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PhilosophieWir können den Mond tatsächlich denken

6 min

Im Universum des Neuen Realismus sind nicht nur Einzeldinge real, sondern auch Gedanken und Beziehungen .

Lieber gegen Windmühlen kämpfen, aber dafür ein Ritter sein. Das war die Maxime von Don Quijote, dem traurigen Ritter in Miguel Cervantes' Roman. Von ihm stammen auch Sätze wie: "Im Wahn bin ich, und im Wahn will ich bleiben." Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen, die er für gegnerische Ritter hielt, ist einer der schönsten literarischen Belege dafür, dass Subjektivität die Objektivität verfehlen kann. Denn die innere Landschaft von Cervantes' Romanfigur hat mit der äußeren Realität nicht viel gemein. Damit trifft der spanische Autor einen bis heute wunden Punkt des philosophischen Denkens.

Was ist innen, was ist außen? Gibt es eine Realität? Und gibt es daneben auch einen Geist? Existieren unsere Gedanken genauso wie der Stein, der auf dem Weg liegt? Gibt es also eine wirkliches "Ding", das denkt - die res cogitans, wie der französische Philosoph René Descartes es ausdrückte? Vielen Denkern kamen im Laufe der Philosophie-Geschichte erhebliche Zweifel daran. Für den irischen Bischof und Philosophen George Berkeley (1685-1753) etwa gab es nur das Reich der Empfindungen. Und auch der Schotte David Hume (1711-1776) fand, dass der Mensch nur über Wahrnehmungen und Assoziationen verfüge. Einen Beweis, dass es eine Außenwelt gebe, hielt er für undurchführbar. Der deutsche Meisterdenker Immanuel Kant (1724-1804) erkannte darin einen Skandal der Vernunft und versuchte diesen Mangel in einigen scharfsinnigen Beweisen zu beseitigen. Umsonst. Die Schar der Denker wurde nicht überzeugt.

Wie es ist, eine Fledermaus zu sein?

Thomas Nagel: "Geist und Kosmos", Suhrkamp, 187 S., 25 Euro

Markus Gabriel: "Warum es die Welt nicht gibt", Ullstein, 272 S., 18 Euro

Bis heute herrscht die Annahme vor, dass es zwar so etwas wie Materie gebe, etwas, das sich im Raum und unabhängig von uns erstreckt. Aber die subjektiven Zustände des Menschen, wenn er Wärme am Ofen fühlt, einen schönen Sonnenaufgang betrachtet oder sich im Blau des Meeres verliert, hätten nichts mit Objektivität zu tun. "Welche Realität?", kräht in der Mitte von Lutz Dammbecks Film "Das Netz" ein Greis, Heinz von Foerster, einer der Mitbegründer der Kybernetik. Die Philosophen stutzen regelmäßig, wenn sie für eine erkennbare Realität einen Beweis liefern sollen.

Doch seit einigen Jahren haben einige Philosophen einen Wechsel ihrer Denkart vollzogen. Sie nennen es Neuen Realismus. Einer ihrer Vorreiter ist der US-Philosoph Thomas Nagel. Dieser hatte sich schon einmal in einem Aufsatz Gedanken darüber gemacht, wie Gehirn und Geist mit der materiellen Welt in Einklang zu bringen sind. Hierfür fragte er sich in einem Aufsatz, wie es wohl ist, eine Fledermaus zu sein. Ergebnis: Wir wissen es nicht und können es niemals wissen.

Wir sind immer an unseren Standpunkt gebunden, so Nagel. Dennoch demonstrierte er nun eine Theorie, die zeigt, dass unser Denken die Fähigkeit besitzt, "die Subjektivität zu übersteigen und zu entdecken, was objektiv der Fall ist". Für Nagel und die Vertreter des Neuen Realismus gilt eine alte Weisheit von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831): Wenn wir den Geist erklären wollen, müssen wir voraussetzen, dass die Wirklichkeit verständlich ist. Die "Außenwelt" ist damit nicht einfach ein Chaos umherschwirrender Elementarteilchen. Diese Welt weist viel mehr Nähe zu uns auf, als wir bislang angenommen haben.

