Orientierung für Schulabgänger„Entscheidungen gründlich vorbereiten“

Großer Andrang, große Verwirrung: Viele Abiturienten wissen oft gar nicht, wie ihr weitere Weg aussehen soll.
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Köln – Ratlos nach dem Abitur: Nur jeder dritte Schulabgänger hat eine konkrete Vorstellung, was nun folgen könnte. Über die Schwierigkeiten und mögliche Lösungen sprach Alexandra Ringendahl mit Studienberater Peter Piolot.
Herr Piolot, wie erleben Sie die Abiturienten, die vor Ihnen sitzen im Vergleich zu der Zeit vor 20 Jahren?
Man kann da schon deutliche Veränderungen feststellen, da sich die Studienwelt komplett geändert hat. In den 80er Jahren hatten Abiturienten eine überschaubare Auswahl. Da gab es ein paar Hilfen von den Eltern, vielleicht von Onkel Fritz oder eine kurze Studienberatung. Dann haben sie ihre Wahl getroffen und waren damit für viele Jahre glücklich.
Und heute?
Heute ist das ungleich komplizierter. Sie haben vielfältige Optionen und eine riesige Auswahl. Der Abiturient muss eine Wahl treffen, die er sehr viel gründlicher vorbereiten muss als früher. Er muss viel mehr Ressourcen investieren, um das Passende zu finden und dann ein glücklicher Student zu werden.
Was bedeutet heute in Ihren Augen gründliche Vorbereitung?
Gründlichkeit erfordert, eben nicht, irgendwo irgendwen zu fragen. Oder womöglich in den Foren der sozialen Medien nach Antworten zu suchen. Auch das tun einige. Da muss man methodisch vorgehen. Die erste goldene Regel heißt, Informationen nur aus erster Hand. Das heißt: Bei der reinen Information suche ich erstmal auf der Hochschulseite. Auch der Hochschulkompass ist als Informationsgrundlage wichtig. Auf dieser Grundlage geht man dann mit den Orientierungsfragen zu Beratungsstellen. Entweder der Beratungsstelle der Hochschule, der Berufsberatung oder einer privaten Beratung.
Nach welchen Kriterien suche ich einen Berater aus?
Ich würde mir angucken, was die Berater anbieten und was sie vorher gemacht haben, um sich zu qualifizieren. Natürlich muss man auch den Preis beachten. So eine Beratung muss nicht horrend teuer sein. Wenn ein ganzer Apparat und eine ganze Firma dahinter stehen, ist das aber schnell der Fall.
Aber wie will sich denn ein professioneller Berater, den ich engagiere, in den 19 000 Studiengängen auskennen?
Das muss er nicht. In einer solchen Beratung geht man schrittweise vor. Erst mal muss man schauen, dass die Richtung stimmt. Da geht es um den Faktor Interessen und Neigungen. Wenn dann beispielsweise klar ist, dass es in Richtung Wirtschaftswissenschaften deutet, ist gar nicht so entscheidend, ob es beispielsweise die Spezifizierung x oder y ist. Da muss man nicht zu allen Studiengängen jedes Detail recherchieren. Wenn man erst einmal begonnen hat, stellt sich die Spezifizierung oft im Studium heraus und kann meistens ohne Zeitverlust korrigiert werden. Dass ich im Laufe des Studiums noch Korrekturen vornehme, ist heute normal. Alles ist flexibel, nichts für die Ewigkeit. Ich muss spätestens nach drei Jahren ohnehin alles neu justieren. Wichtig ist nur, dass ich nicht in die völlig falsche Richtung laufe.
Wie gehen Sie bei so einer Beratung vor?
Erst einmal geht es natürlich um die Ermittlung von fachlichen Interessen, also um die Frage, wofür brenne ich. Dann ist aber auch wichtig herauszufinden, was für ein Typ jemand ist. Ist er einer, der Sicherheit sucht oder eher Flexibilität und Risiko? Ist jemand eher der Typ Lehrer oder ein Unternehmer? Also um Zukunftsvorstellungen und Persönlichkeitstypus. Nach der Auswertung des Gesprächs und des Tests bekommt der Abiturient in der Regel zwei bis vier konkrete Studiengänge vorgeschlagen, die wir dann nachbesprechen.
Sind die Abiturienten unreifer als früher?
Das kann man nicht pauschal so sagen. Die Skala ist größer geworden. Es gibt diejenigen, die zum Gespräch Vater und Mutter mitbringen und diejenigen, die mit 18 Jahren eine sehr klare Vorstellung davon haben, was sie wollen und was sie können.
