Herr Weißflog, Sie haben gerade eine Studie zur Patientenzufriedenheit durchgeführt. Ein Ergebnis ist, dass sich Patientinnen und Patienten bei Ärztinnen wohler fühlen. Kann man also sagen, dass Frauen die besseren Ärzte sind ?
Nein, das kann man so nicht sagen (lacht). Wir haben uns in der Studie vor allem die Kommunikation angeschaut, als einen Aspekt von Patientenzufriedenheit. Herausgefunden haben wir dabei, dass tatsächlich in den Arzt-Patienten-Konstellationen, wo mindestens eine Frau dabei war, die Zufriedenheit höher war. Aber daraus kann man natürlich nicht ableiten, dass Frauen die besseren Ärzte sind.
Aber irgendetwas haben die Ärztinnen doch besser gemacht als ihre männlichen Kollegen?
Sie sind tatsächlich in einem Bereich der Kommunikation besser. Sie fragen Patienten häufiger auch nach ihrer gesamten Lebenssituation und verschieben den Fokus weg von nur einem Gespräch über die Therapie, die gerade gemacht wurde oder noch anstehende Untersuchungen. Ärztinnen fragen auch häufiger nach, wie es in der Familie des Patienten oder Patientin läuft oder auch wie der Beruf mit der Erkrankung zu vereinbaren ist. Dadurch fühlen sich Patienten eher als Person wahrgenommen. In der Kommunikation zwischen männlichem Arzt und männlichem Patient scheint es hingegen eher das oberste Ziel, ein gleichberechtigtes, sachliches Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Allerdings muss man dazu sagen, dass wir eine besondere Patientengruppe befragt haben, nämlich Krebspatienten, die sich nach OP und/oder Chemotherapie in der Nachsorge befanden.
Was macht diese Gruppe so besonders?
Eine Krebserkrankung ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, die oft eine umfangreiche Behandlung erfordert und immer wieder auftreten kann. Deshalb wird auch das Leben der Betroffenen viel umfassender beeinflusst. Das ist etwas ganz anderes als wenn man eine Knie-OP vor sich hat. Da ist in der Regel nach dem Eingriff und einer Anschluss-Heilbehandlung alles wieder gut. Krebs aber ist eine chronische Erkrankung. Es bleibt immer eine gewisse Bedrohlichkeit.
Was haben Sie die Krebspatienten denn konkret gefragt?
Wir haben insgesamt etwa 1200 Männer und Frauen in der Krebsnachsorge zu verschiedenen Teilbereichen der Zufriedenheit mit der Behandlung befragt. Konkret wollten wir wissen: Wie zufrieden waren Sie insgesamt mit dem Praxisbesuch bei dem nachbehandelndem Arzt, wie zufrieden mit der vertrauensvollen Kommunikation? Wurde Ihre Lebenssituation berücksichtigt und würden Sie Ihren Arzt/ Ihre Ärztin weiterempfehlen?
Und was ist genau herausgekommen?
Nur in zwei der vier abgefragten Bereiche konnten wir überhaupt relevante Unterschiede aufgrund der Geschlechterverteilung innerhalb des Arzt-Patienten-Verhältnisses feststellen. Was die Gesamtzufriedenheit mit der Behandlung anbetrifft war auffallend, dass es in der Konstellation männlicher Patient/männlicher Arzt mit 87 Prozent den geringsten Zufriedenheitswert gab. In allen anderen Zweier-Konstellationen (Ärztin-Patientin/ Arzt-Patientin/ Ärztin-Patient) lag der Wert bei rund 93 Prozent. Generell aber sollte man festhalten, dass die Patienten insgesamt mit ihrer Nachsorge sehr zufrieden waren und sich die Unterschiede auf einem allgemein sehr hohen Niveau zeigten. Deutlichere Unterschiede gab es bei der Frage, ob die Lebenssituation in geeigneter Weise berücksichtigt wurde. In der Konstellation Arzt/Patient haben das nur 64 Prozent bejaht. In der Konstellation Patientin/Arzt waren es schon 69 Prozent, hatten wir eine Ärztin und einen männlichen Patienten lag der Wert schon bei 71 Prozent. Waren sowohl Arzt als auch Patient weiblich, stieg die Zufriedenheit auf 80 Prozent. Das ist schon ein bedeutsamer Unterschied.
