Neu im Kino„Willkommen in Marwell“ baut eine Gegenwelt aus Actionfiguren

Eiza Gonzalez, Gwendoline Christie, Janelle Monáe, Leslie Zemeckis, und Merritt Wever in einer Szene des Films "Willkommen in Marwen"
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Das besetzte Belgien im Zweiten Weltkrieg: Die Maschine des amerikanischen Fliegerpiloten Captain Hogie wird abgeschossen, er muss mit brennenden Flügeln auf einer sattgrünen Wiese notlanden. Er überlebt unbeschadet, nur seine Soldatenstiefeln sind unbrauchbar, weil die Sohlen weggeschmort sind. Gott sei Dank, findet der gut aussehende, durchtrainierte Hogie zufällig ein herumliegendes Paar hochhackiger Damenpumps, mit denen er sich kurzerhand den Weg durch den dichten Wald bahnt. Nur wenige Minuten später trifft er auf eine Gruppe aggressiver Nazis, die ihn mit leicht mechanischen Bewegungen zu Boden prügeln. Hogie fürchtet um sein Leben. Da retten ihn sechs wunderschöne Superheldinnen und mähen die Deutschen mit ihren Maschinenpistolen nieder.
Flucht in eine fiktive Welt
Klingt erfunden? Ist es auch. Und zwar von Mark Hogencamp (Steve Carell), um den es in Robert Zemeckis neuem Drama „Willkommen in Marwen“ geht. Der einst erfolgreiche Künstler flüchtet sich Tag für Tag in eine fiktive Welt hinter seinem Haus, in der er seine Actionfiguren jede Menge Abenteuer erleben lässt. In liebevoller Kleinarbeit hat er dort als Kunstinstallation das Miniatur-Dorf Marwen im besetzten Belgien gebaut, in dem Captain Hogie mit seinen Frauen dem deutschen Feind mit Pistolen, Maschinengewehren und Hinterhalten zu Leibe rückt. „Ich habe eine Welt erschaffen, in der ich genesen kann“, wie er seine Eigentherapie staunenden Besuchern erklärt.
Hogencamp, mit einer Zigarette im Mund am Boden kauernd, setzt die Puppen in Szene und fotografiert sie so, dass sie lebendig wirken. Sein eigenes Leben hingegen bereitet ihm nicht annähernd so viel Freude. Seit Hogencamp vor einigen Jahren betrunken nach einem Barbesuch von einer Schlägertruppe verprügelt wurde, leitet er unter Angstzuständen und Panikattacken. Seinen Beruf als Illustrator musste er aufgeben, stattdessen arbeitet er als Aushilfe in einer Restaurantküche und ist tablettensüchtig.
Wahre Geschichte verfilmt
Oscar-Preisträger Zemeckis („Forrest Gump“, „Cast Away – Verschollen“, „Flight“) verfilmt in seinem Drama die wahre Geschichte des New Yorker Künstlers Mark Hogencamp, der die Miniaturstadt Marwencol erfand und dessen Bilder in Kunstgalerien ausgestellt wurden. Die preisgekrönte Dokumentation „Marwencol“ von Jeff Malmberg hat die Geschichte bereits 2010 aufgegriffen.
In der Geschichte vermischen sich Hogie und Hogencamps Welten laufend, denn die Plastikfiguren haben durchweg reale Vorbilder. Hogie ist Hogencamps Idealvorstellung von einem selbstbewussten, charmanten Frauenhelden, eine bessere Version seiner selbst. Die perfekt geformten Damen beschützen ihn. Von Zeit zu Zeit klopft allerdings das echte Leben an Hogencamps Tür. Gegenüber zieht die sympathische Nachbarin Nicol (Leslie Mann) ein, die sich für sein faszinierendes Hobby erwärmen kann. Sofort zieht Hogencamp los, kauft eine rothaarige neue Puppe und überlässt ihr die neue Hauptrolle in Marwen. Außerdem steht der Gerichtsprozess bevor, in dem Hogencamp seinen einstigen Peinigern gegenüber treten muss. Diese Stresssituation übersteht der Fotograf nur, weil seine Figuren ihn im Miniatur-Geländewagen begleiten. Der Wechsel zwischen den beiden Erzählebenen funktioniert gut, weil die fiktiven Bewohner von Marwen einerseits mit lebendiger Mimik und Gestik – Zemeckis arbeitet hier mit den echten Schauspielern – überzeugen, wegen ihrer Überzeichnung aber trotzdem unwirklich und von ihren Vorbildern unterscheidbar bleiben. In manchen Ausschnitten sind sie ganz starr: Es bricht auch einmal ein Arm ab, der eilig wieder an Ort und Stelle geschraubt wird.

Steve Carell als Maler Mark Hogenkamp in einer Szene des Films "Willkommen in Marwen"
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Weniger gelungen sind die realen Frauen aus Hogencamps echtem Leben. Sie bleiben über die gesamte Länge des Filmes eindimensional, ohne Nachnamen und Eigenschaften, obwohl sie entscheidende Rollen bei seiner Genesung spielen. Sowohl die herzliche Nicol, die Hogencamp wieder in die echte Welt lockt, als auch seine Freundin Roberta (Merritt Wever) haben im Film nur eine Funktion: den verschreckten Hogencamp in fürsorglich-weiblicher Manier zu umsorgen. Sie sind ständig furchtbar nett zu dem schrulligen Außenseiter und ausschließlich um sein Wohl bemüht. Das geht bis zu einem völlig unvermittelten, beinahe übergriffigen Heiratsantrag, den Hogencamp Nicol auf ihrem Sofa macht. Und statt den Nachbarn brüsk zurückzuweisen, entschuldigt sich die Angebetete wortreich: Die Einladung zum Tee hätte er wohl offenbar falsch verstanden.
Die weiblichen Charaktere sind vermutlich so flach geraten, um Hogencamps Krise und innerem Ringen den größtmöglichen Raum im Film zu geben. Die maximale Konzentration auf die gebrochene Hauptfigur führt leider auch dazu, dass die Auflösung der Handlung am Ende etwas wirr gerät. Wer sich daran nicht stört, wird von den faszinierenden Ebenenwechseln zwischen der liebevoll erschaffenen Fantasiewelt und dem Leben ihres verzweifelten Schöpfers idealerweise berührt, aber mindestens gut unterhalten sein.
Von Zeit zu Zeit klopft das echte Leben beim traumatisierten Helden an
Willkommen in Marwen
USA 2018, 116 Minuten,
R Robert Zemeckis,
D Steve Carell, Leslie Mann
Bewegende Geschichte einer Weltflucht, die durch ein arg treuherziges Frauenbild leider viel von seiner Wirkung verliert.