Welche Rolle spielen Schulen bei der Berufsfindung? Müsste hier mehr getan werden?
Ich finde, die Schulen tun sehr viel. Sie bieten immer mehr Kooperationen und Informationsveranstaltungen an und geben auch Hinweise, wo die Schüler Informationen zur Studienorientierung finden. Die Schulen leisten, was sie können. Es reicht aber nicht, Vorträge, Messen und Großveranstaltungen anzubieten. Je mehr Informationen ein Abiturient sammelt, desto mehr steigt der Bedarf nach individueller Beratung. Man muss die Eindrücke sinnvoll ordnen und in Beziehung setzen.
Wie hat sich die Rolle der Eltern verändert? Können die angesichts des schnellen Wandels und des unüberschaubaren Angebots überhaupt noch helfen?
Eltern können inhaltlich eigentlich nicht mehr helfen. Trotzdem sind sie wichtig: Was sie tun können ist, sich zu interessieren und zu beobachten: Was macht mein Kind, wie geht es vor, wo beschafft es sich Informationen? Sie können eine sehr positive Rolle spielen, wenn sie im Gespräch bleiben und strukturierend unterstützen, eher wie ein guter Coach. Es gibt aber auch Eltern, die in der Beratung dann selbst das Wort führen und ihre Kinder gar nicht zu Wort kommen lassen...
Oft schlagen ja auch zwei Seelen in der Brust: Die Stimme der Vernunft sagt BWL oder Jura und das Herz vielleicht Alte Geschichte...
Dann ist wichtig, in der Beratung herauszufinden, wie groß die Leidenschaft und das besondere Interesse wirklich sind. Das hat Folgen für die Entscheidung. Wenn es wirklich ein fundiertes Interesse ist, wird man als Geisteswissenschaftler mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Weg machen und nicht am Ende Taxi fahren. Häufiger ist allerdings der Fall, dass der Ratsuchende für nichts Bestimmtes brennt. Und wenn mir jemand sagt, ich möchte eigentlich Jura studieren, aber man hat mir gesagt, wir haben in einigen Jahren eine Juristenschwemme. Dann sage ich: Wer Jura studieren will und mit gutem Erfolg sein Examen macht, der hat keine Probleme bei der Jobsuche. Die beste Sicherheit ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weil keine Statistik etwas über den Einzelfall sagt.
Wie sehen Sie die hohe Zahl der Studienabbrecher?
Ein Fachwechsel ist an sich kein Problem. Wenn sich jemand verwählt hat, weil er sich sein Studium anders vorgestellt hat, dann läuft das auf unter dem Konto Erfahrungen sammeln. Schlimmer ist es, wenn sich jemand jahrelang durchquält und diese Entscheidung immer weiter aufschiebt. Das gibt es vor allem bei Juristen: Dann kommt die Hürde Staatsexamen und sie werfen hin. Das ist ein zu später Zeitpunkt. Ein Fachwechsel ist erst dann problematisch, wenn man zu lange wartet.
Manche wechseln aber gleich dreimal das Studium. Da verzweifeln der junge Mensch und seine Eltern.
Sie meinen das sogenannte Studienganghopping. Das ist in der Tat problematisch. Wenn man mehrere Wechsel vornimmt, liegt es aber höchstwahrscheinlich nicht an der Wahl des Studiums, sondern das Problem liegt tiefer in der Persönlichkeitsstruktur. Weil der junge Mensch etwa perfektionistisch ist oder eine schlechte Note Stress macht. Oder weil es an Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz hapert. Solche Kandidaten sind dann oft gut beraten, eine Ausbildung in Erwägung zu ziehen.
Mittlerweile nimmt sich ein hoher Prozentsatz der Abiturienten ein Jahr Auszeit. Wie wirkt sich das auf die Entscheidungsfindung aus?
Ein solches Orientierungsjahr kann sehr hilfreich sein. Und zwar ganz unabhängig davon, ob ich in dem Jahr etwas in einer Richtung ausprobiere, die ich mir beruflich vorstellen kann. Oft komme ich wieder und weiß, was ich will. Einfach durch die Distanz zu Eltern, Schule und diesem ganzen gesellschaftlich beschleunigten System. Das „Auf sich selbst zurückgeworfen sein“ kann eine Menge auslösen. Wer aber schon sehr genau weiß, was er will, dem würde ich das nicht aufdrängen.