Aber unabhängig von Arzt oder Ärztin - wichtig scheint allen Patienten, dass sich Ärzte überhaupt Zeit für solche Gespräche nehmen. Aber die wenigsten Ärzte, gerade im Klinikalltag , haben Zeit...
Ich weiß, dass die mangelnde Zeit und die Anzahl der zu behandelnden Patienten oft das Argument ist, wenn Ärzte sagen, dass sie sich nicht auch noch den persönlichen Belangen ihrer Patienten widmen können. Dem stimme ich nur begrenzt zu. Man kann auch in kurzen Gesprächen die persönliche Situation eines Patienten mit berücksichtigen. Man muss nicht gleich ein halbstündiges Gespräch führen. Manchmal sind es nur kurze Nachfragen, die dem Patienten das Gefühl vermitteln, dass er wertgeschätzt wird.
Warum ist das so wichtig?
Ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis und eine hohe Patientenzufriedenheit sind nachweislich wichtige Komponenten für den Therapieerfolg. Wir wissen, dass ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis die Compliance, also die Therapietreue des Patienten deutlich verbessert. Das heißt: Wer sich in einer Praxis gut aufgehoben und von seinem Arzt ernst genommen fühlt, ist eher bereit, sich an die therapeutischen Vorgaben seines Arztes zu halten, sei es nun die Empfehlung regelmäßig zur Nachsorge zu gehen oder eine Abschlussheilbehandlung zu machen.
Was können Patienten denn selber tun für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis?
Das Problem ist, dass wir oft mit eigenen Stereotypen und Vorurteilen in ein Arzt-Gespräch gehen und uns dementsprechend auch verhalten. Die Erwartung etwa, dass der Arzt vielleicht gar keine Zeit hat, führt dazu, dass ich bestimmte persönliche Dinge erst gar nicht anspreche. Ich empfehle immer, dass sich ein Patient etwa auf einen Nachsorgetermin auch innerlich vorbereiten soll. Damit meine ich, dass man sich Gedanken machen soll, welche Fragen man loswerden möchte. Diese sollte man auf einem Zettel notieren, damit sie nicht im Eifer des Gesprächs untergehen.
Aber eine aufwendige Recherche im Internet sollte ich nicht betreiben?
Das kann man ruhig machen, aber man muss schon wissen, wie man dieses "Wissen" anbringt. Wenn man vorsichtig anmerkt, dass man etwas gelesen hat und die Einschätzung des Arztes gerne dazu hätte, ist das okay. Problematisch ist es, wenn ein Patient sich gleich in die Rolle des ärztlichen Experten begibt. Das kommt bei vielen Ärzten nicht gut an.
Und was empfehlen Sie Ärzten, damit das Verhältnis zu ihren Patienten vertrauensvoll ist?
Auch wenn es sicherlich in vielen Bereichen noch Nachbesserungsbedarf gibt, ist es eher positiv, dass es inzwischen an den Hochschulen schon Gesprächsführungskurse für Medizinstudenten gibt, in denen sie mit wichtigen Aspekten der Arzt-Patienten-Kommunikation vertraut gemacht werden. Darüber hinaus gibt es auch für fertig ausgebildete Ärzte von Fachgesellschaften zertifizierte Kommunikationstrainings, z.B. auch speziell für den Umgang mit Krebspatienten.
Das heißt, dass wir erwarten dürfen, dass Ärzte künftig besser in der Kommunikation und dem Umgang mit ihren Patienten geschult sind. Aber sind sie dann auch automatisch empathischer?
Über die Art der Kommunikation kann man Patienten durchaus signalisieren: "Ich bin an dir als Person interessiert." Das kann über bestimmte Fragen sein, über die Art und Weise des Zuhörens oder auch die Art, wie man Informationen aufgreift. Das kann man lernen. Und noch mal: dafür braucht es auch nicht ein halbstündiges Gespräch.
Letzte Frage: Muss ich Sorge haben, wenn mein Mann von einem Arzt behandelt wird?
Ein klares Nein. Auch wenn unsere Studie Unterschiede zwischen Ärzten und Ärztinnen gezeigt hat. Die Patientenzufriedenheit ist insgesamt sehr hoch - sowohl mit Ärzten als auch Ärztinnen.
