Liebesgeschichte nutzt, um gleichzeitig ins unvermessene Gelände vorzustoßen. Er nimmt uns an der Hand und lässt uns zugleich los, auch durch das, was er nicht erzählt: Die Jahre der Haft vergehen im Flug, Bins Aufstieg zum Geschäftsmann wird als Tatsache verbucht, aber mit keiner Szene gezeigt. Die Dinge scheinen so rasant ihren Lauf zu nehmen, dass die Kamera gar nicht hinterherkommt, die Details festzuhalten. Kaum dreht man sich um, hat sich alles schon wieder verändert.

Es ist mehr als ein Kulturwandel, den der Regisseur im Land der einstigen Kulturrevolution beschreibt, und dass er die Muster des Thrillers bedient, bedeutet mehr als Spannungsdramaturgie: China ist im Zustand der Atemlosigkeit, und der Jangtse und der Drei-Schluchten-Staudamm sind die Metaphern dafür, dass die Staatsmacht buchstäblich vor nichts haltmacht. „Asche ist reines Weiß“ ist eine große Erzählung über die jüngere Geschichte Chinas, und dass es Jia Zhangke versteht, sie auf geradezu unberechenbare Weise zwischen Triaden-Epos, Reisebericht und Tagebuch einer unglücklichen Liebe hin- und herschwingen zu lassen, macht sie nur umso wahrhaftiger.

Asche ist reines Weiß

China 2018, 136 Minuten, R Jia Zhangke, D Zhao Tao, Liao Fan, Feng Xiaogang

Große Erzählung über das moderne China, die auf Thriller-Spannung ebenso wenig verzichtet wie auf den Schmerz einer gescheiterten Liebe.