Nagel sucht in seinem Buch "Geist und Kosmos" eine Erklärung, die von der Rationalität des Universums ausgeht. Alle Erscheinungen begleitet von Anfang an die Möglichkeit zu denken. Es geht hierbei nicht um das "intelligent design", das ein Gott der Welt mit auf den Weg gegeben hätte. Nagel geht es nur um den biologischen Ausgangszustand. Auch wenn der US-Philosoph Daniel Dennett und der britische Biologe Richard Dawkins ihn hierfür mit Spott überzogen, eine bessere Antwort auf die Frage, warum es Geist und Materie in der Welt gibt, haben auch sie nicht.

Schützenhilfe erhält Nagel vom britischen Philosophen Ian Hamilton Grant. "Schleim und Sein" heißt sein Essay, in dem es um Denken und Bewusstsein geht. Die Materie selbst liefere die Möglichkeit dafür, Metaphysik zu betreiben, glaubt Grant. Mit schleimigen neuronalen Akkumulationen wird diese extrem abstrakte Wissenschaft möglich. Warum? Weil die mentalen Phänomene von Anfang an existieren und mit den Existenzbedingungen der materiellen zusammenfallen.

Der Bonner Philosophie-Professor Markus Gabriel ist ein deutscher Vertreter des Neuen Realismus. "Es gibt nicht nur einfach Einzeldinge", sagt der 34-Jährige im Gespräch mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Wenn Relationen zwischen den Einzeldingen bestehen - etwa, dass eine Billardkugel eine andere anstößt - kommt bereits ein weiterer Begriff ins Spiel: die kausale Beziehung zwischen den beiden Gegenständen. "Es gibt plötzlich nicht mehr nur die Einzeldinge, sondern es wurden auch Verbindungen zwischen ihnen hergestellt. Nur bestanden diese Verbindungen ja auch schon vorher, bevor sie einer gedacht hat", sagt Gabriel. Also müsse man auch annehmen, dass es schon Relationen gab. "Wenn es aber Relationen gab, gab es nicht immer einfach nur Einzeldinge."

Es gibt also mehr, als nur das Einzelne. Wenn nur Materie als existent betrachtet wird, spricht man von einem materialistischen Weltbild. Darin hätte der menschliche Geist keinen Platz. Es gibt das Gehirn, gewiss. Aber das Denken wäre nicht mehr als eine Veränderung seines chemischen Zustands, oder, physikalisch gedacht, seines Ladungszustands. Aber was ist dann mit dem Menschen und seiner Erkenntnis der Realität?

Gabriel drückt den Hauptgedanken seines Neuen Realismus so aus: "Ich glaube, dass es nur dann ein Universum gibt, wenn Relationen bestehen. Sie sind aber schon Allgemeinbegriffe und damit mehr, als der Materialismus zugesteht. Ich glaube, dass das Universum schon denkt. Es besteht aus Sternenstaub und Gedanken. Sie sind die ganze Zeit schon da."

Das Universum oder die Welt um uns herum besitzt damit eine logische Struktur. "Das Siebengebirge besteht aus sieben Bergen: wenn ich vorne hochgehe, komme ich hinten wieder runter", sagt Gabriel. "Ich wende die einfachste Logik auf Gebirge an und es funktioniert. Warum? Weil die Gebirge schon logisch sind." Er ist überzeugt, dass es Dinge an sich gibt. Und sie besitzen die Eigenschaft, gedacht werden zu können. "Der Mond besitzt die Eigenschaft, von uns gedacht werden zu können. Er existiert auch, wenn wir ihn nicht denken. Die Bedingung, dass er erfasst werden kann, ist dennoch eine seiner Eigenschaften." Aber wo kommen die Eigenschaften dann her? "Die logische Form ist einfach nur brutal da", sagt Gabriel. "Ein factum brutum."

Das All ist also nicht alles. Es gibt sogar das Denken in ihm als seine Eigenschaft. Im Grunde genommen stärken Philosophen wie Gabriel und Nagel den Menschen in seiner Stellung. Auf der anderen Seite entfernen sie ihn aber aus dem Zentrum des Geschehens. "Ich will die wirkliche kopernikanische Revolution", sagt Gabriel. "Das heißt, dass der Mensch in der Ordnung, wie die Dinge sind, eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Das versuche ich zu denken: Wahrheit ohne Menschen."