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Raumstation ISSDas Zwillings-Experiment im All

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Biologisch trennen Scott und Mark Kelly nur sechs Minuten. Aber seit gestern liegen Welten zwischen den kahlköpfigen eineiigen Zwillingsbrüdern aus West Orange im US-Bundesstaat New Jersey. Während der eine, Scott (51), mit Tempo 28 000 (Stundenkilometer) in knapp 370 Kilometer Höhe in der Internationalen Raumstation ISS ein Jahr lang um den blauen Planeten rasen wird, hält der gleichaltrige Mark mit beiden Beinen in Tucson/Arizona auf der Erde die Stellung.

Mit dem einmaligen Experiment will die US-Raumfahrtbehörde NASA auf ihrem Weg zur ersten bemannten Mars-Mission intensiv erkunden, wie sich Langzeit-Aufenthalte im Weltraum auf den Menschen auswirken. Weil Scott und Mark genetisch nahezu identisch sind, können erstmals biochemische Reaktionen auf Phänomene wie Schwerelosigkeit oder erhöhte kosmische Strahlung direkt und verlässlich verglichen werden, sagt NASA-Raumfahrt- Chef Charles Bolden. Dass Mark und Scott sich verschieden ernähren werden, abweichende Wach- und Schlaf-Zyklen haben und nicht die gleiche Luft atmen werden, sei für die Bewertung am Ende nicht ausschlaggebend.

Kampfjet-Piloten bei der Marine

Neben einer erhöhten kosmischen Strahlung gelten beispielsweise noch Muskel- und Knochenschwund, ein im All schwächelndes Immunsystem und der erhöhte Schädelinnendruck und seine Folgen für das Gehirn als Risikofaktoren. Auch Probleme mit den Augen können sich entwickeln.

Damit die Versuchsanordnung gelingt, werden beiden Astronauten, die Mitte der 90er Jahre Kampfjet-Piloten bei der Marine waren, dann gemeinsam zur NASA wechselten und zusammen 240 Tage All-Erfahrung haben, permanent Blut, Speichel und Stuhl entnommen. Über 400 Experimente, die von Dutzenden Forschern von zehn Top-Universitäten begleitet werden, stehen bei den Kellys auf dem Arbeitszettel. "Wir werden zum ersten Mal in Echtzeit beobachten können, wie und ob der Daueraufenthalt im All den Prozess des Alterns beschleunigt", erklärten Mediziner der Universität von Kalifornien.

Durch baugleiche Tests wird untersucht, ob sich die DNA, die genetische Visitenkarte, verändert und was permanente Abgeschiedenheit und die Abwesenheit von Jahreszeiten sowie Tag und Nacht in der engen Raumkapsel mit logischem Denkvermögen und Psycho-Kostüm eines Menschen anstellen. Mit ihrem nahezu identischen Erbgut liefern Scott und Mark der NASA eine einmalige Chance: Weil es zwischen ihnen weit weniger Variablen gibt als sonst zwischen zwei Männern, lässt sich aus Unterschieden in den Daten weit besser auf Effekte des Lebens im All schließen.

Im Fall von Mark Kelly verbindet sich damit eine bewegende Geschichte. Sein Bruder war just auf Raumfahrt, als ein geistesgestörter Amokläufer in einem Einkaufszentrum nahe Phoenix am 8. Januar 2011 Marks Frau Gabriel Gifford mit mehreren Kopfschüssen schwer verletzte. Die beliebte demokratische Kongress-Abgeordnete kämpft sich seither, unterstützt von ihrem Mann, mit bewundernswerter Ausdauer zurück ins Leben. Mark Kelly, eine stets Gelassenheit verbreitende Frohnatur, der sich in den USA hohes Ansehen erworben hat und bereits für politische Ämter gehandelt wird, hat seine langjährige Astronauten-Karriere für die Begleitung seiner Frau zurück in den Alltag aufgegeben. „Mein Labor ist jetzt hier auf Mutter Erde.“

Ein Russe ist mit von der Partie

Wenn sein Bruder hoch oben den Koller kriegen sollte und E-Mail, Facebook und Telefon nicht mehr ausreichen, um mit den 20 und 11 Jahre alten Töchtern und Partnerin Amiko Kauderer Kontakt zu halten, wird Mark Kelly die mit Abstand beste Hilfe anbieten können. „Ich habe das alles schon selbst durchgemacht.“ Nur nicht über so einen langen Zeitraum.

Für amerikanische Astronauten ist in der Regel nach einem halben Jahr auf der ISS Schluss. Russische Kosmonauten wie Waleri Poljakow verbrachten Mitte der 90er Jahre schon über 430 Tage an Bord der Raumstation „Mir“. Diesmal ist neben Kelly der Russe Michael Kornienko mit von der Langzeit-Partie.